Wieviel Implantate braucht ein Patient?

Zahnärztliche Implantate und Lebensqualität

 

Prof. Dr. P. Rammelsberg

 

Heidelberg (3. Juli 2009) – Zahnärztliche Implantate haben die Möglichkeiten der Zahnärzte zur Versorgung von Patienten nach Zahnverlusten wesentlich erweitert und leisten einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der mundgesundheitsbezogenen und damit auch allgemeinen Lebensqualität der betroffenen Patienten. Sie werden heute mit Hilfe von wenig invasiven Methoden in Kombination mit standardisierten Instrumenten und OP-Verfahren in den ortständigen Kieferknochen eingebracht, und können als künstliche Zahnwurzeln verloren gegangene Zähne ersetzen. Das Einsatzspektrum ist weit gefächert und reicht von Einzelzahnimplantaten in isolierten Zahnlücken bis hin zum zahnlosen Kiefer, in dem meist 2 – 6 Implantate zur Stabilisierung einer Prothese wertvolle Dienste leisten.

 

Im Vergleich zu konventionellen Zahnersatz, der entweder am natürlichen Restgebiss als Brücke oder Teilprothese verankert wird, oder als Totalprothese nur auf der Kieferkammschleimhaut aufliegt, ergeben sich für die Patienten zahlreiche mögliche Vorteile durch den Einsatz von Implantaten:

 

  • Vermeidung von Zahnpräparationen zur Anfertigung konventioneller Brücken,
  • Vermeidung von herausnehmbaren Prothesen,
  • Grazilere Gestaltung von Teilprothesen durch strategische Implantate,
  • Erhalt von vorgeschädigten natürlichen Zähnen, die für eine Verankerung von Brücken oder Teilprothesen nicht mehr herangezogen werden können.
  • Stabilisierung von Totalprothesen bei ungünstigen Kieferkammverhältnissen.
  • Vermeidung von invasiven und rezidivfreudigen Operationen zur Kieferkammerhöhung.

 

Bei Erfolgsraten nach 10 Jahren, die je nach Einsatzgebiet und Ausgangssituation zwischen ca. 80 % und 90 % schwanken, sind zahnärztliche Implantate heute zu einem erfolgversprechenden Routineverfahren geworden. Dennoch sind vor einer Entscheidung zur Implantation einige Risiken und beträchtliche Kosten abzuwägen:

 

  • Auch bei schonenden Operationsverfahren ist die Implantation immer mit einem primären Knochenverlust verbunden.
  • Bei Infektionen, die eine dominierende Ursache für Implantatverluste darstellen, kommt es zu einem beträchtlichen zusätzlichen Knochenverlust im Implantatbereich.
  • Die Gesamtkosten für die chirurgische Implantation, prothetische Versorgung, und zahntechnische Herstellung der sog. Suprastruktur belaufen sich incl. Materialkosten auf ca. 2.000 € je Implantat.
  • Bei geringem Knochenangebot gibt es inzwischen vielversprechende Verfahren, das lokale Knochenangebot durch sog. Augmentationsverfahren zu verbessern, was allerdings die Invasivität und auch die Kosten beträchtlich steigern kann.

 

Die Entscheidung für den Einsatz von Implantaten wird maßgeblich von der Anzahl, der Position und den Gesundheitszustand der verbleibenden Zähne, sowie von den knöchernen Kieferkämmen beeinflusst.

 

Ein Ersatz jedes verloren gegangenen Zahnes durch ein Implantat ist meist nicht sinnvoll und zum Erreichen der prothetischen Behandlungsziele auch nicht nötig. Häufig ist die Implantation von wenigen Implantaten an strategisch wichtigen Positionen für die Rehabilitation zielführend, wobei es altersabhängige Unterschiede gibt. Während für jüngere Patienten die Vermeidung von herausnehmbaren Teilprothesen nach dem Verlust von mehreren Seitenzähnen besonders wichtig ist, steht die Stabilisierung von schlecht sitzenden Teil- und Totalprothesen bei älteren Patienten im Vordergrund.

 

Die Anzahl der benötigten Implantate wird neben dem Zustand des Restgebisses, maßgeblich von den für den individuellen Patienten vorrangigen Therapiezielen bestimmt. Betrachtet man den Zugewinn an mundgesundheitsbezogener Lebensqualität als ein wesentliches Entscheidungskriterium, so kann bei sehr schlechten Kieferkämmen im zahnlosen Unterkiefer der größte Nutzen für den Patienten durch den Einsatz von nur 2 Implantaten zur Stabilisierung einer Totalprothese erzielt werden. Hierdurch wird zudem fast eine Verdoppelung der möglichen Kaukräfte und der Kaueffizienz erreicht. Jedes weitere Implantat kann zwar zur weiteren Stabilisierung der Prothese beitragen und ab 5 Implantaten sogar eine festsitzenden Brückenlösung ermöglichen, der zusätzliche Nutzen fällt jedoch deutlich geringer aus als bei den ersten beiden Implantaten.

 

Aufgrund der enormen Kosten ist vor einer Entscheidung für Implantate zu prüfen, ob das angestrebte Therapieziel (z.B. festsitzende Brückenversorgung oder stabile Verankerung einer Teilprothese) auch ohne Implantate erzielt werden kann. Die mittelfristigen Komplikationsraten von implantatverankerten Kronen und Brücken liegen auch nach komplikationsloser Einheilung der Implantate in einer ähnlichen Größenordnung wie bei zahngestütztem Zahnersatz. Da langfristig auch ästhetisch günstige Ergebnisse schwer vorhersehbar sind, sollten funktionelle Aspekte für die Indikationsstellung zu einem implantatverankerten Zahnersatz im Vordergrund stehen.

 

 


Quelle: 15. IZZ-Presseforum Heidelberg 2009, 03.07.2009 (tB).

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