82.Hospizgespräche Photo: Tom Miller82. Aachener Hospizgespräch

Hospizarbeit und Palliative Care in stationären und ambulanten Versorgungsformen

 

Aachener Hospizgespräche widmen sich der Bestandsaufnahme und den Visionen der Palliativversorgung in Deutschland

 

Aachen (20. November 2010) – Der Weg zur Umsetzung der gesetzlich geforderten flächendeckenden Palliativversorgung schwerstkranker Menschen ist ein mühsamer, sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich. Drei Jahre nach der Gesundheitsreform gilt es zu fragen: Was wurde erreicht? Wo geht es nicht weiter? Woran liegt das? Die Servicestelle Hospiz für die StädteRegion Aachen hat sich der Bestandsaufnahme im 82. Hospizgespräch am 20. November angenommen. Dabei wurde nicht nur auf die Bedeutung vorbildlicher Modelle in der ambulanten palliativen und hospizlichen Versorgung hingewiesen. Der Fokus wurde verstärkt auch auf den stationären Sektor gelenkt. Die rund 270 Besucher der Tagung im Aachener Bildungszentrum der Grünenthal GmbH diskutierten mit ca. 30 Experten über tragfähige Modelle der Vernetzung in Deutschland sowie Hürden für eine standardisierte und zugleich individuelle Abschiedskultur.

 

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung Wolfgang Zöller (MdB) hob die Rolle der Politik hervor, "die ihre Aufgabe ernst genommen und Wege für eine verbesserte Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen geebnet hat". Wolfgang Zöller verwies dabei unter anderem auf die gesetzliche Regelung zur Wirksamkeit und Reichweite von Patientenverfügungen und die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland. Die Palliativmedizin wurde als Pflichtfach in die Approbationsordnung der Ärzte aufgenommen und die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) gehört zu den Pflichtleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung, das waren ebenfalls wichtige Schritte in Richtung bessere Versorgung. Wolfgang Zöller kritisierte, dass die Palliative Care in weiten Teilen noch nicht fester Bestandteil der Versorgung ist. "Insbesondere in der SAPV sehe ich Umsetzungsschwierigkeiten, die zu Lasten der Patientinnen und Patienten gehen", sagte Zöller und hat sich vor kurzem mit allen Beteiligten an einen Tisch gesetzt, um praxisorientierte Lösungen zu finden.

 

Auch Dr. Carl-Heinz Müller, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Berlin beanstandete die mangelnde Umsetzung der SAPV. Carl-Heinz Müller nannte sie sogar „extrem defizitär" und suchte dafür nach Gründen: „Das liegt nach Auffassung der KBV vor allem daran, dass diese Leistung nicht als vertragsärztliche Leistung im Rahmen des Kollektivvertrags ausgestaltet wurde, sondern von den Krankenkassen über Einzelverträge angeboten werden soll", so Müller. Die der KBV bekannten 134 Verträge gelten oft nur regional und sind nicht von allen Kassen abgeschlossen. Kein SAPV-Team könne davon ausgehen, tatsächlich Vertragspartner zu werden, da in §132d SGB V keine Pflicht zum Abschluss von Verträgen verankert sei. Damit sei die Bildung von qualifizierten SAPV-Teams fast unmöglich. Müller forderte den Gesetzgeber auf, die SAPV als kollektivvertragliche Leistung zum Bestandteil der vertragsärztlichen Versorgung zu machen. Damit die Anspruchsberechtigten endlich die notwendige Versorgung bekommen können, bietet die KBV als Alternative an, mit einzelnen Krankenkassen bundesweit geltende Verträge zur Umsetzung zu schließen. Er verwies in diesem Zusammenhang auf einen Vertragsentwurf zur Allgemeinen Ambulanten Palliativversorgung (AAPV), den die KBV jüngst in Berlin vorgestellt hat.

 

Prof. Lukas Radbruch, Präsident des Europäischen Palliativgesellschaft EAPC, bestätigte: „Wir haben bisher viel erreicht. Die Zahl der stationären und ambulanten Einrichtungen wächst, dennoch, eine flächendeckende Versorgung ist noch lange nicht gewährleistet." Es gibt noch viel zu tun, mahnt Radbruch an. Ein besonderes Augenmerk richtete der Präsident der EAPC auf die Situation der Patienten mit nichttumorbedingten Erkrankungen, die noch keineswegs zufriedenstellend sei. Der Zugang zur Palliativmedizin ist für diese Patientengruppe noch immer blockiert. Als Vision zeigte Lukas Radbruch eine ganzheitliche Versorgung auf, „in der Palliativversorgung und Hospizarbeit miteinander arbeiten und voneinander lernen.

 

Prof. Dr. Christof Müller-Busch legte dar, dass sich die Bedingungen des Sterbens durch die gestiegene Lebenserwartung, ein verändertes Krankheitsspektrum und die technischen Möglichkeiten der modernen Medizin in den letzten 50 Jahren entscheidend verändert haben. „Trotz aller medizinischen Fortschritte und Aussichten, das Leben länger und besser zu gestalten, müssen wir uns auch vergegenwärtigen, dass in Deutschland jährlich über 840.000 Menschen sterben, das sind ein Prozent der Bevölkerung, ‑ und dies unter ganz unterschiedlichen Bedingungen", so der Pastpräsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP). Jeder Sterbefall berührt im Durchschnitt auch 45 Angehörige, die Hilfe benötigen: soziale, psychologische, medizinische oder auch „nur" nachbarschaftliche Hilfe. Christof Müller-Busch wies auf Entscheidungen hin, die am Ende des Lebens notwendig sind. Diese Entscheidungen sind eine gemeinsame Angelegenheit aller Betroffenen, die Beziehung und Dialog erforderlich machen. Dabei geht es nicht um Macht und Positionen, sondern um ein gemeinsames Ringen um Ungewisses. Hier Orientierungen zu geben und Alternativen anzubieten, ist ein wichtiges Anliegen einer umfassenden Palliativ- und Hospizversorgung.

 

Gerade im Gesundheitswesen sind kooperierende Versorgungsformen nicht gewünscht, merkte Veronika Schönhofer-Nellessen, Leiterin der Aachener Servicestelle Hospiz an: „Wettbewerb soll die Kosten senken und vernetztes Handeln und gelebte Kooperationen sind oft nur von einzelnen engagierten Persönlichkeiten abhängig." Institutionsübergreifendes vernetztes Arbeiten erfordert vor allem, die eigenen Interessen einem gemeinsamen Ziel unterzuordnen. Schönhofer-Nellessen zeigte in der palliativen und hospizlichen Netzwerkarbeit konkret die Erfolgsfaktoren, Stolpersteine und Implementierungsphasen einer vernetzten regionalen Versorgungslandschaft auf. Bezug nehmend auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit meinte die Leiterin der Aachener Servicestelle Hospiz: Nicht Parallelstrukturen sind das erwünschte Ziel, sondern Ergänzungsmodelle, in der die Basisversorgung in enger Verzahnung mit den spezialisierten Angeboten arbeitet und dabei möglichst geringe Reibungsverluste verursacht. „Ich erlebe keine Feindbilder untereinander, sondern ein starkes Bemühen um ein Miteinander", sagte Schönhofer-Nellessen.

 

 

Über das Aachener Netzwerk der Hospizarbeit und Palliativmedizin

 

Die 1995 gegründeten Aachener Hospizgespräche sind ein Forum für alle professionellen und ehrenamtlichen Multiplikatoren in Stadt und Kreis Aachen, die sich für die Hospizarbeit und Palliativmedizin engagieren. Dieses Netzwerk ist innerhalb von zwölf Jahren ständig gewachsen und trifft sich alle sechs Wochen in den so genannten Aachener Hospizgesprächen, um sich miteinander auszutauschen, fortzubilden, zu vernetzen und den Hospizgedanken weiter zu entwickeln. Etwa 230 verschiedene Institutionen und Dienste werden inzwischen regelmäßig zu den Veranstaltungen eingeladen. Seit vier Jahren findet einmal jährlich ein bundesweiter Kongress in diesem Rahmen statt, der als zentrale Fachtagung in der palliativen und hopsizlichen Landschaft in Deutschland wahrgenommen wird.

 

 

Über die Caritas‑Gemeinschaftsstiftung

 

Die Caritas-Gemeinschaftsstiftung für das Bistum Aachen wurde 2006 gegründet mit dem Ziel, die Arbeit der Caritas im Bistum Aachen sowohl finanziell als auch ideell zu unterstützen – insbesondere dort, wo öffentliche Mittel nicht oder nur beschränkt ausreichen. Im Zentrum ihrer Förderungen stehen kreative Ansätze, vorbildliche Initiativen und Projekte mit Modellcharakter, die zu einer lebenswerten Gemeinschaft beitragen. Durch den Anschub der Stiftung sollen diese Projekte nach und nach zum Regelfall werden, um unserer Gesellschaft ein bleibend menschlicheres Gesicht zu geben. Damit trägt die Stiftung maßgeblich dazu bei, das soziale Engagement der Caritas im Bistum Aachen nachhaltig zu sichern und zukünftig zu gestalten. Unter dem Dach der CaritasGemeinschaftsstiftung können sozial engagierte Vereine und Initiativen sowie Privatpersonen weitere caritative Stiftungen gründen.

 

 

Über Grünenthal

 

Grünenthal strebt an, weltweit der bevorzugte Partner in der Schmerzbehandlung für Patienten, Ärzte und Krankenkassen zu sein. Das Unternehmen treibt Innovation voran, um europäischer Marktführer im moderaten bis schweren Schmerz zu sein. Grünenthal ist ein unabhängiges, deutsches Familienunternehmen, das weltweit in 34 Ländern Gesellschaften hat. Das 1946 gegründete Unternehmen beschäftigt Ende 2008 in Deutschland rund 2.000 Mitarbeiter, weltweit rund 5.200. Weitere Informationen unter: www.grunenthal.de

 

 


Quelle: 82. Aachener Hospizgespräch, eine Veranstaltung des Bildungswerks Aachen – Servicestelle Hospizarbeit und der Firma Grünenthal, 20.11.2010 (tB).

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