Gute Mundhygiene – so wichtig wie noch nie

 

Münster (22. März 2021) — Aus Angst, sich auf dem Weg oder in der Zahnarztpraxis mit SARS-CoV-2 zu infizieren, sagen Patienten in der Pandemie überdurchschnittlich oft ihren Prophylaxe-Termin ab. Dabei ist eine intakte Mundhygiene, insbesondere für Parodontitis-Patienten, immens wichtig.

Wieso parodontale Entzündungen im Mundraum ein bis zu 8-fach höheres Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf verursachen können, erklärt Prof. Dr. Benjamin Ehmke, Direktor der Klinik für Parodontologie und Zahnerhaltung am UKM (Universitätsklinikum Münster).

 

Herr Prof. Ehmke, wie hängen Parodontitis, also eine Entzündung des Zahnbettes, und COVID-19-Infektionen zusammen?

Prof. Dr. Benjamin Ehmke: Die Eintrittspforte für das SARS-CoV-2-Virus ist neben der Nase auch die Mundhöhle. Genau in diesem Bereich bestehen bei Zahnfleischerkrankungen chronische Entzündungen. Gleichzeitig ist auch eine COVID-19-Infektion durch eine systemische Entzündung im Körper charakterisiert, sodass beide Prozesse gewisse Gemeinsamkeiten haben. Das wiederum kann Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf bei COVID-19 haben.

 

Heißt das, dass Patienten mit Parodontitis ein höheres Risiko haben, schwer an COVID-19 zu erkranken?

Ehmke: Ja.In einer aktuellen, internationalen Studie konnte gezeigt werden, dass Patienten mit Parodontitis, unabhängig von anderen Risikofaktoren wie Herzerkrankungen, Bluthochdruck oder Diabetes, ein bis zu 8-fach höheres Risiko haben, einen ungünstigen Verlauf der COVID-19-Infektion zu entwickeln. Das heißt, diese Patienten sind häufiger intensivpflichtig oder müssen beatmet werden.

 

Aber warum erkranken Parodontitis-Patienten leichter an COVID-19 bzw. haben häufiger schwere Komplikationen?

Ehmke: Da gibt es unterschiedliche Hypothesen. Ist das Zahnfleisch entzündet, könnte das Virus leichter in die Zellen eindringen. Andererseits können Bakterien, die eine Zahnfleischentzündung verursachen, einen Bakterienfilm auf Zahnfleisch und Zähnen bilden, an dem sich dann andere Bakterien festhalten können. So können sich Bakterien, die beispielsweise eine Lungenentzündung verursachen, in der Mundhöhle ansiedeln. Ist der Patient durch COVID-19 geschwächt, kann die bakterielle Lungenentzündung ausbrechen und zu einem schweren Infektionsverlauf und Komplikationen führen.

 

Was raten Sie derzeit Patienten, die unter Zahnfleischbluten, Zahnfleischrückgang oder Mundgeruch leiden oder bereits eine diagnostizierte Parodontitis haben?

Ehmke: Auf jeden Fall sollten sie trotz Pandemie ihren Zahnarzt aufsuchen und die regelmäßigen Termine zur Prophylaxe wahrnehmen. Bereits mit Parodontitis diagnostizierte Patienten sollten zudem alle drei bis vier Monate ihre Zähne professionell reinigen lassen. Gerade bei älteren Patienten konnte hierdurch gezeigt werden, dass das Auftreten von Lungenentzündungen geringer wird. Insofern ist für diese Patientengruppe die regelmäßige Nachsorgebehandlung beim Zahnarzt auch in Pandemie-Zeiten medizinisch sehr sinnvoll.

 

Was entgegnen Sie Skeptikern?

Ehmke: Alle Praxen verfügen über umfangreiche Hygienekonzepte, haben zusätzlich teilweise in Luftfilter investiert. Mundspülungen vor der Behandlung reduzieren wiederum die Viruslast im Rachenraum und schützen damit auch das Personal. Bei uns in der Zahnklinik hat es bisher keine bekannte Infektion zwischen Mitarbeitenden und Patienten gegeben. Deshalb sollte derzeit niemand den Weg zum Zahnarzt scheuen – insbesondere nicht bei bestehenden Problemen an Zahnfleisch oder Zähnen.

 

Haben Sie abschließend noch einen Tipp, was jeder Einzelne zuhause tun kann, um eine gute Mundhygiene zu fördern und Entzündungsherde zu verringern?

Ehmke: Kurz gesagt: Zweimal am Tag die Zähne putzen, abends auch die Zunge mit der Zahnbürste bürsten. Und idealerweise auch noch die Zahnzwischenräume jeden Tag mit Zahnseide oder Zahnzwischenraumbürsten reinigen. All das sorgt für eine gute Mundhygiene, verringert eine Zahnfleischentzündung und zerstört den gefährlichen Bakterienfilm auf den Zähnen.

 

 

 


Quelle: Universitätsklinikum Münster, 22.03.2021 (tB).

Schlagwörter: ,

MEDICAL NEWS

New guidance to prevent the tragedy of unrecognized esophageal intubation
Overly restrictive salt intake may worsen outcomes for common form…
COVID-19 vaccines are estimated to have prevanented 20 million deaths…
Novel sleep education learning modules developed for nurse practitioners
Scientists discover how salt in tumours could help diagnose and…

SCHMERZ PAINCARE

Aktuelle Versorgungssituation der Opioidtherapie im Fokus
Individuelle Schmerztherapie mit Opioiden: Patienten im Mittelpunkt
Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…

DIABETES

Menschen mit Diabetes während der Corona-Pandemie unterversorgt? Studie zeigt auffällige…
Suliqua® zur Therapieoptimierung bei unzureichender BOT
„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ gibt…
Kaltplasma bei diabetischem Fußsyndrom wirkt via Wachstumsfaktoren
Typ-1-Diabetes: InRange – auf die Zeit im Zielbereich kommt es…

ERNÄHRUNG

Gesunde Ernährung: „Nicht das Salz und nicht das Fett verteufeln“
Mangelernährung gefährdet den Behandlungserfolg — DGEM: Ernährungsscreening sollte zur klinischen…
Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?

ONKOLOGIE

Nahrungsergänzungsmittel während der Krebstherapie: Es braucht mehr Bewusstsein für mögliche…
Fusobakterien und Krebs
Fortgeschrittenes Zervixkarzinom: Pembrolizumab verlängert Leben
Krebspatienten unter Immuntherapie: Kein Hinweis auf erhöhtes Risiko für schwere…
Aktuelle Kongressdaten zum metastasierten Mammakarzinom und kolorektalen Karzinom sowie Neues…

MULTIPLE SKLEROSE

Multiple Sklerose: Analysen aus Münster erhärten Verdacht gegen das Epstein-Barr-Virus
Aktuelle Daten zu Novartis Ofatumumab und Siponimod bestätigen Vorteil des…
Multiple Sklerose durch das Epstein-Barr-Virus – kommt die MS-Impfung?
Neuer Therapieansatz für Multiple Sklerose und Alzheimer
„Ich messe meine Multiple Sklerose selbst!“ – Digitales Selbstmonitoring der…

PARKINSON

Alexa, bekomme ich Parkinson?
Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…