Sichere Tablette in Aussicht

Zwei Studien bestätigen Wirksamkeit der Fumarsäure gegen MS

 

Berlin (20. September 2012) – Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer Multiple-Sklerose-Tablette ohne gefährliche Nebenwirkungen für die Patienten ist erreicht. Gleich zwei große Studien mit dem Wirkstoff Fumarat (Fumarsäure) bei schubförmiger Multiple Sklerose (MS) erschienen heute im renommierten New England Journal of Medicine. Professor Ralf Gold, Direktor der Neurologischen Klinik, St. Josef Hospital Klinikum der Ruhr Universität Bochum, leitete eine der beiden Studien.

 

Besonders freut sich das Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, dass die neue Therapie ihren Ursprung in Deutschland nahm, wo der positive Effekt des Fumarats bei MS-Patienten in den 1990er Jahren erstmals festgestellt worden war. Weltweit sind 2,5 Millionen Menschen von MS betroffen und jedes Jahr kommen pro 100.000 Personen 5 bis 10 neue Fälle hinzu.

An der Studie DEFINE (Determination of the Efficacy and Safety of Oral Fumarate) hatten 1.234 MS-Patienten zwischen 18 und 55 Jahren teilgenommen. Sie erhielten nach dem Losprinzip entweder täglich zwei bzw. drei Dosierungen mit 240 Milligramm des Fumarsäure-Präparats „BG-12“ oder ein Scheinmedikament. Wichtigstes Kriterium für den Erfolg der Arznei war dabei der Anteil der Patienten, die während des zweijährigen Studienzeitraumes einen Krankheitsschub erlitten. Mit dem Scheinmedikament war dies bei 46 Prozent der Patienten der Fall, wesentlich seltener (27 und 26 Prozent) jedoch bei denjenigen, die täglich zwei- oder dreimal Kapseln mit Fumarat B-12 erhalten hatten. Die jährliche Schubrate berechneten die Wissenschaftler um Professor Gold mit 0,17 und 0,19 in den beiden BG-12-Gruppen gegenüber 0,36 unter den Placebo-Empfängern, was einer relativen Reduktion von 53 bzw. 48 Prozent entspricht. „Wir haben also die Schubrate halbiert – und das bei guter Verträglichkeit und einem exzellenten Sicherheitsprofil“, so Gold. Dies betont auch Allan H. Ropper, Neurologe vom Brigham and Women’s Hospital in Boston, in seinem Kommentar zu den beiden Studien: „Von Fumarat liegen Sicherheitsdaten über zwei Jahrzehnte vor, sodass es nur geringe Bedenken über Langzeitrisiken gibt.“

Dass diese Therapie nicht nur die Überreaktion des Immunsystems bei der MS zu dämpfen vermag, sondern offenbar auch Nervenzellen schützen kann, zeigen Aufnahmen des Gehirns, die bei 540 Patienten mithilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) angefertigt wurden. Die Zahl neuer Läsionen verringerte sich mit Fumarat B-12 gegenüber dem Scheinmedikament um 73 bis 90 Prozent. Zum Ende des zweijährigen Studienzeitraumes waren 93 Prozent der Patienten mit zweimal täglich Fumarat BG-12 frei von solchen Nervenschäden und 86 Prozent derjeniger, die das Präparat dreimal täglich erhalten hatten. Lediglich 62 Prozent der Placeboempfänger konnten diesen Erfolg aufweisen.

„Seit etwa 15 Jahren wird die Multiple Sklerose in den meisten Fällen mit Interferon oder mit Glatirameracetat behandelt. Beides sind Substanzen, die zwar die Schubrate bei der relapsierend-remittierenden Form des Leidens eindeutig reduzieren können, die aber gespritzt werden müssen“, berichtet Gold. Für den Patienten angenehmer wären Tabletten, doch diese Form der Verabreichung ist bisher nur für den im April 2011 zugelassenen Wirkstoff Fingolimod möglich, der Patienten mit schweren Verlaufsformen vorbehalten bleibt. „Wegen der sehr guten Wirkung und Sicherheit von Fumarat BG-12 hoffen wir auf eine Zulassung durch die europäischen und amerikanischen Behörden im Frühjahr des kommenden Jahres“, so Professor Gold.


Genährt wird diese Hoffnung durch eine weitere Studie, die zeitgleich mit DEFINE im New England Journal veröffentlicht wurde. Unter dem Akronym CONFIRM (Comparator and an Oral Fumarate in RRMS) wurde Fumarat BG-12 bei 1430 Patienten mit dem Immunmodulator Glatirameracetat verglichen und erzielte dabei eine ähnlich robuste Verringerung der Schubrate, wiederum ohne Einbußen bei der Sicherheit.


Erfolgreicher Selbstversuch gegen Schuppenflechte

„Mehr als 50 Jahre hat es gedauert, bis wir so weit gekommen sind“, bemerkt Professor Gold und erinnert daran, wie die Erfolgsgeschichte von Fumarat in Deutschland ihren Ausgang nahm: Hier hatten der Biochemiker Walter Schweckendieck und der Allgemeinmediziner Günther Schäfer sich zunächst mit dem in vielen Pflanzen enthaltenen Fumarat eingerieben und danach im Selbstversuch verschiedene Mischungen geschluckt, mit denen sie erfolgreich ihre Schuppenflechte (Psoriasis) bekämpften. An der Dermatologischen Klinik der Uni Bochum war dann in den späten 1990er Jahren Professor Peter Altmeyer zusammen mit seinem Neurologie-Kollegen Professor Horst Przuntek aufgefallen, dass sich unter Fumaraten bei einigen ihrer Patienten nicht nur die Psoriasis, sondern auch deren MS gebessert hatte. Dies führte zur ersten kleinen Studie mit zehn Patienten. Bald darauf wurde der Schweizer Hersteller des Fumarsäuresalzes durch die US-Firma Biogen Idec aufgekauft, deren Zulassungsstudien der Phase III mit etwa 2800 Patienten nach Vorberichten auf internationalen Kongressen nun endgültig veröffentlicht werden. „Im Rückblick besteht die Entwicklungsgeschichte der Fumarate aus einer Vielzahl glücklicher Verknüpfungen“, sagt Gold und blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Für die betroffenen MS-Patienten sind weitere Fortschritte in Sicht.“


Quellen

 

  • Gold, R. et al. Placebo-Controlled Phase 3 Study of Oral BG-12 for Relapsing Multiple Sclerosis. N Engl J Med 2012;367:12
  • Ropper, Allan H. The „Poison Chair” Treatment for Multiple Sclerosis. N Engl J Med 367, 12

 

 

Der Neurologenkongress

Grenzen erkunden – neue Wege gehen: Unter diesem Motto treffen sich vom 26. bis 29. September 2012 rund 5.000 Spezialisten für Erkrankungen des Gehirns und der Nerven im CCH – Congress Center Hamburg zum 85. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie – die größte Neurologenkonferenz in Europa. Weitere Informationen zum Kongress und zum aktuellen Programm: www.dgnkongress.org


Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)

sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren rund 7000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.

 


 

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie DGN), 20.09.2012 (tB).

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ gibt…
Toujeo® bei Typ-1-Diabetes: Weniger schwere Hypoglykämien und weniger Ketoazidosen 
Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung