Tastsinn und Schmerzniveau

Hochfrequente Stimulation in der Schmerztherapie

 

Bochum (20. November 2015) – Bei Schmerzpatienten kommt es im Laufe der Erkrankung oft zu einer Beeinträchtigung des Tastsinnes in den Händen, da sich entsprechende Hirnareale krankheitsbedingt verändern. In einer Pilotstudie haben Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum untersucht, wie wirksam hochfrequente repetitive Stimulation als Therapieansatz bei diesen Patienten ist. Ihre Ergebnisse wurden im Journal „Frontiers in Neurology“ veröffentlicht. Sie zeigen, dass diese Art der passiven Stimulation ein vielversprechender neuer Therapieansatz sein könnte.

 

Passive Stimulation als Therapieansatz erprobt

Aufgrund früherer Untersuchungen, unter anderem mit einem speziellen Therapiehandschuh an Schlaganfallpatienten, weiß man, dass passive Stimulation, ähnlich wie aktives physisches Training, die Sinneswahrnehmung verbessern kann. Zugrunde liegt die neuronale Plastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich ständig anzupassen. Beeinträchtigte Gehirnareale können sich durch intensive passive Stimulation neu organisieren. Das Team um PD Dr. Hubert Dinse, Leiter des Neural-Plasticity Labs am Institut für Neuroinformatik, sowie Prof. Dr. Martin Tegenthoff, Direktor der Neurologischen Klinik, und Prof. Dr. Christoph Maier, Leitender Arzt der Abteilung für Schmerzmedizin, beide am Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil, hat nun die Wirksamkeit dieses Ansatzes bei Schmerzpatienten untersucht.

 

Elektrische Impulse sollen Tastsinn und Schmerzniveau beeinflussen

Teilnehmer an der Pilotstudie waren 20 Patienten mit dem sogenannten Complex Regional Pain Syndrome (CRPS), einer komplexen schmerzhaften Erkrankung, die oft in Folge von Frakturen oder anderen Extremitätenverletzungen auftritt. Die Untersuchungen sollten zeigen, ob die Stimulation den Probanden eine Verbesserung des Tastsinnes und eine Schmerzlinderung verschafft. Über einen Zeitraum von fünf Tagen erhielten sie täglich eine 45-minütige Stimulation der betroffenen Hand. Dabei kam eine speziell entwickelte Handauflage zum Einsatz, über die hochfrequente elektrische Impulse an die Fingerspitzen abgegeben werden. Um den Tastsinn der Studienteilnehmer vor und nach der Anwendung zu messen, wurde ihre sogenannte Zwei-Punkt-Diskriminationsschwelle bestimmt. Dieser Wert gibt an, wie weit zwei Reize voneinander entfernt sein müssen, damit eine Person sie als getrennte Reize wahrnimmt. Zusätzlich bewerteten die Patienten ihr aktuelles Schmerzniveau auf einer Skala von 0 bis 10.

 

Erste positive Ergebnisse erfordern weitere Studien

Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass die Stimulation eine messbare Verbesserung des Tastsinns herbeiführt. Obwohl bei den Probanden im Durchschnitt keine signifikante Linderung ihrer Schmerzen zu messen war, vermeldeten einzelne Teilnehmer durchaus eine Verbesserung. „Einige Teilnehmer hatten nach der Intervention mindestens 30% weniger Schmerzen“, berichtet PD Dr. Hubert Dinse. „Weitere Studien müssen nun zeigen, ob eine intensivere und länger andauernde Stimulation neben der Verbesserung des Tastsinns, insbesondere bei definierten Untergruppen des CRPS, auch zu einer signifikanten Schmerzlinderung führen kann.“

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DFG-Förderung für Sonderforschungsbereich

Für die Studie kam ein interdisziplinäres Wissenschaftler-Team aus so verschiedenen Bereichen wie Neurologie, Schmerzmedizin und Neuroinformatik zusammen. Die Forschungsarbeit wurde auch durch eine Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft für den neurowissenschaftlichen Sonderforschungsbereich 874 ermöglicht, in dem PD Dr. Hubert Dinse und Prof. Dr. Martin Tegenthoff Teilprojektleiter sind.


Titelaufnahme

 

  • David M, Dinse HR, Mainka T, Tegenthoff M and Maier C (2015). High frequency repetitive sensory stimulation as intervention to improve sensory loss in patients with complex regional pain syndrome (CRPS I).Front. Neurol.6:242. doi: 10.3389/fneur.2015.00242

Text: Annegret Kalus

 

 

Weitere Informationen

 

 

 


Quelle: Ruhr-Universität Bochum, 20.11.2015 (tB).

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