Abb.: Beim Expertengespräch an der Pflegefachschule Bildungszentrum Gesundheit Rhein-Neckar GmbH in Wiesloch (v.l.n.r.): Professor Dr. Bernd Reuschenbach, Katholischen Stiftungshochschule München, Diplom-Pflegewissenschaftlerin Sabine Weißflog, Professor Dr. Matthias Zündel, Evangelischen Hochschule Berlin, Andrea Senn-Lohr, BZG-Schulleiterin, Andreas Westerfellhaus, Präsident Deutscher Pflegerat, Walter Reiß, BZG-GeschäftsführerPflege-Experten entwickeln Strategien gegen den Fachkräftemangel

 

Wiesloch (30. Mai 2011) – Die Zukunft unseres Gesundheitswesens ist ungewiss. Nicht nur aufgrund offener Finanzierungsfragen, sondern auch, weil qualifizierte Fachkräfte zunehmend fehlen, können die Bürger nicht mehr darauf vertrauen, dass sie bei Erkrankung auch morgen noch eine ausreichende Versorgung erhalten. Während die Politik in den letzten Jahren mit viel Aufwand nach Lösungen für das Problem des Ärztemangels suchte, wurde dem Fachkräftemangel in der Pflege bislang wenig Interesse geschenkt.

 

Dabei ist ein drastischer Mangel an beruflich Pflegenden bereits heute absehbar. Prognosen zufolge werden bis 2020 allein in der Krankenpflege ohne Berücksichtigung des Bedarfs in der Altenpflege 140 Tausend Fachkräfte fehlen. „Wir haben zwei Probleme mit Folge- und Doppelwirkung: Die Akquise des Nachwuchses und der zunehmende Fachkräftemangel“, so brachte es Walter Reiß, Geschäftsführer der Bildungszentrum Gesundheit Rhein-Neckar GmbH (BZG) in Wiesloch zum Auftakt des ersten Expertengesprächs „Strategien gegen den Fachkräftemangel“ auf den Punkt. Über 50 Teilnehmer aus leitenden Funktionen im Pflegedienst und aus Pflegefachschulen waren am 20. Mai 2011 zu der Kooperationsveranstaltung der Akademie im Park und der BZG nach Wiesloch gekommen.  Gemeinsam mit Referenten aus Pflegemanagement, Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft konnten sie Lösungen für die brennenden Fragen des Faches anstoßen.

 

 

Pflege hat Zukunft – wenn sie gesundheitspolitisch aktiv wird

 

„Das Thema Pflege ist endlich in der Politik angekommen“ berichtete Andreas Westerfellhaus aus seiner politischen Arbeit als Präsident des deutschen Pflegerates. Doch allein mit der beim Bundesgesundheitsministerium in Gang gekommenen Pflegedialogreihe, dem 2010 ausgerufenen „Jahr der Pflege“ oder der Etablierung der bundesweit ersten Pflegekammer in Bayern sei es nicht getan, mahnte der Referent. Allen voran müssten sich Pflegepädagogen und Pflegemanager verstärkt berufspolitisch engagieren. Werde diese Herausforderung nicht angenommen, so sei zu befürchten, dass das anstehende Berufsgesetz Pflege an den Interessen der Berufsgruppe vorbei entwickelt werde. Als gemeinsames Ziel formulierten die Gesprächsteilnehmer die Einrichtung einer Bundespflegekammer bis zum Jahr 2016. Mit dieser politischen Vertretung aller Berufsangehörigen sei die notwendige Selbstverwaltung und Einflussnahme der Pflege auf Entscheidungen in Bund und Ländern am besten sicherzustellen. Nicht zuletzt diene eine Pflegekammer auch als Instrument, um den Menschen qualifizierte Pflege anzubieten und sie vor unsachgemäßer Pflege zu schützen.

 

 

Vertrauen gegenüber Pflegenden – kein Pluspunkt bei Berufswahl 

 

Laut Bevölkerungsumfragen genießen Pflegepersonen hohes Vertrauen und landen im Ranking unter den Berufsgruppen unmittelbar nach den Piloten und noch vor den Ärzten auf Platz 2. Dennoch sind immer weniger Schulabgänger bereit, sich in Pflegeberufen ausbilden zu lassen, bedauerte Andrea Senn-Lohr, Schulleiterin der BZG in Wiesloch.

 

Vor diesem Hintergrund plädierte Professor Dr. Matthias Zündel von der Evangelischen Hochschule Berlin für die Schaffung von vielschichtigen Karrierechancen im Pflegeberuf. Insbesondere gelte es, wissenschaftliche Erkenntnisse stärker in die Ausbildung und Praxis des Berufs einfließen zu lassen. Gemeinsam mit dem Professor für Pflegewissenschaft erkannten die Tagungsteilnehmer einen intensiven Aufklärungsbedarf der Öffentlichkeit über die differenzierten Berufsperspektiven des Pflegefaches. Diese reichen von der einjährig ausgebildeten Gesundheits- und Krankenpflegehelferin bis zum Master of Science in Nursing und der damit verbundenen Möglichkeit, einen pflegewissenschaftlichen Doktorgrad zu erlangen. Im Sinne einer langfristig erfolgreichen Personalentwicklung – so waren sich die Experten einig – müssten geeignete Auszubildende gezielt gefördert werden und in der Konsequenz sollten die besonderen Kompetenzen des akademisierten Pflegepersonals im Klinikalltag auch abgerufen werden. So sah man beispielsweise die Absolventen des 4,5 jährigen dualen Studiengangs für Advanced Nursing Practice ideal vorbereitet für den Einsatz als Pflegeexperten oder -planer.

 

 

Pflege – ein knappes Gut, das es sinnvoll zu verteilen gilt

 

„In der Pflege haben wir alles, nur keine Zeit“, so beschrieb die Diplom-Pflegewissenschaftlerin Sabine Weißflog (MScN) die Belastung der Gesundheits- und Krankenpfleger im Berufsalltag. Konfrontiert mit Rationierungszwängen durch steigende Fallzahlen bei kontinuierlichem Stellenabbau erleben Pflegende die Verteilung des knappen Gutes Pflege oftmals als ungerecht. „Wenn sich Pflegende aufgrund von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gegen ihr fürsorgliches Handeln entscheiden müssen, führt dies mitunter zu moralischen Konflikten“, erinnerte sich die Pflegewissenschaftlerin an ihre frühere Berufstätigkeit als Gesundheits- und Krankenpflegerin. Kern des Problems sei, dass Pflegende sich bis heute schwer tun, ihre eigene Berufsrolle zu definieren und ihr Aufgabengebiet abzugrenzen.

 

Einen Ausweg aus diesem Dilemma biete einzig die bessere Beschreibung und rechtliche Verankerung der Pflegeleistungen, so Weißflog. Angesichts der Schlüsselposition, die Pflegepersonen im interdisziplinären Behandlungsteam auf sich vereinen, sahen die Teilnehmer am Expertengespräch die zukünftige Rolle der Pflegenden im Management und in der Vernetzung der Schnittstellen zwischen allen am Behandlungsprozess Beteiligten.

 

Durch moderne Pflegeorganisationssysteme ließen sich nicht nur wertvolle Zeit und Kosten sparen, sondern auch die erforderlichen Kompetenzen der eingesetzten Mitarbeiter auf den unterschiedlichen Qualifikationsniveaus exakt beschreiben. Dies komme den Patienten zugute und werte letztendlich die Arbeit der Pflegenden auf.

 

 

Mehr Wissen über Potenziale, mehr Fakten über Wirksamkeit

 

Weshalb sich der Pflegesektor mit seiner Neupositionierung so schwer tut, beleuchtete Professor Dr. Bernd Reuschenbach von der Katholischen Stiftungshochschule München.

 

„In beruflich Pflegenden stecken beachtliche Potenziale, die bislang nicht hinreichend ausgeschöpft werden, weil wir zu wenig darüber wissen“, so begründete Reuschenbach seine Forderung nach mehr vergleichender Versorgungsforschung in Deutschland.

 

Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse sollten in Rahmenempfehlungen für eine erweiterte Pflegeausbildung einfließen. Über die Vermittlung pflegerischer Kernaufgaben hinaus, könnten Pflegefachschulen die Entfaltung von breit angelegten Kompetenzen bei ihren Auszubildenden anstreben. Dazu gehöre auch Analysefähigkeit und wissenschaftliches Arbeiten. Mit einer derart erweiterten Basisqualifikation, die sich an pflegetheoretischen Grundüberzeugungen orientiere, sahen die Experten in der Wieslocher Runde beruflich Pflegende bestens aufgestellt, um zukünftigen Anforderungen im Gesundheitswesen umfassend gerecht zu werden. Für die Übernahme von Aufgaben wie Case-Management, Hilfsmittelversorgung, Diabetes-Beratung oder Sturzprävention sei die Pflege prädestiniert. Mit dieser neuen Rolle sei die Pflege in der Lage, die Wertschöpfung für den Patienten und für die Gesellschaft zu steigern.

 

 

Hintergrundinformation zum Veranstalter

 

Die Bildungszentrum Gesundheit Rhein-Neckar GmbH (BZG) wurde am 10. Mai 2010 in Wiesloch offiziell eröffnet. Die staatlich anerkannte Pflegefachschule hatte im Oktober 2009 als Zusammenschluss der zwei Gesundheits- und Krankenpflegeschulen der Gesundheitszentren Rhein-Neckar gGmbH (GRN) an den Standorten Sinsheim/Eberbach und Schwetzingen/Weinheim sowie der Gesundheits- und Krankenpflegeschule des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden (PZN) in Wiesloch ihren ersten gemeinsamen Ausbildungskurs gestartet. Derzeit unterrichten elf Lehrkräfte unter der Leitung der Diplom-Pflegepädagogin Andrea Senn-Lohr 180 Schüler in sieben Ausbildungskursen.

 

Neben langfristigen wirtschaftlichen Vorteilen eröffnet der Zusammenschluss für die beteiligten Einrichtungen GRN und PZN und deren Träger auch in fachlicher Hinsicht Synergieeffekte. Die BZG unter der Geschäftsführung von Walter Reiß leistet einen entscheidenden Beitrag, dass der personelle Bedarf an qualifizierten Pflegefachkräften für insgesamt fünf Kliniken auch künftig aus eigener Ausbildung gedeckt werden kann.

 

 


Quelle: Bildungszentrum Gesundheit Rhein-Neckar GmbH (BZG), 30.05.2011 (tB).

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