Wenn Kauen zur Qual wird

 

Prof. Dr. M. Schmitter

 

Heidelberg (3. Juli 2009) – Funktionsstörungen im Kiefer-Gesichtsbereich gehen meist von der Kaumuskulatur und/oder den Kiefergelenken und/oder assoziierten Strukturen aus. Insbesondere Schmerzen, aber auch Limitationen der Unterkieferbeweglichkeit sind häufig Ausdruck einer bestehenden Funktionsstörung. Neuere Studien konnten zeigen, dass ca. 16 % der Bevölkerung behandlungsbedürftige Funktionsstörungen aufweisen.1 Somit liegt bei ca. jeder 6. erwachsenen Person eine Behandlungsbedürftigkeit vor- dies betont die Notwendigkeit, funktionsdiagnostische Untersuchungen in die tägliche Praxis zu integrieren. Viele Patienten sind sich jedoch nicht bewusst, dass ihre Beschwerden durch Funktionsstörungen bedingt sind, da z.B. auch Kopfschmerzen hierzu zählen können.2

 

Viele Patienten mit Funktionsstörungen beklagen die reduzierte Fähigkeit zu Kauen und/oder Nahrungsmittel abzubeißen. Dies kann mehrere Ursachen haben, wobei Schmerzen (in den Kiefergelenken, der Kaumuskulatur und/oder den Zähnen) am häufigsten vorkommen. In einigen Fällen treten die Schmerzen auch in Ruhe auf, d.h. wenn keine Belastungen auf das Kausystem einwirken. Zusätzlich kann die Unterkieferbeweglichkeit limitiert sein oder störende Kiefergelenkgeräusche auftreten.

 

Doch welche funktionellen Erkrankungen (also keine Traumata oder Tumoren etc.) führen zu Schmerzen in den verantwortlichen Strukturen (Gelenk, Muskulatur, Zähne)?   

 

Im Kiefergelenk können Verlagerungen des Diskus und Formveränderungen des Gelenkköpfchens ursächlich für die länger andauernden Schmerzen verantwortlich sein.3-5 Diese Erkrankungen treten natürlich mit wachsender Wahrscheinlichkeit mit zunehmendem Lebensalter auf- und sind damit in der „überalternden“ Gesellschaft immer häufiger anzutreffen4– können jedoch auch bei jüngeren Patienten und sogar Kindern auftreten.6

 

Muskuläre Beschwerden können durch eine muskuläre Überbelastung oder andere Ursachen hervorgerufen werden.

 

Frauen sind (aus bisher noch nicht vollständig aufgeklärten Gründen) häufiger betroffen als Männer und die Prävalenz von Funktionsstörungen wird, je nach Altersklasse, mit bis zu 50 % angegeben, die behandlungsbedürftiger Funktionsstörungen mit 16 %.

 

Insbesondere bei Patienten mit funktionell bedingten Schmerzen ist die (mundgesundheitsbezogene) Lebensqualität deutlich reduziert.7 Dies geht soweit, dass betroffene Patienten ihr soziales Umfeld vernachlässigen, Kontakt zu anderen Menschen meiden, oder dramatisch an Körpergewicht verlieren, da die Nahrungsaufnahme mit Schmerzen verbunden ist. Insbesondere bei muskuläre Beschwerden ist dieser Befund recht häufig anzutreffen: für diese Patienten wird das Kauen und die Nahrungsaufnahme tatsächlich zur „Qual“. Je intensiver die Schmerzen ausgeprägt sind, desto stärker resultiert eine Reduzierung der Lebensqualität. Doch auch bei „leichteren“ Formen, die mit wenig oder keinen Schmerzen einhergehen, können Auswirkungen auf die Lebensqualität identifiziert werden: so können z.B. auch laute Knackgeräusche beim Kauen den Patienten dazu veranlassen, gesellschaftliches Essen zu vermeiden.

 

Bei einigen Patienten können durch Parafunktionen (nicht-funktionelles Zähneknirschen und Pressen) die Zähne soweit abgenutzt (Attrition) werden, dass der schmerzempfindliche Dentinkern freiliegt. Dies hat zur Folge, dass die Nahrungsaufnahme (insbesondere temperierte Nahrung) mit Schmerzen einhergeht. Diese Parafunktionen sind in der Bevölkerung ebenfalls weit verbreitet, wobei nicht bei allen Patienten der Verschleiß der Zähne so ausgeprägte Formen annimmt.

 

Die Therapie von Funktionsstörungen stellt somit einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität dar und muss in komplexen Fällen interdisziplinär erfolgen, um die best mögliche Therapie für den Patienten umzusetzen. Zahnärtzlicherseits stehen hier reversible und nicht-invasive Verfahren im Mittelpunkt: Schienentherapie,8 Medikation und physikalische Verfahren (Physiotherapie etc.).9

 

Trotz dieser interdisziplinären Behandlungsstrategie tendieren einige Patienten zur Chronifizierung, was die Therapieerfolgsaussichten deutlich mindert. Daher muss es das primäre Ziel der Initialtherapie sein, diese Chronifizierung zu verhindern. Da sich die Patienten beim Auftreten der Beschwerden in verschiedenen Facharztpraxen vorstellen (neben dem Zahnarzt z.B. auch beim HNO-Arzt, Neurologen, Orthopäden usw. – je nachdem, welchen Facharzt sie für „zuständig“ halten), sollte hier eine effiziente und zielgerichtete Initialtherapie erfolgen und ein Bewusstsein für die Vielschichtigkeit dieses Problems bei den (Zahn-)Ärzten geschaffen werden.

 

 

Anmerkungen


 

  • 1. Al-Jundi MA, John MT et al.. Meta-analysis of treatment need for temporomandibular disorders in adult nonpatients. J Orofac Pain 2008; 22:97-107.
  • 2. Ballegaard V, Thede-Schmidt-Hansen P et al.. Are headache and temporomandibular disorders related? A blinded study. Cephalalgia 2008; 28:832-41.
  • 3. Schmitter M, Kress B et al. Eingeschränkte Kieferöffnung bei Patienten mit CMD-Beschwerden und Probanden. Dtsch Zahnarztl Z 2006; 61:535-9.
  • 4. Schmitter M, Rammelsberg P et al. The prevalence of signs and symptoms of temporomandibular disorders in very old subjects. J Oral Rehabil 2005; 32:467-73.
  • 5. Ohlmann B, Rammelsberg P et al. Prediction of TMJ arthralgia according to clinical diagnosis and MRI findings. Int J Prosthodont 2006; 19:333-8.
  • 6. Hirsch C, John MT et al. Pain-related impairment and health care utilization in children and adolescents: a comparison of orofacial pain with abdominal pain, back pain, and headache. Quintessence Int 2006; 37:381-90.
  • 7. Barros Vde M, Seraidarian PI et al. The impact of orofacial pain on the quality of life of patients with temporomandibular disorder. J Orofac Pain 2009; 23:28-37.
  • 8. Schmitter M, Zahran M et al. Conservative therapy in patients with anterior disc displacement without reduction using 2 common splints: a randomized clinical trial. J Oral Maxillofac Surg 2005; 63:1295-303.
  • 9. Selby A. Physiotherapy in the management of temporomandibular disorders. Aust Dent J 1985; 30:273.

 


 

Quelle: 15. IZZ-Presseforum Heidelberg 2009, 03.07.2009 (tB).

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