Mangelernährung im Überfluss

Wie sich Mangelernährung im Krankenhaus auswirkt

Berlin (16. Juni 2008) – In deutschen Krankenhäusern ist fast jeder dritte bis vierte Patient mangelernährt. Höheres Alter, Krebs- und Mehrfacherkrankungen sind die Hauptfaktoren für eine Mangelernährung. Sie führt zu einem längeren Krankenhausaufenthalt und Genesungsverlauf sowie zu höheren Kosten. „Aktuelle Berechnungen (CEPTON, 2007) lassen im deutschen Gesundheitswesen durch krankheitsbedingte Mangelernährung zusätzliche Kosten von neun Milliarden Euro annehmen“, sagt Prof. Dr. Arved Weimann, Klinik für Allgemein- und Visceralchirurgie Klinikum "St. Georg" Leipzig gGmbH und neuer Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) anlässlich der Dreiländertagung „Ernährung 2008“ in Hamburg. Besondere Risikogruppen für Mangelernährung seien geriatrische Patienten, Patienten mit bösartigen Tumoren und solche mit schweren chronischen Erkrankungen, insbesondere auch vor Organtransplantation. Ein zielgerichtetes Ernährungs-Management (stationär und ambulant) und die rechtzeitige und richtige Ernährungstherapie kann die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessern und bieten ein hohes Einsparpotenzial für das Gesundheitswesen.

Die Netzwerkstudie „Mangelernährung“ der DGEM hatte Ende 2006 ergeben, dass 43 Prozent der Krankenhauspatienten über 70 Jahre mangelernährt waren, dazu litten im Vergleich nur 7,8 Prozent der Patienten unter 30 Jahren an Mangelernährung. Die meisten Fälle von Mangelernährung wurden in geriatrischen (56,2 %), onkologischen (37,6 %) und gastroenterologischen (32,6 %) Abteilungen beobachtet. Insgesamt mussten mangelernährte Patienten mit einer 43-prozentigen Verlängerung ihres Krankenhausaufenthaltes rechnen. Die gesamte Studie finden Sie in: „Clinical Nutrition“, Volume 25, Issue 4, August 2006, p. 563 – 572, The German Hospital Malnutrition Study.

Der Europarat hat 1999 eine Initiative zur „Hospital Malnutrition“ ins Leben gerufen und 2003 eine Resolution der Minister verabschiedet ( https://wcm.coe.int/rsi/CM/index.jsp ).  Wesentliches Ziel war hierbei, in den Mitgliedsländern die Bedeutung des Ernährungsstatus in das öffentliche Bewusstsein zu bringen. Bisher bestand große Unsicherheit bei der Erfassung des Ernährungsstatus und beim frühzeitigen Erkennung von Risikopatienten. Die Initiative setzt sich für einheitliche Standards und Richtlinien ein. Eine weitere Initiative ist der europaweite „NutritionDay“, der an einem Stichtag die Ernährungssituation in europäischen Krankenhäusern und in 2008 auch erstmalig in Pflegeheimen erfasste.

Bisher fehlte eine einheitliche Empfehlung zur Definition der Mangelernährung. Das hat sich nun geändert: Es gibt einheitliche Empfehlungen der European Society for Clinical Nutrition and Metabolism (ESPEN) zur Erkennung von Risikopatienten. Liegt der Gewichtsverlust bei mehr als fünf Prozent in den letzten drei Monaten, ist der Körpermassenindex (BMI) kleiner als 20,5 und wurde in der letzten Woche nur 75 Prozent der üblichen Kalorienmenge verzehrt, so deutet das auf eine Mangelernährung und schwere Erkrankung hin.

Ein schweres ernährungsmedizinisches Risiko liegt besonders bei Patienten der Chirurgie vor, wenn einer oder mehrere der folgenden Parameter für den Patienten zutreffen: BMI kleiner als 18,5, Gewichtsverlust zehn bis 15 Prozent in den letzten sechs Monaten, Subjective Global Assessment (SGA) Grad C, Serumalbumin kleiner als 30g/l bei Ausschluss einer Leber- oder Nierenerkrankung. (ESPEN, 2006).

Um die Mangelernährung gezielt zu bekämpfen, muss zunächst eine klare Indikation für die Überwachung des Ernährungsstatus gestellt werden. Das bedeutet, der Ernährungszustand des Patienten wird nicht nur erhoben, sondern auch permanent überwacht und gegengesteuert. Nur dadurch kann man verhindern, dass die Mangelernährung sich manifestiert und zu längeren Liegezeiten und schwierigerem Krankheitsverlauf führt. Gleichzeitig ist es notwendig, eine gezielte und rechtzeitige Ernährungstherapie einzuleiten. Dies gilt umso mehr, da die Verweildauer im Krankenhaus durch das pauschalierte Entgeltsystems (DRG) häufig verkürzt wird. Hier ist besonders wichtig, dass eine sektorenübergreifende Infrastruktur zwischen stationärer und ambulanter Betreuung eine Fortsetzung der Ernährungstherapie im ambulanten Bereich garantiert.


Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) vom 16.06.2008.

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