Decodierung von Schmerz

Schmerzmessinstrument für Demenzkranke

 

Bamberg (10. September 2015) – Rund 1.5 Millionen Patientinnen und Patienten in Deutschland sind demenzkrank. Etwa jeder zweite von ihnen leidet unter chronischen Schmerzen, die nicht erkannt und daher nicht behandelt werden. Der Grund: Demenzkranke können Schmerz wegen ihrer kognitiven Störung nicht mehr sprachlich präzise benennen, da Gedächtnisleistung, Denkvermögen und Kommunikationsfähigkeit im Verlauf der Krankheit immer weiter abnehmen. Hilfe tut Not: Zahlen zeigen, dass nach einer Hüft-OP die demenzkranken Patientinnen und Patienten lediglich ein Drittel der Schmerzmittelmenge erhielten, die die gesunde Vergleichsgruppe nach der gleichen OP nötig hatte.

„Demenzkranke Menschen leiden großes Schmerzunglück“, sagt Prof. Dr. Stefan Lautenbacher, Inhaber der Professur für Physiologische Psychologie an der Universität Bamberg. Er forscht zu den alternativen Kommunikationsformen, die Demenzkranke nutzen, um Schmerz auszudrücken. Diese – meist nonverbalen – Kommunikationswege sind für die Pflegekräfte nur schwierig zu deuten. Lautenbacher hat ein Schmerzmessinstrument entwickelt, das Abhilfe schafft.


Schmerzmessinstrument soll Abhilfe schaffen

Ein einfach anzuwendendes, europaweit gültiges Schmerzmessinstrument in Form eines Fragebogens will demenzkranken Patienten und ihren Pflegekräften in Zukunft helfen: Unter Lautenbachers Vorsitz forschten Expertinnen und Experten aus 16 Ländern dazu, welche Kommunikationswege Demenzkranke nutzen und wie diese erkannt werden können. Finanziell gefördert wurde das interdisziplinäre Projekt mit vierjähriger Laufzeit von der European Cooperation in Science and Technology (COST).

Lautenbacher beschäftigte sich zunächst auf nationaler Ebene mit der Decodierung von Schmerz. Er untersuchte, wie kognitiv Beeinträchtigte Schmerz ausdrücken und was davon Pflegekräfte und Angehörige erkennen können. Dafür lud er etwa 60 Pflegekräfte ein und zeigte ihnen Videoaufnahmen, die mimische Reaktionen von demenzkranken und gesunden Probanden mit Schmerzen zeigen. Die Untersuchungsteilnehmer sollten beurteilen, wie viel Schmerz sie in den Gesichtern sahen. In einer weiteren Studie schrieb er über 250 Alten- und Pflegeheime an und ließ rund 400 Altenpfleger mit dem entwickelten Fragebogen die Mimik ihrer Schutzbefohlenen bei potentiell schmerzhaften Verrichtungen wie Körperhygiene, Aufstehen oder Umbetten beurteilen.


Schmerzcodierung und -decodierung international erforscht

Im Anschluss an ihre eigenen nationalen Studien ließ Lautenbacher die europäischen Expertinnen und Experten die Ergebnisse diskutieren. Das Fazit: Körperhaltung, Mimik und Vokalisation bieten die besten Anzeichen für Schmerz. Unruhiges Umherwandern im Altenheim, Hinken oder Reiben einer Körperstelle kann ebenso ein Zeichen von Schmerz sein wie verschiedene Gesichtsausdrücke. Äußerungen wie „Au“, „o weh“ oder verschiedene Atemstile, Klagen und Stöhnen funktionieren ebenso als Schmerzindikatoren.

Die 62 europäischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der COST-Action entwickelten auf Basis dieser Untersuchungsergebnisse ein Schmerzmessinstrument für Patientinnen und Patienten mit kognitiven Störungen und trugen Testfragen zusammen. Aktuell listet dieser Fragebogen 36 Anzeichen für Schmerzen auf, die die Pflegekräfte durch Beobachtung ihrer Patientinnen und Patienten entdecken können.

Werbung

Mittlerweile ist das Messinstrument in sechs Sprachen übersetzt und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Um seine Forschungsergebnisse schnellstmöglich in den pflegerischen Bereich zu tragen, plant Lautenbacher ab 2016 Schulungen für Pflegekräfte, um das Schmerzunglück der Demenzkranken zu lindern.

 


Quelle: Otto-Friedrich-Universität Bamberg,  10.09.2015 (tB).

MEDICAL NEWS

COVID-19 pandemic sees increased consults for alcohol-related GI and liver…
The eyes offer a window into Alzheimer’s disease
Ventilating the rectum to support respiration
Screening for ovarian cancer did not reduce deaths
Fatigue, mood disorders associated with post-COVID-19 syndrome

SCHMERZ PAINCARE

Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern
Wenn Schmerzen nach einer OP chronisch werden
Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2021 – ONLINE: Schmerzmediziner, Politiker und…
Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2021 – ONLINE: COVID-19-Pandemie belastet Schmerzpatienten…

DIABETES

Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf
Risikofaktoren für einen schweren COVID-19-Verlauf bei Menschen mit Diabetes
„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ meldet…

ERNÄHRUNG

DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren
Gesundheitliche Auswirkungen des Salzkonsums bleiben unklar: Weder der Nutzen noch…

ONKOLOGIE

Krebs – eine unterschätzte finanzielle Herausforderung
Cannabidiol gegen Hirntumore
Assistierte Selbsttötung bei Krebspatienten: Regelungsbedarf und Ermessensspielraum
Leberkrebs: Bei welchen Patienten wirkt die Immuntherapie?
Konferenzbericht vom virtuellen Münchener Fachpresse-Workshop Supportive Therapie in der Onkologie

MULTIPLE SKLEROSE

Neue S2k-Leitlinie für Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose
Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose: Stellungnahme zu SARS CoV 2 Impfdaten…
Schwangere mit MS: Schadet Schubbehandlung dem Ungeborenen?
Multiple Sklerose: Ein Sprung sagt mehr, als viele Kreuzchen auf…
Multiple Sklerose: Salzkonsum reguliert Autoimmunerkrankung

PARKINSON

Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung
Neuer Bewegungsratgeber unterstützt Menschen mit M. Parkinson durch Yoga
Covid-19-Prävention: besondere Vorsicht bei Patienten mit der Parkinson-Krankheit