"Ich hatte mein Leben der Blase untergeordnet."

Studie der Uni Witten/Herdecke fragt erstmals nach dem Leben mit der Inkontinenz / Beratung über rein medizinische Probleme hinaus gewünscht

 

Witten/Herdecke (22. Juli 2009) – Fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden an Problemen mit der Blasenentleerung – in jungen Jahren trifft es meist Frauen, später im Leben gleicht sich das Risiko zwischen den Geschlechtern an. Doch obwohl so viele Menschen betroffen sind, bleibt das Leiden ein Tabu und das Sprechen darüber fällt schwer: Grund für Daniela Hayder vom Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke das Gespräch mit Betroffenen zu suchen und mit einer ersten Studie nach Erfahrungen und Wünschen der Patienten zu fragen.

"Bei den 47 Tiefeninterviews zeigte sich, dass die Blasenschwäche eben kein rein medizinisches Problem ist: Die Betroffenen erleben einen Kontrollverlust über ihren Körper, sie trauen sich nicht mehr in die Stadt, ins Kino oder zu Konzerten, weil sie nicht wissen, ob sie schnell genug eine Toilette finden. "Mit Auftreten der Inkontinenz ordnen die Betroffenen ihr Leben der Blase unter und ziehen sich zurück", fasst Hayder die Ergebnisse zusammen. Daher kann eine rein medizinische Sicht auf die Erkrankung auch keine umfassende Hilfe sein: "Wer dauernd Angst haben muss, unkontrolliert Urin zu verlieren, der hat auch dauernd Angst, dass Sitznachbarn in der Straßenbahn etwas riechen, das Arbeitskollegen das mitbekommen, dass sie schlicht ausgegrenzt werden. Das ist demütigend und kann zu psychischen Problemen führen", schildert Hayder das Erleben der Interviewten.

Die Befragten durften auch Wünsche zur Behandlung und Beratung äußern. Dabei zeigt sich, dass sie sich von den Ärzten immer noch mehr Aufklärung über Behandlungsmethoden wünschen, aber darüber hinaus Ansprechpartner für eine Beratung zum Leben mit der Inkontinenz fehlen: "Blasentraining oder Beckenbodentraining sind schön und gut, aber das ist wie mit dem Joggen – wir alle wissen, dass es gut wäre, sich mehr zu bewegen, aber die Laufschuhe ziehen wir deswegen noch lange nicht an. Das braucht Unterstützung, Anleitung und Motivation, die nicht jeder von sich aus aufbringt. Da wünschen sich die Befragten Hilfe. Und mehr Beratungsangebote, die langfristig und vertrauensvoll angelegt sind. Denn natürlich braucht Beratung bei Tabu-Themen wie Inkontinenz Vertrauen – und das wächst nur langsam", fordert Hayder im Namen der anonymen Interviewten. Sie macht aber auch Mut: "Inkontinenz kann man behandeln. Man kann nicht immer heilen, aber zumindest lindern und hinauszögern. Nur: Viele schrecken vor Operationen und Medikamenten zurück, denken, dass Inkontinenz zum Altern dazugehört und fügen sich in das vermeintlich unabänderliche Schicksal. Auch da fehlt Beratung, die diese Ängste und Sorgen ernst nimmt und mit den Betroffenen einen Behandlungsweg findet.
Das Ziel muss es sein, dass die Betroffenen trotz Inkontinenz ihr Leben leben können."

 

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Quelle: Presseinformation der Privaten Universität Witten/Herdecke vom 22.07.2009.

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