Kann man COVID-19 allein auf Basis von Symptomen diagnostizieren?

 

Freiburg (1. März 2021) — Die Autoren dieses aktualisierten Cochrane Reviews wollten wissen, ob das Vorhandensein bestimmter Symptome (z. B. Husten oder Fieber) und klinischer Merkmale (z. B. Lungengeräusche oder Blutdruck) die Diagnose von COVID-19 erlaubt oder zumindest unterstützen kann.

Krankheitssymptome sind wichtige Indikatoren bei der Diagnose von Erkrankungen. Menschen mit COVID-19 können ein breites Spektrum von Symptomen zeigen. Anzeichen einer leichten COVID-19-Erkrankung können Husten, Halsschmerzen, hohes Fieber, Durchfall, Kopfschmerzen, Muskel- oder Gelenkschmerzen, Müdigkeit und Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns sein. Allerdings sind viele dieser Symptome recht unspezifisch, sie könnten also auch bei einer harmlosen Erkältung vorkommen.

Oft suchen Menschen mit leichten Symptomen ihren Hausarzt auf. Menschen mit schwereren Symptomen gehen möglicherweise zur Notaufnahme oder Krankenhausambulanz. Je nachdem, wie das Ergebnis der medizinischen Untersuchungen aussieht, werden Patienten dann nach Hause geschickt, wo sie sich zuerst einmal in Quarantäne begeben, oder die Patienten erhalten weitere Tests. Eine dritte Möglichkeit wäre ihre Einweisung in ein Krankenhaus.

 

Warum ist eine genaue Diagnose so wichtig?

Eine genaue Diagnose stellt sicher, dass die richtigen Maßnahmen ergriffen werden, um eine Ausbreitung der Krankheit zu vermeiden. Auch stellt sie sicher, dass Menschen eine angemessene Behandlung erhalten. Dadurch werden weitere Schäden reduziert und Zeit und Ressourcen eingespart.

 

Was genau wollten die Autoren herausfinden?

Die Autoren wollten wissen, wie zuverlässig eine allein auf Symptomen und klinischen Merkmalen beruhende Diagnose von COVID-19 in der Primärversorgung oder im Krankenhaus sein kann, im Gegensatz also zu einer auch auf Virus-Tests beruhenden Diagnose.

Sie suchten nach Studien, die die Genauigkeit von Symptomen und Merkmalen zur Diagnose von COVID-19 untersuchten. Die eingeschlossenen Studien wurden in der Primärversorgung oder im ambulanten Bereich eines Krankenhauses durchgeführt. Studiendaten von stationär aufgenommenen Patienten wurden nur dann eingeschlossen, wenn die Symptome und Anzeichen bereits bei der Aufnahme in das Krankenhaus erfasst wurden.

Thomas Struyf, Hauptautor dieses aktualisierten Reviews erklärt zu diesem Review-Update: “Die Gesamtzahl der eingeschlossenen Studien hat sich erhöht und ihre Gesamtqualität hat sich im Vergleich zur vorherigen, im Juli 2020 veröffentlichten Version verbessert. Wir haben auch mehr Studien identifizieren können, die sich auf eine Diagnose basierend auf dem Verlust des Geruchs- oder Geschmackssinn konzentrieren.

Diese Aktualisierung bestätigt, dass durch ein einzelnes Symptom keine genaue COVID-19-Diagnose gestellt werden kann. Allerdings kann das Vorhandensein von Geschmacks- oder Geruchsverlust als starkes Indiz für eine mögliche Erkrankung dienen. Hohes Fieber oder Husten können ebenfalls als Anzeichen für die Diagnose von COVID-19 nützlich sein. Diese Symptome sollten in jedem Fall berücksichtigt werden und möglicherweise weitere Tests veranlassen.

Wir fanden insgesamt 44 Studien, die unseren Einschlusskriterien entsprachen. Diese enthielten insgesamt 84 Symptome, doch nur zehn davon kamen gehäuft vor. In anderen Worten: zu den meisten Symptomen gibt es nur sehr wenige Daten. Die zehn Symptome, die am häufigsten auftraten waren Fieber, Husten, Auswurf, Kurzatmigkeit, Halsschmerzen, Muskelschmerzen, Durchfall, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Geruchs- oder Geschmacksverlust. Wenige der in unserem Review eingeschlossenen Studien haben eine Kombination von Symptomen untersucht. Die meisten Studien berichteten über eine Reihe von Einzelsymptomen, während eine Diagnose in der Regel auf einer Kombination von mehreren Symptomen beruht. Mehr Studien mit Fokus auf die gleichzeitige Existenz mehrerer Symptome sind deshalb vonnöten.”

 

 

Welche Studien wurden in den Review eingeschlossen?

Die Autoren fanden 44 relevante Studien mit 26.884 Teilnehmern. Die Studien beinhalteten 84 Anzeichen und Symptome, nur wenige schlossen eine Kombination von klinischen Merkmalen und Symptomen ein. Drei Studien wurden in der Primärversorgung durchgeführt (insgesamt 1824 Teilnehmer), neun in spezialisierten COVID-19-Testkliniken (insgesamt 10.717 Teilnehmer), 12 Studien in Krankenhausambulanzen (5061 Teilnehmer), sieben Studien bei stationären Patienten (1048 Teilnehmer), 10 Studien in der Notaufnahme (3173 Teilnehmer). In drei der Studien wurde das Umfeld nicht genau angegeben (5061 Teilnehmer). Keine Studie fokussierte sich speziell auf Kinder, und nur eine Studie konzentrierte sich auf ältere Erwachsene.

 

Was sind die wichtigsten Ergebnisse des Reviews?

In den Studien wurde nicht eindeutig zwischen leichten und schweren COVID-19-Symptomen unterschieden, deshalb beinhaltet der Review undifferenziert die Ergebnisse für leichte, mittelschwere und schwere Erkrankungen.

Die am Häufigsten untersuchten Symptome waren Husten und Fieber. In unseren Studien hatten im Durchschnitt 21 % der Teilnehmer COVID-19, was in anderen Worten bedeutet, dass in einer Gruppe von 1000 Personen etwa 210 unter COVID-19 leiden würden.

Gemäß der in unserem Review eingeschlossenen Studie würden bei denselben 1000 Personen etwa 655 Personen Husten aufweisen. Von diesen 655 hätten dann etwa 142 tatsächlich COVID-19. Von den 345 Personen, die keinen Husten haben, hätten 68 Personen COVID-19.

Bei den gleichen 1000 Personen hätten etwa 371 Personen Fieber. Von diesen hätten 113 tatsächlich COVID-19. Von den 629 Patienten ohne Fieber hätten 97 tatsächlich COVID-19. Husten und Fieber erlauben also keine genaue Diagnose von COVID, weil beide Symptome hohe Raten sowohl von falsch-positiven, als auch von falsch negativen Ergebnissen erzeugen.

Das Anzeichen eines Geruchs- oder Geschmacksverlusts erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer COVID-19-Erkrankung erheblich. Zum Beispiel würde in einer Population, in der 2 % der Personen COVID-19 haben, der Verlust des Geruchssinns oder des Geschmackssinns die Wahrscheinlichkeit einer Person, COVID-19 zu haben, auf 8 % erhöhen.

 

Wie zuverlässig sind die Ergebnisse?

Die Genauigkeit der einzelnen Symptome und Merkmale variierte stark zwischen den Studien. Außerdem wurden die Teilnehmer in den Studien so ausgewählt, dass die Aussagen zur Genauigkeit der Tests auf Basis von Symptomen und Merkmalen mit hoher Unsicherheit behaftet sind.

 

Was sind die Schlussfolgerungen?

Die meisten Studien wurden in Krankenhäusern durchgeführt, sodass die Ergebnisse für die Primärversorgung möglicherweise nicht ganz repräsentativ sind. Die Ergebnisse können nicht ohne weiteres auf Kinder oder ältere Erwachsene übertragen werden und differenzieren nicht klar zwischen den Schweregraden der Erkrankung.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass einzelne Symptome, die in diesem Review untersucht wurden, keine genaue Diagnose von COVID-19 ermöglichen. Allerdings kann das Vorhandensein von Geschmacks- oder Geruchsverlust ein mäßig starkes Indiz für eine COVID-19-Erkrankung sein. Hohes Fieber oder Husten können ebenfalls auf COVID-19 hinweisen. Diese Symptome können als Auslöser für weitergehende Tests dienen.

Mehr Forschung ist erforderlich, um Kombinationen von Symptomen zu untersuchen und um unselektierte Populationen (inklusive Kinder und älteren Erwachsenen) zu testen.

 

 


Quelle: Cochrane Deutschland Stiftung (CDS), 01.03.2021 (tB).

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