Die Anforderungen an Pflegefachkräfte steigen: Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster untersuchte das Schmerzmanagement ambulanter Pflegedienste in Münster. Photo: Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt MünsterSchmerzmanagement in der ambulanten Pflege

„Pflegenden sind oft die Hände gebunden“

 

Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster und  Deutscher Pflegerat erörtern mögliche Hebel zur Verbesserung

 

Münster (27. Oktober 2011) – Mehr als zwei Drittel aller 2,3 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden laut Statistischem Bundesamt zuhause von Angehörigen betreut, immer häufiger in Kooperation mit einem ambulanten Pflegedienst.

 

Nach Angaben der Pflegestatistik 2009 stieg die Zahl der ambulant durch einen Dienst Versorgten gegenüber 2007 um zehn Prozent auf etwa 555.000. Das Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster hat das Schmerzmanagement in 14 der rund 40 ambulanten Pflegedienste in Münster untersucht. Das Ergebnis: Mehr als jede zweite Pflegefachkraft ist in Bezug auf die Schmerztherapie nur eingeschränkt handlungsfähig. Ein Missstand, der auch auf Bundesebene bekannt ist. Gemeinsam mit Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates, diskutiert das Aktionsbündnis Möglichkeiten zur Optimierung der pflegerischen Versorgung.

 

„Das Schmerzmanagement in der ambulanten Pflege basiert auf interprofessionellen Absprachen verschiedener Akteure. Ärzte, Pflegefachkräfte, Kostenträger, Patienten und Angehörige müssen kooperieren, damit die pflegerische Versorgung reibungslos und zeitnah funktioniert. Insbesondere die enge Zusammenarbeit mit dem Hausarzt ist essentiell. Liegen Pflegefachkräften keine einheitlichen Regelungen und schriftlichen Handlungsanweisungen vor, so sind sie vor Ort in ihrer Handlungsfähigkeit ausgebremst. Dies war bei über der Hälfte der von uns befragten Pflegefachkräfte der Fall“, fasst Professor Dr. Dr. h.c. Jürgen Osterbrink, Leiter des Aktionsbündnisses Schmerzfreie Stadt Münster, die Ergebnisse zusammen.

 

Von den 45 Prozent der Pflegefachkräfte, die generell auf schriftliche Anweisungen zurückgreifen konnten, gaben lediglich 9 Prozent an, daraufhin bei allen Patienten handlungsfähig zu sein, etwa jeder Dritte war es bei manchen Patienten. Eine positive Bilanz zogen die Experten des Aktionsbündnisses bei der Bereitschaft der Pflegenden zur Fortbildung. Gleichzeitig lobte der Leiter des Aktionsbündnisses das Problembewusstsein der teilnehmenden Pflegedienste: „Die Einrichtungen in Münster übernehmen eine Vorreiterrolle, indem sie sich öffentlich ihren Anforderungen stellen und auf transparentem Wege aktiv an der Lösung von Problemen arbeiten.“ Bei dem ermittelten Optimierungsbedarf handle es sich um bundesweit bekannte Phänomene. Professor Osterbrink: „Insbesondere die mangelnde Handlungsfähigkeit von Fachpflegekräften verweist auf ein generelles Strukturproblem der Pflegebranche, das häufig diskutiert wird. Pflegefachkräfte könnten handeln, dürfen es oft rechtlich aber nicht. Hier ist der Gesetzgeber gefragt.“

 

 

Experten fordern Neustrukturierung der Pflegebranche

 

Vorschläge zur Verbesserung von Missständen in der pflegerischen Versorgung bietet der Deutsche Pflegerat, Bundesarbeitsgemeinschaft des Pflege- und Hebammenwesens und Interessensvertretung von über 1,2 Millionen Beschäftigten in der Pflege. Präsident Andreas Westerfellhaus plädiert für eine Neuausrichtung der Verantwortungsbereiche in der Pflege. Westerfellhaus: „Pflegekräfte übernehmen heute von der Basispflege bis hin zum Schmerzmanagement vielfältige Aufgaben. Effektiver wäre eine pflegerische Versorgung, in der verschiedene Gesundheitsberufe je nach Kompetenz und Qualifikation zusammen wirken. Ein Mix aus Pflegefachkräften, Akademikern und assistierenden Berufen in den Versorgungsteams würde zeitliche Ressourcen schaffen und die Qualität der Pflege deutlich erhöhen.“

 

Auch müsse neu geregelt werden, welche Tätigkeiten in die Zuständigkeit von examinierten Fachpflegekräften fallen und wie Ärzte und Pflegende besser kooperieren können. Westerfellhaus: „Pflegenden sind oft die Hände gebunden, diesen Knoten müssen wir lösen. Schließlich geht es bei der Pflege um Menschen, die Medizin und Therapie benötigen.“

 

Abb.: Diskutierten heute zum Thema ambulante Pflege: (von links) Kerstin Breuer, pflegende Angehörige; Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Osterbrink, Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster; Andreas Westerfellhaus, Deutscher Pflegerat; Hausarzt Dr. Ralf Becker; Monika Klau-Fischer, Arbeitsgemeinschaft ambulante Pflegedienste. Photo: Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster

 

Abb.: Diskutierten heute zum Thema ambulante Pflege: (von links) Kerstin Breuer, pflegende Angehörige; Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Osterbrink, Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster; Andreas Westerfellhaus, Deutscher Pflegerat; Hausarzt Dr. Ralf Becker; Monika Klau-Fischer, Arbeitsgemeinschaft ambulante Pflegedienste. Photo: Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster

 

 

Qualifizierung von Fachkräften bleibt größte Herausforderung

 

Während die Anforderungen an Pflegende sowohl fachlich als auch organisatorisch steigen, gibt es immer weniger Bewerber, die diesen gerecht werden. Monika Klau-Fischer, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft ambulante Pflegedienste, sieht in der Gewinnung von qualifiziertem Fachpersonal eine der größten Herausforderungen für die ambulante Pflege. Klau-Fischer: „Ambulante Pflege erfordert ein hohes Maß an Flexibilität und interdisziplinärer Kooperation. Die Wissensbasis der Pflegenden muss dabei kontinuierlich vertieft werden, insbesondere das Schmerzmanagement gewinnt bei unserer täglichen Arbeit in enger Zusammenarbeit mit den Hausärzten zunehmend an Bedeutung. Wir freuen uns, gemeinsam mit dem Aktionsbündnis einen Schritt in die richtige Richtung zu tun und diesen wichtigen Arbeitsbereich zu optimieren.“

 

 

Interdisziplinäre Arbeitsgruppen geplant

 

In einer Interventionsphase sind in Münster nun umfassende Qualifizierungsmaßnahmen innerhalb der ambulanten Pflegedienste geplant. Neben Schulungen und Qualitätszirkeln sowie der Ausbildung qualifizierter Pflegeexpertinnen zu Pain Nurses sei auch die Einführung einer interdisziplinären Arbeitsgruppe geplant. Professor Osterbrink: „Die Kommunikation zwischen Pflegenden und Hausärzten erwies sich in vielen der untersuchten Pflegedienste als große Herausforderung. Um den Grundstein für eine partnerschaftliche und effektive Zusammenarbeit zu legen, soll, ähnlich dem Palliativnetz Münster, ein Expertenteam etabliert werden, in dem die einzelnen Berufsgruppen gemeinsam an einem effektiven Schmerzmanagement in der ambulanten Pflege arbeiten.“

 

 

Hintergrund

 

Erstuntersuchung ambulante Pflege

 

In 14 münsterschen ambulanten Pflegediensten analysierte ein Experten-Team über Monate die Umsetzung des Expertenstandards Schmerzmanagement in der Pflege. Analysiert wurden die Bereiche Schmerzerfassung, Medizinische Schmerztherapie, Schmerzmittelbedingte Nebenwirkungen, Nichtmedikamentöse Maßnahmen sowie Schulung und Beratung. Ausgeschriebenes Ziel: Versorgungslücken erkennen und schließen. Dafür wurden 146 examinierte Pflegefachkräfte befragt. In der nun folgenden Interventionsphase soll das Schmerzmanagement in der münsterschen ambulanten Pflege mit gezielten Schulungen und der Einführung von regelmäßigen Qualitätszirkeln sowie spezifischen Instrumenten und Konzepten optimiert werden. In einem dritten Schritt erfolgt eine erneute Evaluation.

 

 

Erfahrungsbericht einer pflegenden Angehörigen

 

Über vier Jahre pflegte Kerstin Breuer (34) gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder den mehrfach schwer erkrankten Vater bis zu seinem Tod im Juni 2011. Diabetes, offener Fuß, Herzinfarkt, mehrere Schlaganfälle, mehrere Knochen- und Gelenkbrüche durch Stürze aus dem Krankenhausbett, Demenz – die Krankengeschichte des Vaters ist erschütternd und brachte die Familie immer wieder an ihre Grenzen. Dennoch habe die gemeinsame Zeit mit dem Vater Kerstin Breuer viel gegeben: „Mein Vater war ein Stehauf-Männchen, trotz seines kritischen Gesundheitszustands gab es immer wieder auch Fortschritte, Zeiten in denen es ihm besser ging. Für uns war klar, wenn wir ihn in ein Heim geben, stirbt er.“ Gemeinsam mit einem ambulanten Pflegedienst in Hamm pflegte die Familie den Vater im eigenen Haus. Frau Breuer erinnert sich: „Wir haben in dieser Zeit viel Hilfe erfahren. Auf unseren Hausarzt sowie die Pflegeexpertinnen konnten wir uns immer verlassen. Es gab aber auch Hürden und bürokratische Grabenkämpfe, die uns viel Kraft abverlangt haben. Immer wieder mussten wir uns gegen Anschuldigungen in Gutachten behaupten und für das Recht unseres Vaters als Versicherungsnehmer kämpfen. Als pflegende Angehörige muss man ein sehr hartes Fell haben, um nicht daran zu zerbrechen.“ Nach einjährigem Kampf bekam der Vater drei Monate vor seinem Tod die Höherstufung in Pflegestufe III rückwirkend für insgesamt sechs Monate. Alleine der familiäre Zeitaufwand für die Pflege betrug pro Tag etwa 9 bis 10 Stunden. Dafür erhielt die Familie monatlich zwischen 170 und 310 Euro von der Pflegekasse ausgezahlt. Ihr Studium hat Frau Breuer unterbrochen, die Mutter reduzierte die selbständige Tätigkeit auf ein Minimum. Beide Pflegepersonen gingen weit über ihre persönliche Belastungsgrenze hinaus und erkrankten selbst.

 

 

Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster

 

Das Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster unter der Schirmherrschaft von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr ist ein auf mehrere Jahre angelegtes Forschungsprojekt, das erstmals über Institutionsgrenzen hinweg die komplexe Versorgung von Schmerzpatienten innerhalb eines städtischen Gesundheitssystems untersucht. Ziel des Aktionsbündnisses ist es, Wissens- und Versorgungslücken im Bereich des Schmerzmanagements an den Schnittstellen städtischer Gesundheitseinrichtungen zu erkennen und zu schließen.

 

Das Projekt beginnt mit der Erhebung des Ist-Zustands des Schmerzmanagements in den jeweiligen Einrichtungen. Als Instrumente dienen Fragebögen für das medizinische und pflegerische Personal sowie für Patienten und Angehörige. Auf Basis der Ergebnisse erarbeitet ein Expertenteam Optimierungsvorschläge zum Schmerzmanagement, die sich an medizinischen und pflegerischen internationalen Qualitätsstandards orientieren. Wesentlicher Bestandteil ist die Schmerzmessung und -dokumentation. Eine Verbesserung der Schmerztherapie soll zudem durch die Etablierung fach- und berufsübergreifender Therapiestandards bei akuten und chronischen Schmerzen erreicht werden sowie durch eine aufeinander abgestimmte medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlung. Nach der Implementierung werden alle Einrichtungen re-evaluiert.

 

 

Weitere Informationen zum Projekt sind unter www.schmerzfreie-stadt.de abrufbar.

 

 

Schirmherrschaft „Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster“:

 

  • Daniel Bahr, Bundesminister für Gesundheit

 

Kooperationspartner „Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster“:

 

  • Apothekerkammer Westfalen-Lippe
  • Barmer GEK
  • Bezirksregierung Münster
  • Gesellschaft für Qualifizierte Schmerztherapie Certkom e.V.
  • Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)
  • Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin e.V. (DGP)
  • Deutsche Schmerzliga e.V.
  • Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS)
  • Facharztinitiative Münster
  • Hausärzteverbund Münster (HVM)
  • MEDICA Deutsche Gesellschaft für Interdisziplinäre Medizin e.V.
  • Palliativnetz Münster e.V.
  • Praxis für ganzheitliche Schmerztherapie Münster
  • Schmerztherapiezentrum Münster
  • Universitätsklinikum Münster (UKM)

 

Fördermittel stellen die Stadt Münster sowie das Land Salzburg zur Verfügung.

Zusätzlich wird das Aktionsbündnis durch das Unternehmen Mundipharma unterstützt.

 


 

Quelle: Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster, 27.10.2011 (tB).

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