Mangelernährungskonferenz – unter der tschechischen EU Präsidentschaft tagen die Gesundheitsminister in Prag

 

DGEMBerlin (11. Juni 2009) – Bei zunehmendem Übergewicht in unserer Bevölkerung ist die Mangelernährung kranker und alter Menschen Europas Gesundheitsproblem im Verborgenen. Am 11. und 12. Juni 2009 lädt die tschechische EU Präsidentschaft alle Gesundheitsminister und Experten zu einer Konferenz nach Prag ein, um dieses Problem in Angriff zu nehmen.

Sowohl Prof. Olle Ljunqvist von der Europäischen Gesellschaft für klinische Ernährung und Stoffwechsel (ESPEN) als auch Prof. Dr. Arved Weimann von der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) gehen als Präsidenten der beteiligten medizinischen Fachgesellschaften davon aus, dass mit der Konferenz der Startschuss zu einer Europäischen Initiative gegeben wird, die das Problembewusstsein in den EU-Mitgliedsstaaten schärfen wird. Sie laden dazu ein, die Erfahrung und Expertise der Fachgesellschaften zu nutzen.

In Deutschland und in Europa – obwohl eine der reichsten Regionen der Welt – stellt die krankheits- und altersbedingte Mangelernährung ein großes Problem für die Gesellschaft und das Gesundheitswesen dar. Dies hat auch die EU erkannt. 2003 veröffentlichte der Europäische Rat die "Resolution über die Verpflegung und Ernährungsversorgung in Krankenhäusern". Eine ähnliche Resolution für Pflegeheime folgte. Im vergangenen Herbst beschloss das Europäische Parlament, dass die Mangelernährung in Krankenhäusern und anderen Pflegeeinrichtungen als eine zentrale Aufgabe in ihren Aktionsplan "Gemeinsam für die Gesundheit" aufgenommen wird. Dieser wird in den kommenden fünf Jahre in der gesamten EU vorangetrieben werden. Die derzeitige tschechische EU Präsidentschaft folgt nun diesem Aufruf und lädt die Gesundheitsminister aller EU-Staaten zu einem Treffen mit europäischen Ernährungssachverständigen nach Prag ein, um dieses auch von den meisten Ärzten unterschätzte Gesundheitsproblem anzupacken. In der kommenden Präsidentschaft wird sich in Schweden eine Konferenz speziell mit der Mangelernährung bei Senioren beschäftigen, da diese Altersgruppe mit zehn bis 20 Prozent besonders häufig von Mangelernährung betroffen ist

Die Spitze des Eisbergs

Die Mangelernährung fällt in den Straßen Europas nicht ins Auge. Man findet sie stattdessen zu Hause oder in Pflegeheimen. Mindestens 25 Prozent aller Patienten sind bei Aufnahme ins Krankenhaus mangelernährt oder haben ein erhöhtes Risiko, eine Mangelernährung zu entwickeln. Schätzungen gehen davon aus, dass bei fünf Prozent der europäischen Bevölkerung ein mangelernährungsbedingten Risiko vorliegt. Wesentlich höhere Zahlen um 50 bis 60 Prozent werden für Pflegebedürftige, besonders im Seniorenalter, angegeben. Da nicht unbedingt ein ausgeprägtes Untergewicht vorliegen muss, entgeht dies häufig auch den Ärzten. Krankheitsbedingte Mangelernährung ist mit einem merklich höheren Risiko für Komplikationen und Komorbiditäten, einer schlechteren Lebensqualität und einem höheren Pflegebedarf sowohl bei ambulanten als auch stationären Patienten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen assoziiert. Mangelernährte Patienten haben im Vergleich zu Patienten in gutem Ernährungszustand eine höhere Sterblichkeit.

In Großbritannien leiden drei Millionen Menschen an Mangelernährung. Daraus lässt sich hochrechnen, dass europaweit mindestens 33 Millionen Menschen von Mangelernährung betroffen sind. Europäische Studien an 70 000 Patienten und Pflegeheimbewohnern, die von der Europäischen Gesellschaft für Klinische Ernährung und Stoffwechsel (ESPEN) durchgeführt wurden, bestätigen die europaweite Verbreitung von Mangelernährung. Die Kosten, die durch krankheitsbedingte Mangelernährung verursacht werden, wurden in Großbritannien auf ungefähr 15, in Deutschland auf neun Milliarden € geschätzt. Europaweit würde dies jährlichen Kosten von 170 Milliarden € entsprechen.

Aufruf zu einer gemeinsamen Aktion

Zahlreiche Studien belegen, dass eine Ernährungstherapie bei mangelernährten Patienten das Outcome verbessert, die Pflegekosten senkt und die Lebensqualität der Betroffenen verbessert. In Großbritannien betragen die Kosten für eine Ernährungstherapie nur 2,5 Prozent der Folgekosten einer Mangelernährung. Weitere Studien zeigen, dass durch die Gabe von Nahrungssupplementen im Durchschnitt Krankenhauskosten in Höhe von 1.000 € pro Patient eingespart werden können – durch kürzere Liegezeiten und geringeren Pflegebedarf.


Mangelndes Problembewusstsein nicht nur in der Öffentlichkeit sondern auch bei den Entscheidungsträgern und nicht zuletzt beim Krankenhauspersonal ist das Haupthindernis für eine Verbesserung der Ernährungsversorgung.


Eine gemeinsame Anstrengung aller Akteure ist notwendig, um dieses zentrale Problem anzugehen . Die Europäische Gesellschaft ESPEN verfolgt gemeinsam mit den nationalen Fachgesellschaften für Klinische Ernährung und Stoffwechsel, der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) – und der European Nutrition for Health Alliance (ENHA) folgende Zielsetzung, um die Ernährungsversorgung von Mangelernährten zu verbessern:

 

  • Aufklärung über und Stärkung des Bewusstseins für Mangelernährung in der Öffentlichkeit
  • Entwicklung und Umsetzung von Leitlinien
  • Schulung in Ernährungstherapie
  • verpflichtendes Screening auf Mangelernährung
  • nationale Aktionspläne zur Ernährungstherapie
  • Forschung im Bereich Mangelernährung

 

Mit der Konferenz in Prag soll der Startschuss zu einer europaweiten Initiative gegeben werden.

 


Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) vom 11.06.2009.

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