Die Dinge in der Pflege

Wie Waschlappen, Hebelifter und Einmalhandschuhe zum Einsatz kommen

Hildesheim (18, Januar 2017) – Ob im Krankenhaus, im Pflegeheim oder zu Hause: In der Pflege kommen Dinge wie Waschlappen und Einmalhandschuhe zum Einsatz. „Die Dinge wandeln das private Zimmer der Bewohner in einen Raum der Pflege“, sagt Lucia Artner. Die Wissenschaftlerin der Universität Hildesheim untersucht, welche Bedeutung Objekte im Pflegealltag einnehmen. Seit 2014 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Projekt „Pflegedinge“. Einblicke in Ergebnisse aus der Forschung.


Einmalhandschuhe, Bettpfanne, Hebelifter – diese Dinge gehören zum Alltag von Lucia Artner. Die Wissenschaftlerin der Universität Hildesheim untersucht, welche Bedeutung Objekte im Pflegealltag einnehmen. Um dies herauszufinden, geht die Kulturanthropologin in Pflegeheime und auf Krankenstationen und beobachtet: Was passiert mit diesen Dingen, wer nutzt sie wie?

„Ein Pflegeheim ist nicht nur ein Ort der Pflege, sondern auch Wohnraum und Ort des Lebens“, sagt Lucia Artner. Die Wissenschaftlerin spricht mit Pflegekräften sowie älteren Damen und Herren über die Dinge in ihrem Alltag. In den Zimmern liegen Familienfotografien, Kosmetika und Briefe neben sterilen Einmalhandschuhen und Wattestäbchen, die das Kauen anregen sollen. Was machen solche Gegenstände, wenn sie so prägnant sind im Lebensraum? „Sie wandeln das private Zimmer der Bewohner in einen Raum der Pflege.“ Artner nennt sie „institutionalisierte Dinge“.

Lucia Artner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Die Pflege der Dinge“. In dieser Woche stellt sie nach vierjähriger Forschung erstmals gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Heidelberg, Berlin, Osnabrück und Hildesheim Forschungserkenntnisse vor. „Pflege gehört zum Alltag in allen Gesellschaften und findet nicht nur im Pflegeheim statt – auch innerhalb von Familien wird sehr viel geleistet. Pflege ist eine zentrale Praxis menschlichen Zusammenlebens, sie gehört zum Alltag – und dennoch ist Pflege kaum sichtbar“, sagt Artner. Die gesellschaftliche Bedeutung von Pflege wachse angesichts des demographischen Wandels. „Dennoch wird Pflege als entlohnte Arbeit – etwa als Pflegekraft in einem Pflegeheim – oder als reine Beziehungsarbeit – etwa die Pflege von Angehörigen innerhalb der Familie – kaum anerkannt. Mit unserem Forschungsprojekt möchten wir Pflege sichtbar machen, in dem wir anhand der Dinge zeigen, wie sich Pflege verändert und was den Pflegealltag prägt.“

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben eine Bandbreite an Dingen untersucht – von der Schnabeltasse aus dem 19. Jahrhundert über zeitgenössische Technologien wie Stehlifter bis hin zu sensorbasierten High-Tech-Systemen, die im Notfall Alarm schlagen.

Gerade in schambehafteten, intimen Momenten können die Dinge auch zu Professionalität und Sachlichkeit beitragen. „Der Toilettengang wird durch den Einsatz eines Toilettenstuhls zu etwas Gewöhnlichem – es ist dann weniger peinlich für alle Beteiligten“, sagt Artner.

Viele Dinge werden dabei auch mehrzweckmäßig, kreativ und anders als vom Hersteller angedacht verwendet. Ein Beispiel aus der Region Hannover: Der Toilettenstuhl kann nicht nur für den Toilettengang eingesetzt werden, so Artner. „Er wird auch zum Duschen und zum Transport genutzt. Eine ältere Dame guckt da Fernsehen drauf, statt auf einem Sessel. Bei einem anderen Herren wird mit dem Toilettenstuhl auch dessen Beweglichkeit trainiert.“ Man braucht Vertrauen in Dinge, vor allem auch in neue Technik, resümiert die Wissenschaftlerin. „Auch Ältere wollen sich wohl fühlen, wenn sie in einem Lifter hängen.“

Die Hildesheimer Wissenschaftlerin interessiert sich auch für die Veränderungen im Wandel der Zeit. Artner spricht deshalb mit Pflegekräften, die in den 1960er Jahren gearbeitet haben, sie untersucht Schwesternakten und Lehrbucheinträge. Dabei wird deutlich: In der Pflege wurden neue Gegenstände zunächst einmal auf ihre ‚Praxistauglichkeit‘ geprüft. Als in den 1970er Jahren die Einmalhandschuhe ihren Weg in den Pflegealltag fanden, wurde diese Entwicklung kritisch begleitet. „Die Handschuhe sind hygienisch. Ich habe aber so eine Distanz zu den Pflegenden. Ich möchte die Nähe nicht verlieren“, sagte etwa eine Pflegerin aus der damaligen Zeit.

Wie sich der Berufsalltag und Anforderungen an den Arbeitnehmer verändern, zeigen die Analysen von Isabel Atzl. Die Pfleghistorikerin und Sammlungsforscherin vom Medizinhistorischen Museum der Charité in Berlin zeigt, wie mit dem Einsatz von Dingen Veränderungen im Pflegeberuf einhergehen. So wurde das Fieberthermometer früher zunächst von Ärzten und später von Pflegekräften benutzt. Mit diesem Wechsel mussten Pflegekräfte auch neues Wissen und neue Qualifikationen erlernen. Beispielsweise mussten mit der Fieberkurve, die geschrieben wurde, Pflegekräfte nun Lesen und Schreiben können.

Außerdem wurde untersucht, wie Dinge zum Handeln anregen können. „In der stationären Langzeitpflege zeigt sich, dass es in erster Linie die Pflegekräfte sind, die die Nutzung der Dinge und den Ablauf der Tätigkeiten dirigieren. Sie geben den Menschen, die sie pflegen, Anstöße, Dinge zu nutzen“, sagt Artner. Über Dinge werden zum Beispiel ältere Menschen in einem Pflegeheim aktiv gehalten, indem Pflegekräfte beim Stuhlgang mit einem Toilettenstuhl eine Mobilisierungseinheit einbauen.

Ob es auch nutzlose Dinge gibt im Pflegealltag? Manche Utensilien, sagt Artner, finden erst mit der Zeit Anwendung. „In einem Pflegeheim wurde der Hebelifter kaum genutzt. Man hängt von der Decke, wird in die Badewanne gehievt. Für viele Menschen ist das ungewohnt, man fühlt sich zunächst unsicher.“

Lucia Artner forscht in einem sensiblen, intimen Bereich. „Ich kläre von Anfang an auf, was ich mache und warum, ich spreche viel mit Angehörigen von Demenzerkrankten.“ Mit den Objekten, sagt Artner, „kann man nicht reden“. Es sind die Menschen, die ihr erzählen und zeigen, was die Dinge im Alltag machen und die Einblicke geben in ihr Leben mit den Dingen. Und dafür, für all diese Begegnungen, ist die junge Forscherin sehr dankbar.

Kurz erklärt: Das Forschungsprojekt „Die Pflege der Dinge“

In dem Forschungsprojekt „Die Pflege der Dinge – Die Bedeutung von Objekten in Geschichte und gegenwärtiger Praxis der Pflege“ (kurz: „Pflegedinge“, www.pflegederdinge.de) arbeiten neun Fachleute des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité, der Arbeitsgruppe Pflegewissenschaft der Universität Osnabrück und des Instituts für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim zusammen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung förderte die Forschung von 2014 bis 2017. Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe untersucht die Dinge der Pflege, die im Krankenhaus, im Pflegeheim oder zu Hause zum Einsatz kommen. Im Projekt wurde der Einsatz von Gegenständen in der Altenpflege, in Privathaushalten und Krankenhäusern in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Berlin untersucht. Ergebnisse aus der Forschung stellen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Rahmen der internationalen Tagung „Dumme Dinge, schlaue Sachen?“ vom 18. bis 20. Januar 2017 in Heidelberg vor.

„Wir möchten künftig in der interdisziplinären Objektforschung jene Dinge verstärkt in den Blick nehmen, die die Pflege der Zukunft schon heute mitgestalten wie digitale Technologien oder Pflegeroboter“, sagt Lucia Artner. Wie erleben die Beteiligten zum Beispiel neue technische Geräte, die registrieren, wie sich Personen bewegen und im Notfall Alarm schlagen?

Das Thema Pflege steht am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim auch weiterhin im Fokus der Forschung. Professor Wolfgang Schröer und Professorin Kirsten Scheiwe haben 2011 das Forschungscluster „care@work“ gegründet. Innerhalb der Universität und deutschlandweit baut die Hildesheimer Arbeitsgruppe den Austausch zu verschiedenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus.

„Bislang fehlt es in Deutschland an grundlagenorientierter Forschung über die materiale Seite von Pflege. Fragen danach, welchen Anteil Dinge wie ein Fieberthermometer an der Pflege haben, wie damit Pflege-Arbeit strukturiert und das Wissen der Pflege realisiert wird, wurde im Bereich der historischen und gegenwärtigen Pflegeforschung bisher nicht systematisch untersucht“, sagt Lucia Artner.
 


Quelle: Stiftung Universität Hildesheim , 18.01.2017 (tB).

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