Alzheimer-Demenz:

Erkrankung mit vielen Gesichtern

Hamburg / Mainz (26. Juni 2007) – Der Verlauf der Alzheimer-Demenz ist nicht nur von kognitiven und funktionalen Beeinträchtigungen, sondern zunehmend auch von neuropsychiatrischen Auffälligkeiten geprägt. Ist der Betroffene leicht reizbar, aggressiv oder apathisch, kann das auch die Lebensqualität der pflegenden Angehörigen erheblich beeinträchtigen. Wie man diese Veränderungen frühzeitig erkennen und adäquat therapieren kann, wurde im Rahmen der Pressekonferenz „Noch behandlungswürdig? Alzheimer-Therapie: Nutzen in der Praxis" (Lundbeck) in Mainz diskutiert.

Die Alzheimer‑Demenz ist durch einen schleichenden Beginn und einen kontinuierlich fortschreitenden Verlauf charakterisiert. Dieser kann aber hinsichtlich Ausprägung und Geschwindigkeit von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sein. Die ersten Symptome betreffen in der Regel die kognitive Leistungsfähigkeit. Im moderaten bis mittelschweren Stadium lässt die Fähigkeit, Aufgaben des täglichen Lebens zu verrichten, immer stärker nach. Im Verlauf der Erkrankung treten zunehmend auch psychopathologische Symptome auf. „Von der Art und dem Ausmaß dieser Beschwerden hängt die Lebensqualität der Patienten und ihrer Angehörigen mehr und mehr ab. Die Kognition tritt hingegen in den Hintergrund", so Dr. med. habil. Andreas Fellgiebel, Leiter der Gedächtnis-Ambulanz an der Psychiatrischen Klinik der Universität Mainz. Dies wird durch eine internationale Umfrage unter mehr als 1.100 pflegenden Angehörigen bestätigt: Im täglichen Umgang mit den Erkrankten wurden Verhaltensstörungen wie Agitation oder Aggression als besonders belastend empfunden.(1) In vielen Fällen geben sie den Ausschlag für Krankenhauseinweisungen oder die Unterbringung in einem Pflegeheim.

Frühe Diagnose wichtig

Leichte Veränderungen des Verhaltens sind oft bereits im Frühstadium einer Demenz zu beobachten, etwa verstärkte Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen oder ein Nachlassen des Antriebs und der Aktivität. Auch depressive Verstimmungen sind nicht selten. Angesichts der komplexen Symptomatik ist es wichtig, eine beginnende Alzheimer-Demenz frühzeitig zu diagnostizieren und von anderen Erkrankungen sowie normalen Alterserscheinungen abzugrenzen. Dies ist eine der zentralen Aufgaben einer Gedächtnisambulanz, wie Dr. Fellgiebel in Mainz erläuterte. „Unser Ziel ist es, eine möglichst frühe Sicherung der Diagnose Alzheimer ‑ oder deren Ausschluss ‑ durchzuführen, um unter Ausschöpfung aller Behandlungsoptionen die Autonomie und Lebensqualität der Demenzpatienten möglichst lange zu bewahren."

Zielgerichtete Therapie

Die sichere Diagnose ist die Voraussetzung, um eine spezifisch auf den Patienten abgestimmte Therapie einzuleiten. Ein wichtiger Baustein der Therapie sind die zugelassenen Antidementiva. Ihre Wirksamkeit auf die Kerndomänen Kognition und Alltagskompetenz ist in zahlreichen Studien nachgewiesen worden. Am Beispiel von Memantine (Ebixa®), das für moderate bis schwere Stadien zugelassen ist, lassen sich darüber hinaus auch positive Effekte auf das Verhalten zeigen. (2) Das verdeutlicht eine Analyse, in der zwei klinische Studien mit 252 bzw. 404 Patienten mit mittelschwerer bis schwerer AlzheimerDemenz ausgewertet wurden. Die Teilnehmer erhielten über 24 bzw. 28 Wochen Memantine als Monotherapie oder in Kombination mit einem Acetylcholinesterasehemmer. In beiden Studien wurden die Häufigkeit und die Ausprägung von zwölf definierten Verhaltensstörungen wie Wahnvorstellungen, Angst oder Aggressionen im NPI-Score (NeuroPsychiatric Inventory) erfasst. Die Analyse zeigte, dass die Memantine-Gruppe der Kontrollgruppe in beiden Studien in fast allen Kriterien überlegen war. Besonders signifikant war die Wirkung auf aggressives und agitiertes Verhalten; auch das Auftreten solcher Symptome bei anfangs unauffälligen Patienten wurde deutlich häufiger verhindert.

Die positiven Effekte der Antidementiva auf die neuropsychiatrische Symptomatik tragen dazu bei, den immer noch häufigen Einsatz von atypischen Neuroleptika bei Patienten mit Alzheimer-Demenz zu reduzieren. Wie neuere Untersuchungen zeigen, bringen Atypika hier höhere Risiken für Nebenwirkungen mit sich und sind daher nur in schwereren Fällen als vorübergehende Medikation zu empfehlen, wie Dr. Fellgiebel erläuterte.

Einbeziehung der Angehörigen

Die medikamentöse Therapie alleine reicht aber noch nicht aus, um den vielfältigen Anforderungen bei der Versorgung von Alzheimer‑Patienten gerecht zu werden. „Gerade aufgrund der Verhaltensänderungen halten wir auch eine frühe psychotherapeutische sowie psychosoziale Intervention für dringend erforderlich", betonte Mag. rer. nat. Ingrid Schermuly, Psychologin und Leiterin der verhaltenstherapeutisch orientierten Gruppen­therapie an der Gedächtnisambulanz in Mainz. So kommt der Selbstwertstabilisierung im therapeutischen Prozess eine besondere Bedeutung zu. Entscheidend ist dabei auch die Einbindung der Angehörigen: Die Partnerbeziehung spielt für die Lebensqualität der Be­troffenen eine zentrale Rolle; sie wird durch die frühe Intervention geschützt und stabili­siert. Durch die Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung und die Motivation zu positi­ven Aktivitäten können auch Depressionen vorgebeugt werden.

Hilfsangebote vernetzen

Gerade die Leistung der pflegenden Angehörigen ist gesellschaftlich und gesundheits­ökonomisch kaum zu unterschätzen. Ein Großteil der Menschen mit Alzheimer‑Demenz wird zu Hause vom Partner oder den Kindern betreut. (3) Die tägliche Pflege ist mit enormen psychischen, physischen und auch finanziellen Belastungen verbunden. Wie die bereits erwähnte internationale Umfrage zeigt, verbringt rund die Hälfte derjenigen, die einen schwer Demenzkranken betreuen, täglich mindestens zehn Stunden mit der Pflege.(4) Um die Pflegepersonen bei dieser wichtigen Aufgabe zu unterstützen, kommt es in Zukunft vor allem darauf an, die vorhandenen Hilfsangebote ‑ Hausarzt, Facharzt, Tagespflege, Beratungsstellen ‑ noch stärker miteinander zu vernetzen. Auch dafür ist die Situation in Mainz beispielhaft: Seit Mai 2006 wird hier ein integriertes Versorgungsmodell für Demenzpatienten etabliert, an dem neben der Gedächtnisambulanz derzeit etwa 25 niedergelassene Haus‑ und Fachärzte beteiligt sind.

Über die Gedächtnisambulanz am Universitätsklinikum Mainz

Ein Schwerpunkt der Gedächtnisambulanz liegt in der Frühdiagnostik und Differentialdiag­nostik von Demenzen. Sie bietet darüber hinaus eine qualifizierte psychosoziale Beratung für Demenzkranke und ihre Familien sowie eine Psychotherapiegruppe für Patienten mit leichten kognitiven Störungen und leichter Demenz sowie für deren Angehörige an. Das Pilotprojekt "Diagnose Demenz und was dann?", ein Gruppenprogramm zur Frühinterven­tion für Patienten mit beginnender Demenz und ihre Angehörigen, wurde 2004 mit dem Sonderpreis „Sozial aktiv" des Sozialministeriums Rheinland Pfalz ausgezeichnet. Seit Mai 2006 besteht ein Vertrag zur Integrierten Versorgung zwischen der Barmer Ersatz­kasse, der Gedächtnisambulanz der Universität Mainz und derzeit etwa 25 nieder­gelassenen Vertragsärzten.

Anmerkungen

  1. Alzheimer Europe (2006): Who cares? The state of dementia care in Europe (http://www.alzheimereurope.org/upload/SPTUNFUYGGOM/downloads/BAF644C16E7D.pdf)
  2. Gauthier S, Wirth Y, Möbius H J (2005) Effects of memantine an behavioural symptoms in Alzheimer’s disease patients; an analysis of the Neuropsychiatric Inventory (NPI) data of two randomised, controlled studies. International Journal of Geriatric Psychiatry 20:459‑464
  3. Robert Koch Institut (2005): Altersdemenz (Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 28)
  4. Alzheimer Europe (2006); Who cares? The state of dementia care in Europe (www.alzheimer­europe.org/upload/SPTUNFUYGGOM/downloads/BAF644C16E7D.pdf )


Quelle: Pressekonferenz der Firma Lundbeck zum Thema “Noch behandlungswürdig? Alzheimer-Therapie: Nutzen in der Praxis“ am 26.06.2007 in Mainz (GCI HealthCare) (tB).

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