Neue Marker zur Früherkennung von Typ-1-Diabetes entdeckt

 

Neuherberg (30. September 2009) – Diabetes kann gefährlich werden – besonders dann, wenn die Krankheit nicht rechtzeitig entdeckt wird. Münchner Wissenschaftler vom Helmholtz Zentrum München und der Technischen Universität München haben neue Marker identifiziert, die eine frühe Diagnose und Prognose von Typ-1-Diabetes ermöglichen.

Unter Leitung von Prof. Dr. Anette Ziegler untersuchten Wissenschaftler der Forschergruppe Diabetes am Helmholtz Zentrum München und der Technischen Universität München die Bildung von Antikörpern gegen einen Zinktransporter bei Kindern mit erhöhtem Risiko für Typ-1-Diabetes. Die Studie erbrachte Hinweise auf einen frühen Ausbruch der Erkrankung, wenn bestimmte Antikörper im Blut und bestimmte Varianten des zugehörigen Zinktransporters im Genom vorliegen. Diese Risikopersonen benötigen eine besonders sorgfältige Überwachung.

Auf der ganzen Welt erkranken immer mehr Kinder an Typ-1-Diabetes. In Deutschland sind etwa 11.000 Kinder betroffen. Bei der Diagnose sind die Kinder durchschnittlich achteinhalb Jahre alt. Viele Kinder haben aber bereits in diesem Alter schwere Stoffwechselentgleisungen. Erfolgreiche Präventionsstrategien und detailliertes Screening können dies verhindern.

Das Team von Prof. Dr. Anette Ziegler und Dr. Peter Achenbach vom Helmholtz Zentrum München und der Technischen Universität München entwickelte in Kooperation mit Prof. Dr. Ezio Bonifacio von der Technischen Universität Dresden eine Erweiterung des bisherigen Risiko-Screenings. "Akute schwerwiegende Komplikationen wie ein diabetisches Koma beim Ausbruch der Erkrankung können so bei einem großen Teil der Kinder vermieden werden", erklärte Dr. Peter Achenbach. Die Wissenschaftler werteten die Daten von 1.633 Kindern aus. Da bei ihnen mindestens ein Elternteil unter Typ-1-Diabetes litt, war ihr Risiko ebenfalls zu erkranken, im Vergleich zu Kindern ohne familiäre Vorbelastung – erhöht.

Genetische Faktoren spielen bei der Entstehung von Typ-1-Diabetes eine wichtige Rolle. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass bestimmte Varianten des Zinktransportergens SLC30A8 das Diabetesrisiko beeinflussen. Der Körper benötigt dieses Gen, um das Eiweiß ZnT-8 produzieren zu können. Das Protein beeinflusst den Zinktransport in die Betazellen und spielt eine besondere Rolle bei ihrer Heranreifung und damit auch bei der Insulinsekretion.

Die Langerhans’schen Betazellen der Bauchspeicheldrüse schütten das lebenswichtige Insulin aus. Bereits vor dem Ausbruch des Typ-1-Diabetes zerstört das körpereigene Immunsystem die Betazellen. Hat diese Zerstörung ein bestimmtes Maß überschritten, bricht die Erkrankung aus: Der Insulinmangel führt zu verschiedenen Stoffwechselstörungen, unter anderem zu einer Erhöhung des Blutzuckerspiegels.

"Autoantikörper gegen ZnT-8 in Kombination mit einer bestimmten genetischen Variante des Zinktansportergens waren mit einem erhöhten Diabetes-Risiko verbunden", erklärte Dr. Peter Achenbach vom Institut für Diabetesforschung. "81 Prozent dieser Kinder mit ZnT-8-Antikörpern entwickelten einen Diabetes mellitus." Ein erhöhtes Diabetesrisiko ist bereits seit Längerem für die Inselautoantikörper bekannt. Hierzu gehören die Autoantikörper gegen Insulin (IAA), Inselzellantikörper gegen das Enzym Glutamat-Decarboxylase (GADA) und Tyrosinphosphatasen (IA-2A und IA-2ß).

"Damit sind Autoantikörper gegen ZnT-8 ein zusätzlicher wichtiger Marker für die Progression des Diabetes – insbesondere bei Kindern, die bereits Inselautoantikörper bilden", so PD Dr. Thomas Illig vom Institut für Epidemiologie. Eine differenzierte Analyse aller Autoantikörper lässt einschätzen, wie schnell die Erkrankung ausbrechen wird. Es gilt: Je größer die Anzahl der verschiedenen Autoantikörperarten, desto höher das Diabetesrisiko, und je jünger das Kind mit Autoantikörpern, desto früher bricht die Krankheit aus.

Originalpublikation

P. Achenbach, V. Lampasona, U. Landherr, K. Koczwara, S. Krause, H. Grallert, C. Winkler, M. Pflüger, T. Illig, E. Bonifacio, A. G. Ziegler: Autoantibodies to zinc transporter 8 and SLC30A8 genotype stratify type 1 diabetes risk, Diabetologia: Diabetologia. 2009

 

Helmholtz Zentrum München

Das Helmholtz Zentrum München ist das deutsche Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt. Als führendes Zentrum mit der Ausrichtung auf Environmental Health erforscht es chronische und komplexe Krankheiten, die aus dem Zusammenwirken von Umweltfaktoren und individueller genetischer Disposition entstehen. Das Helmholtz Zentrum München beschäftigt rund 1.680 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Hauptsitz des Zentrums liegt in Neuherberg im Norden Münchens auf einem 50 Hektar großen Forschungscampus. Das Helmholtz Zentrum München gehört der größten deutschen Wissenschaftsorganisation, der Helmholtz-Gemeinschaft an, in der sich 16 naturwissenschaftlich-technische und medizinisch-biologische Forschungszentren mit insgesamt 26500 Beschäftigten zusammengeschlossen haben.

 


 

Quelle: Pressemitteilung des  Helmholtz Zentrums München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH) vom 30.09.2009.

MEDICAL NEWS

Using face masks in the community: first update – Effectiveness…
Difficulties to care for ICU patients caused by COVID-19
Virtual post-sepsis recovery program may also help recovering COVID-19 patients
‘Sleep hygiene’ should be integrated into epilepsy diagnosis and management
Case Western Reserve-led team finds that people with dementia at…

SCHMERZ PAINCARE

Projekt PAIN2020: Wir nehmen Schmerzen frühzeitig ernst. Jetzt für alle…
Wechselwirkung zwischen psychischen Störungen und Schmerzerkrankungen besser verstehen
Wie ein Schmerz den anderen unterdrückt
Opioidtherapien im palliativen Praxisalltag: Retardierte Analgetika zeigen Vorteile
Krankenhäuser und Praxen müssen sich bei der Schmerztherapie nach Operationen…

DIABETES

Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes gehören nicht zur Risikogruppe und…
Neue Studie will Entstehung von Typ-1-Diabetes bei Kindern verhindern
Toujeo®: Ein Beitrag zu mehr Sicherheit für Menschen mit Typ-1-Diabetes
Diabetes: Neue Entdeckung könnte die Behandlung künftig verändern
Für Menschen mit Typ-2-Diabetes: Fixkombination aus Basalinsulin und GLP-1-Analogon

ERNÄHRUNG

Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren
Gesundheitliche Auswirkungen des Salzkonsums bleiben unklar: Weder der Nutzen noch…
Fast Food, Bio-Lebensmittel, Energydrinks: neue Daten zum Ernährungsverhalten in Deutschland
Neue Daten zur Ernährungssituation in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen: Mangelernährung…

ONKOLOGIE

Konferenzbericht: Aktuelle Daten aus der Hämatologie vom ASH 2020
Anzeige: Aktuelle Daten zur Therapie des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms
Aktuelle Daten zu Apalutamid und Abirateron in der Therapie des…
Forschende entwickeln neuen Ansatz, um Krebs der Bauchspeicheldrüse zu erkennen
Blasenkrebs: Wann eine Chemotherapie sinnvoll ist – Immunstatus erlaubt Abschätzung…

MULTIPLE SKLEROSE

Erste tierexperimentelle Daten zur mRNA-Impfung gegen Multiple Sklerose
Multiple Sklerose: Immuntherapie erhöht nicht das Risiko für schweren COVID-19-Verlauf
Empfehlung zur Corona-Impfung bei Multipler Sklerose (MS)
Fallstudie: Beeinflusst SARS-CoV-2 Infektion die Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose: Novartis’ Siponimod verzögert Krankheitsprogression und Hirnatrophie bei aktiver…

PARKINSON

Neuer Bewegungsratgeber unterstützt Menschen mit M. Parkinson durch Yoga
Neue Studie zur tiefen Hirnstimulation bei Parkinson-Erkrankung als Meilenstein der…
Putzfimmel im Gehirn
Parkinson-Patienten in der Coronakrise: Versorgungssituation und ein neuer Ratgeber
Neuer Test: Frühzeitige Differenzialdiagose der Parkinson-Erkrankung