Schmerzen bei Krebspatienten wirksam behandeln?

Wissenschaftler entdecken neue Ansätze zu Schmerzenstehung und Therapie

 

Heidelberg (16. Juni 2009) – Krebspatienten leiden häufig unter sehr starken Schmerzen, die mit herkömmlichen Medikamenten nicht wirksam behandelt werden können. Wissenschaftler des Pharmakologischen Instituts der Universität Heidelberg sind den möglichen Ursachen jetzt auf die Spur gekommen: Krebstumoren setzen zwei bestimmte Signalstoffe aus, die Nervenzellen besonders empfindlich machen und das Tumorwachstum verstärken. Blockierten die Forscher im Tierversuch die Einwirkung der Signalstoffe auf die Nervenzellen, so nahmen sowohl die Empfindlichkeit der Nervenzellen als auch das Tumorwachstum ab.

Die Forschungsergebnisse der internationalen Arbeitsgruppe um Frau Professor Dr. Rohini Kuner zeigen einen neuen Ansatz für die Entwicklung wirksamer Schmerzmittel für Krebspatienten auf. Die Arbeit wurde jetzt vorab online in der renommierten Fachzeitschrift "Nature Medicine" veröffentlicht.

Tumorschmerz: neue Therapien werden dringend benötigt

Starke Schmerzen zählen zu den schlimmsten und für den Patienten besonders belastenden Symptomen einer Krebserkrankung. Die Ursachen für die oft extremen Schmerzen sind bislang weitgehend unbekannt. Mit klassischen Schmerzmitteln – beispielsweise aus der Gruppe der Opioide – lassen sich Krebsschmerzen nur schlecht bekämpfen. Hohe Dosen sind notwendig, um überhaupt eine Wirkung zu erzielen – in der Folge sind die Nebenwirkungen für die Patienten immens und es tritt rasch eine Gewöhnung ein. "Wir haben einen hohen Bedarf an speziellen Schmerzmitteln für Krebskranke", sagt die Pharmakologin Professor Dr. Rohini Kuner, die sich besonders für die Aufklärung der Mechanismen von chronischen Schmerzen interessiert.

Signale des Tumors machen Nervenzellen extrem druckempfindlich

In der aktuellen Forschungsarbeit haben sie und ihre Mitarbeiter an Blutserum und Gewebe von Mäusen untersucht, welche Signalstoffe von Tumoren freigesetzt wurden. Sie entdeckten dabei zwei Moleküle, die bislang nur als Wachstumsfaktoren für blutbildende Stammzellen bekannt waren. Nervenzellen in der Umgebung des Krebsgewebes werden durch Kontakt mit diesen Molekülen wesentlich druckempfindlicher, wie die Forscher bei ihren Untersuchungen der Nervenaktivität mit Elektroden zeigen konnten. "Die Befunde passen zu den Beschreibungen von Krebspatienten, die sagen, dass nur das Anrühren der betroffenen Gebiete weh tut", erläutert Professor Dr. Kuner.

Doch nicht nur eine Berührung, auch das Tumorwachstum selbst verursacht Schmerzen, denn sich ausdehnendes Gewebe übt ebenfalls Druck aus. Die Krebszellen nutzen die Wachstumsfaktoren anscheinend für ihr eigenes Wachstum und breiten sich über die Nervenbahnen und Blutgefäße weiter im Organismus aus.

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Eine Spritze gegen den Tumorschmerz?

Die Heidelberger Entdeckung eröffnet neue Perspektiven im Kampf gegen den Krebsschmerz: Im nächsten Schritt spritzten die Forscher Eiweißstoffe (Antikörper), die auf den Nervenzellen die Kontaktstellen für die Krebs-Signalstoffe blockieren. Tatsächlich nahmen die Empfindlichkeit der Nervenzellen und das Tumorwachstum ab.

Weitere Forschungsarbeiten müssen nun zeigen, ob diese Anwendung auch in menschlichem Gewebe möglich ist. Dann wäre es denkbar, solche "Eiweiß-Blocker" direkt in den Tumor zu spritzen und damit Schmerzen zu verringern und Nebenwirkungen für den Patienten zu vermeiden.

Literatur
Matthias Schweizerhof, Sebastian Stösser, Martina Kurejova, Christian Njoo, Vijayan Gangadharan, Nitin Agarwal, Martin Schmelz, Kiran Kumar Bali, Christoph W. Michalski, Stefan Brugger, Anthony Dickenson, Donald A. Simone and Rohini Kuner, Hematopoietic colony stimulating factors mediate tumor-nerve interactions and bone cancer pain, Nature Medicine 2009, Published online: 07 June 2009, doi:10.1038/nm.1976.

Weitere Informationen


www.medizinische-fakultaet-hd.uni-heidelberg.de/Pharmakologisches-Institut.102627.0.html
www.medizinische-fakultaet-hd.uni-heidelberg.de/Kuner.107599.0.html


 

Quelle: Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg vom 16.06.2009.

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