Neue Erkenntnisse zur Prävention von Gefäßerkrankungen:

Aspirin auch bei Typ-2-Diabetikern nur gezielt zur „Sekundärprävention“ einsetzen

 

Bochum (3. August 2009) – Herzinfarkt und Schlaganfall sind eine häufige Folge der Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus. Eine blutgerinnungshemmende, antithrombotische Therapie im Rahmen der Diabetes-Behandlung erscheint somit sinnvoll. „Neue Erkenntnisse lassen jedoch vermuten, dass Patienten mit Typ-2-Diabetes ohne ein vorheriges Gefäßereignis wie Herzinfarkt oder Schlaganfall von einer solchen Therapie insgesamt nicht profitieren und auch Nachteile durch Nebenwirkungen wie zum Beispiel Magen-Darmblutungen haben“. Darauf weist Professor Dr. med. Helmut Schatz, Bochum, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), hin.

 


Für die antithrombotische Therapie stehen mehrere Medikamente zur Auswahl, insbesondere Acetylsalicylsäure (ASS). Bisherige Untersuchungen zeigen, dass Aspirin die Anzahl von kardiovaskulären Gefäßerkrankungen senken kann: In einer kürzlich durchgeführten Meta-Analyse mehreren Studien, die 95 000 Menschen aus der Allgemeinbevölkerung einschloss – veröffentlicht in der Fachzeitschrift Lancet (2009; 373, 1849-60) – lag die Anzahl der kardiovaskulären Ereignisse unter Einnahme von Aspirin um zwölf Prozent niedriger als ohne. Dem stand jedoch eine signifikante Zunahme an Blutungen insbesondere aus dem Magen-Darmtrakt gegenüber. Insgesamt wurde ein „Netto-Nutzen“ von Aspirin für die Allgemeinbevölkerung als fraglich eingestuft.

 

In die gleiche Richtung weist auch die Studie „Aspirin for Asymptomatic Atherosclerosis (AAA)“, die Georg Fowkes, Edingburgh, Ende August 2009 auf dem Europäischen Kardiologenkongress in Barcelona vorstellte. Die Wissenschaftler untersuchten 29 000 schottische Frauen und Männer auf Erkrankungen der Gefäße. Sie fanden 3350 Teilnehmer mit Hinweisen auf eine beginnende, asymptomatische Atherosklerose, jedoch ohne Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Hälfte der Teilnehmer erhielt täglich 100 Milligramm Aspirin (ASS), die andere Hälfte ein Plazebo. Im Schnitt wurden die Personen 8,2 Jahre lang beobachtet und kardiovaskuläre Ereignisse erfasst. Ergebnis: Das Aspirin zeigte keine erkennbaren Vorteile bezüglich Gefäßerkrankungen.

 

Menschen mit Diabetes sind Hochrisikopatienten für Herz-Kreislauferkrankungen. Die Annahme war bisher, dass bei ihnen weniger gefäßbedingte Erkrankungen durch die Einnahme von Aspirin auftreten. Diese sogenannte „Primärprävention“ wird deshalb von der Amerikanischen Diabetesgesellschaft (ADA) empfohlen. Auch die Praxisleitlinie der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) vom Jahre 2008 führt Aspirin an.

 

Inzwischen mehren sich aber die Arbeiten, welche gegen den Einsatz von Aspirin in der Primärprävention von Herz-Gefäßkomplikationen bei Diabetespatienten sprechen. So zeigten sich in der japanische Studie „Japanese Primary Prevention of Atherosclerosis with Aspirin for Diabetes“ (JPAD) – veröffentlicht in der Fachzeitschrift JAMA (2008; 300, 2134-41) – nicht die erwarteten Vorteile, wenn Typ-2-Diabetiker Aspirin einnehmen.

 

Eine schwedische Arbeit fand sogar eine erhöhte Sterblichkeit von Diabetespatienten ohne vorausgegangene kardiovaskuläre Ereignisse unter Aspirin: „Aspirin increases mortality in diabetic patients without cardiovascular disease: a Swedish record linkage study“

 

(Pharmacoepidemiol Drug Safety, Wiley, London, August 2009). Die Mortalität stieg signifikant bei 50-Jährigen um 17 Prozent, bei 85-Jährigen um 29 Prozent. Günstig waren hingegen die Ergebnisse bei der sogenannten Sekundärprävention: Hatten die Teilnehmer bereits einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall, tendierte die Sterblichkeit mit Einnahme von Aspirin zu niedrigeren Zahlen als ohne Aspirin. Die Autoren dieser Studie, L. Welin et al., fordern, die Leitlinien zu revidieren. Mit einer eventuellen  Empfehlung von Aspirin zur Primärprävention bei Diabetes solle abgewartet werden, bis die Resultate größerer, randomisierter kontrollierter Studien vorliegen.

 

„Wir müssen also noch stärker als bisher abwägen, ob eine antithrombotische Therapie mit Aspirin bei Diabetes sinnvoll ist oder nicht, und auch die Nebenwirkungen wie Magen-Darmblutungen bedenken“, betont Professor Schatz. Zur primären Verhütung von Herzinfarkt und Schlaganfall ist dies nach den jetzt vorliegenden, neuen Studien offenbar nicht der Fall.

 

Eine Folge der Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus ist ein hohes Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Das Blut von Diabetespatienten gerinnt schneller, da die Blutplättchen sich leichter vernetzen. Die Folgen sind Verklumpungen beziehungsweise Gerinnsel im Blut, sogenannte Thrombosen, welche die Herz- und Hirngefäße verstopfen können. Diabetes mellitus gilt daher als besonderer Risikofaktor für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Mehr als drei Viertel der Diabetiker versterben an Folgen von Durchblutungsstörungen in diesen Gefäßen. Um die Gefahr zu senken, empfehlen viele wissenschaftliche Gremien eine antithrombotische Therapie, welche jedoch nicht generell, sondern individuell und abgestimmt auf die Vorgeschichte des Patienten erfolgen sollte.

 


 

Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie vom 03.09.2009.

MEDICAL NEWS

Fitness watches generate useful information, but increase patient anxiety
A new device provides added protection against COVID-19 during endoscopic…
81 million Americans lacking space or bathrooms to follow COVID…
Front-line physicians stressed and anxious at work and home
EULAR: High-Dose Glucocorticoids and IL-6 Receptor inhibition can reduce COVID-19…

SCHMERZ PAINCARE

Krankenhäuser und Praxen müssen sich bei der Schmerztherapie nach Operationen…
Morbus Fabry mittels Datenanalysen aus dem PraxisRegister Schmerz aufspüren
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2020 – ONLINE
Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert Anerkennung von Nicht-Psychologen in der…

DIABETES

„Körperstolz“: Michael Krauser managt seinen Diabetes digital
Der richtige Sensor – von Anfang an
Diabetes mellitus: Ein Risikofaktor für frühe Darmkrebserkrankungen
Fastenmonat Ramadan: Alte und neue Herausforderung für chronisch Erkrankte während…
Sanofi setzt sich für die Bedürfnisse von Menschen mit Diabetes…

ERNÄHRUNG

Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren
Gesundheitliche Auswirkungen des Salzkonsums bleiben unklar: Weder der Nutzen noch…
Fast Food, Bio-Lebensmittel, Energydrinks: neue Daten zum Ernährungsverhalten in Deutschland
Neue Daten zur Ernährungssituation in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen: Mangelernährung…
Baxter: Parenterale Ernährung von Patienten mit hohem Aminosäurenbedarf

ONKOLOGIE

Bestmögliche Versorgungssicherheit bei der Krebstherapie mit CAR-T-Zellen
Darolutamid bei Prostatakarzinom: Hinweis auf beträchtlichen Zusatznutzen
Multiples Myelom: Wissenschaftler überprüfen den Stellenwert der Blutstammzelltransplantation
Neues zur onkologischen Supportiv- und Misteltherapie und aktuelle Kongress-Highlights zum…
Neue Darreichungsform zur Antiemese bei Chemotherapie: Akynzeo® ist ab sofort…

MULTIPLE SKLEROSE

Geschützt: Multiple Sklerose: Novartis’ Siponimod verzögert Krankheitsprogression und Hirnatrophie bei…
Neurofilamente als Diagnose- und Prognosemarker für Multiple Sklerose
Bedeutung der Langzeittherapie bei Multipler Sklerose – mehr Sicherheit und…
Bristol Myers Squibb erhält Zulassung der Europäischen Kommission für Ozanimod…
Einige MS-Medikamente könnten vor SARS-CoV-2/COVID-19 schützen

PARKINSON

Neue Studie zur tiefen Hirnstimulation bei Parkinson-Erkrankung als Meilenstein der…
Putzfimmel im Gehirn
Parkinson-Patienten in der Coronakrise: Versorgungssituation und ein neuer Ratgeber
Neuer Test: Frühzeitige Differenzialdiagose der Parkinson-Erkrankung
Gegen das Zittern: Parkinson- und essentiellen Tremor mit Ultraschall behandeln…