Spezifischer Pflegeplan für Alzheimerpatienten

Fragestellung der Studie: Kann ein spezifischer Pflegeplan für Patienten mit milder bis moderater Alzheimererkrankung die Abnahme der Funktionsfähigkeit reduzieren?

Hintergrund

Zürich, Schweiz (30. Juni 2010) – Verschiedene Gruppierungen befürworten das standardisierte Management von Alzheimerpatienten und haben entsprechende evidenzbasierte Richtlinien veröffentlicht. Dabei soll betreffend Themen wie der Evaluation von Verhaltensstörungen, Unterstützung der Psyche und physischer Gesundheit von Betreuungspersonen und der Evaluation medikamentöser Therapien ein einheitliches Vorgehen gewährleistet werden. Ebenso betreffend regelmässiger Follow-ups werden Empfehlungen ausgesprochen. Bisher wurden aber noch keine Untersuchungen zur Effektivität solcher standardisierter Pflegepläne durchgeführt.

Einschlusskriterien

  • Patienten mit einer Alzheimererkrankung (nach den Kriterien des National Institute of Neurological and Communicative Disorders and Stroke/Alzheimer Disease and Related Disorders Association, Mini-Mental State Examination Score 12-26)
  • Patienten sollten in der jeweiligen Gemeinde der Klinik leben, an keiner weiteren Studie teilnehmen und einen Pfleger haben.


Studiendesign und Methode

Cluster-randomisierte nicht verblindete Studie. Die Einheit der Randomisierung war die Memory Klinik. Die teilnehmenden Zentren waren in Universitäts- oder Spitälern der Grund- und Regelversorgung integriert und hatten damit ausreichend Wissen bezüglich Diagnose und Management von Alzheimer Patienten und eine ausreichend hohe Anzahl Patienten für die Studienteilnahme. Die Patienten sollten nach Studienbeginn konsekutiv rekrutiert werden (20-30 Patienten pro Klinik). Die Follow-ups fanden alle 6 Monate für die Interventionsgruppe und jährlich für die Kontrollgruppe statt. Die Studiendauer betrug 2 Jahre.


Studienort

Frankreich, 50 Memory Kliniken 


Intervention
 

  • Intervention1: Der spezifische Pflegeplan wurde von einem multidisziplinären Team im Rahmen des Aktionsplans für Alzheimer 2001 des französischen Gesundheitsministeriums entwickelt.  Die Intervention bestand aus einer zweimal jährlichen standardisierten Beratung für Patienten und Pfleger sowie standardisierten Richtlinien für das Management identifizierter Probleme.

Die Beratungen behandelten folgende Themen: kognitive und nicht-kognitive Beurteilung von Wissen über die Krankheit; funktionale Abhängigkeit; Progression kognitiver Einschränkungen; Durchsicht der Medikamente; Ernährungszustand; Gangstörungen; Verhaltenssymptome; psychische und physische Gesundheit des Pflegenden und juristische Fragen bezüglich Sicherheit des Patienten. Für jeden identifizierten Bereich wurde ein standardisiertes Management Protokoll erstellt, welches bei Bedarf auf Basis der individuellen Evaluierungen eingesetzt werden konnte. Dabei standen verschiedene Arten von unterstützendem Material zur Verfügung (CD-Rom, schriftliche Dokumentationen etc.)

 

  • Usual Care: Ursprünglich dienten die Memory Kliniken in Frankreich dazu, Allgemeinmediziner bei der Diagnose einer Alzheimer Erkrankung zu unterstützen. Somit erhielt die Kontrollgruppe nach der Diagnose keine weiteren systematischen Follow-ups. Nach Studienende wurde das Interventionsmaterial allen Ärzten zur Verfügung gestellt.


Outcome

  • Outcome 1: Veränderungen auf der Alzheimers Disease Cooperative Study-activities of daily living scale (Einschränkung der Funktionsfähigkeit).
  • Outcome 2: Einweisungsrate zu institutioneller Pflege, Mortalität

Bei der genannten Skala handelt es sich um einen Fragebogen, der vom Pflegenden ausgefüllt wird. Mit 23 Fragen werden die funktionalen Kapazitäten auf einer Skala von 0-78 bewertet. Der höchste Scorewert steht für volle Funktionsfähigkeit ohne Einschränkungen. 


Resultat
 

  • 50 Kliniken konnten eingeschlossen werden, 26 (10 Universitätsspitäler und 16 Grundversorgungsspitäler) in die Interventionsgruppe und 24 (10 Universitätsspitäler und 14 Grundversorgungsspitäler) in die Kontrollgruppe.  

  • Insgesamt konnten 1.131 Patienten rekrutiert werden. Die Patienten waren im Schnitt 80 Jahre alt und zu 69 % weiblich. Die vorhandene Demenz war leicht bis moderat (durchschnittlicher Mini Mental State Examination Score von 19.7) und die Krankheit bestand seit 1 Jahr.

  • Nach 2 Jahren konnten noch ca. 60 % der Patienten in das Follow-up eingeschlossen werden.  
  • Die Abnahme der Funktionsfähigkeit unterschied sich nicht signifikant zwischen den beiden Gruppen. Die jährliche Abnahme auf der Alzheimers Disease Cooperative Study-activities of daily living scale betrug in der Interventionsgruppe -5.96 (95%CI -7.05 bis -4.86) gegenüber -5.73 (95%CI -6.89 bis -4.57).

  • Ebenso zeigten sich nach 2 Jahren keine Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe hinsichtlich der Aufnahmerate in eine Institution (Hazard Ratio [HR] 0.95, 95%CI 0.67-1.36), der durchschnittlichen Zeit bis zur Hospitalisation (371.2 Tage versus 368.1 Tage) und der Mortalität (HR 0.80, 95%CI 0.51-1.25). Allerdings unterschieden sich die Gründe für eine institutionelle Aufnahme: In der Kontrollgruppe waren die Gründe meistens verschlechterte Gesundheitszustände, während in der Interventionsgruppe Gründe im Zusammenhang mit den Pflegepersonen ausschlaggebend waren.

  • Die Anzahl verwendeter Themenprotokolle pro Patient in der Interventionsgruppe nahm über die Zeit signifikant ab. Zu Beginn waren dies sechs (besonders im Zusammenhang mit Diagnoseoffenbarung, Wissen über die Krankheit und Ernährungsmanagement), später noch drei.  Am Ende wurden eher Themen bezüglich funktioneller Abhängigkeit und institutioneller Pflege behandelt, entsprechend dem erhöhten Bedarf bei den Patienten.


Kommentar

  • Die Autoren schliessen aus den Ergebnissen, dass es in dieser Studie keinen Unterschied bezüglich Abnahme der Funktionsfähigkeit, Aufnahme in einer Institution und Mortalität bei Alzheimerpatienten mit oder ohne richtlinienkonforme Pflegebetreuung gab.
  • Die Abnahme der Funktionsfähigkeit in der Interventionsgruppe entsprach in etwa den Raten der Placebogruppen anderer Studien.
  • Im Jahr 2004 wurde durch die französische Regierung ein zweiter Aktionsplan für Alzheimerpatienten ausgerufen, in dem der Aufbau von Memory Kliniken und regelmässigen Follow-ups von Patienten empfohlen wurde. Tatsächlich hatten in der Folge viele der Kontrollgruppenpatienten regelmässig Erhebungen zum Gesundheitszustand. Durch den in die Länge gezogenen Studienablauf könnten somit mögliche Unterschiede zwischen den Gruppen verwischt worden sein.
  • Ausserdem konnte nicht erhoben werden, inwieweit die empfohlenen Managementstrategien wirklich mit den Patienten umgesetzt wurden. 

 

Literatur

  • Nourhashemi F et al.: Effectiveness of a specific care plan in patients with Alzheimers disease: cluster randomised trial (PLASA study). BMJ 2010;340:c2466doi:10.1136/bmj.c2466


Quelle: HortenZentrum Zürich, Verfasserin: Anne Spaar, 30.06.2010, © 2010 Hortenzentrum, (tB).

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