Behandlung von Psychosen

Ambulante Verhaltenstherapie zeigt gute Wirkung

 

Berlin (19. Januar 2016) – Patienten mit Psychosen profitieren von einer ambulanten Verhaltenstherapie. Das zeigt eine klinische Studie von Psychologen der Universitäten Hamburg und Marburg, in der die Störungsverläufe von Probanden einer Therapiegruppe mit denen einer Wartegruppe verglichen wurden. Patienten der Therapiegruppe zeigten im Vergleich zur Wartegruppe nach der Therapie eine größere Verbesserung der Symptome, konnten ihren Alltag besser bewältigen und waren insgesamt zufriedener mit ihrem Leben. Die Ergebnisse der Studie wurden im "Journal of Consulting and Clinical Psychology" veröffentlicht.


Verfolgungsängste, Stimmenhören, Antriebsverlust. Neben diesen typischen Symptomen haben Patienten mit Psychosen oft auch mit Stigmatisierung, Rückzug und Hoffnungslosigkeit zu kämpfen. Medikamente gelten bei Psychosen bis heute als die Therapie erster Wahl. Obwohl die kurzfristige Effektivität der Behandlung belegt ist, helfen Medikamente nicht jedem und haben oft stark beeinträchtigende Nebenwirkungen. Viele Patienten wünschen sich eine über Medikamente hinaus gehende Therapie.


„Studien aus England zeigen, dass die Kognitive Verhaltenstherapie unter streng kontrollierten Bedingungen eine wirksame Möglichkeit ist, Psychosen zu behandeln“, sagt Tania Lincoln, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Hamburg. „Wir wollten wissen, ob sich die positiven Effekte auch dann zeigen, wenn die Therapien unter Routinebedingungen in der ambulanten Versorgung in Deutschland durchgeführt werden.“


Studie mit 80 Patienten

Für ihre Studie rekrutierten die Forscher 80 Patienten, die mit der Diagnose einer Schizophrenie oder einer ähnlichen Störung eine ambulante Therapie aufsuchten. Die Patienten wurden entweder einer Therapiegruppe zugelost (Therapiebeginn sofort) oder einer Wartegruppe (Therapiebeginn nach 4 Monaten). Die Therapien wurden von sechs Psychotherapeuten durchgeführt, umfassten im Schnitt 25 Stunden und wurden von den Krankenkassen bezahlt. In beiden Gruppen wurde durchgehend die medikamentöse Behandlung durch einen Psychiater fortgeführt.


Kognitive Verhaltenstherapie bei Psychosen

Kernstück der Kognitiven Verhaltenstherapie ist der Aufbau einer guten therapeutischen Beziehung. Aktuelle Untersuchungen der Forschergruppe zeigen, dass insbesondere die Echtheit des Therapeuten zu einem guten Beziehungsaufbau beiträgt. Der Therapeut bemüht sich nachzuvollziehen, wie sich die Symptome und Probleme des Patienten vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen entwickelt haben. Gemeinsam erarbeiten Patient und Therapeut individuelle Erklärungsmodelle für psychotische Symptome wie zum Beispiel Halluzinationen. Patienten lernen, wie sie mit belastenden Symptomen umgehen und wie sie ihre wahnhaften Überzeugungen infrage stellen können. Sie trainieren psychotische Episoden frühzeitiger zu erkennen um sie abzumildern oder gar zu verhindern.


Bestimmung der Symptomschwere und Alltagsbewältigung

Zu drei Zeitpunkten (vor und nach der Behandlung sowie ein Jahr später) bestimmten die Forscher für jeden Patienten die objektive Schwere der Symptome, die Alltagsbewältigung und subjektive Veränderungen. In standardisierten Interviews wurden positive Symptome (zum Beispiel Wahnvorstellungen) und negative Symptome (zum Beispiel abgeflachte Stimmung) sowie die allgemeine Psychopathologie (Ängstlichkeit, Anspannung) erfragt. Die Interviews wurden auf Video aufgezeichnet. Zwei unabhängige Gutachter beurteilten anhand der Videos die objektive Symptomschwere und die Alltagsbewältigung für jeden Patienten. Die subjektiven Veränderungen wurden durch Fragebögen ermittelt, in denen die Patienten zu Veränderungen ihrer Lebenszufriedenheit, Selbstfürsorge und Alltagsbewältigung befragt wurden.


Hohe Patientenzufriedenheit und deutliche Symptomverbesserungen

Die Forscher verglichen die Daten beider Gruppen miteinander. Die Ergebnisse zeigen insgesamt, dass Patienten der Therapiegruppe eine deutlich größere Verbesserung der Symptome aufwiesen als die der Wartegruppe. Über 90 Prozent der Patienten aus der Therapiegruppe fand die Therapie hilfreich oder sehr hilfreich und verspürte eine subjektive Verbesserung ihres allgemeinen Wohlbefindens. Die Zufriedenheit der Patienten spiegelte sich auch in der tatsächlich gemessenen Ausprägung der Symptomatik wider. Die Patienten der Therapiegruppe zeigten im Vergleich zur Warteliste eine deutliche Verbesserung bezüglich ihrer Positivsymptomatik und ihrer Depressivität. Außerdem konnten sie ihren Alltag besser bewältigen. Die durch die Therapie erzielten Effekte der Therapie waren auch nach einem Jahr noch stabil. Lediglich bezüglich der Negativsymptomatik gab es keine Unterschiede zwischen den Gruppen.

„Die Ergebnisse zeigen, dass die Kognitive Verhaltenstherapie bei Psychosen ein effektives Hilfsangebot für Patienten in der ambulanten Versorgung darstellt“, sagt Tania Lincoln. „Unsere Ergebnisse sollten niedergelassene Verhaltenstherapeuten ermuntern, Patienten mit Psychosen in die ambulante Versorgung aufzunehmen, und Patienten sollten diese Therapieform von ihren Behandlern einfordern.“


Originalpublikationen

 

  • Jung, E., Wiesjahn, M., Rief, W, & Lincoln, T.M. (2015). Perceived therapist genuineness predicts therapeutic alliance in Cognitive Behavioral Therapy for Psychosis. British Journal of Clinical Psychology, 54, 34-48.

 

  • Lincoln, T.M., Ziegler, M. Mehl, S., Lüllmann, E., Kesting, M.L., Westermann, S. & Rief, W. (2012). Moving from efficacy to effectiveness in CBT for psychosis. A randomized-controlled clinical practice trial. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 80 (4), 674-686.

 

 

Aktueller Hinweis

 

Sowohl in Marburg als auch in Hamburg werden Patienten mit Psychosen für weitere Therapiestudien gesucht:

 

Hamburg:

 

 

Marburg:

 

 

 

Über die DGPs

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs e.V.) ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Die über 3700 Mitglieder erforschen das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie publizieren, lehren und beziehen Stellung in der Welt der Universitäten, in der Forschung, der Politik und im Alltag.

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Quelle:  Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs), 19.01.2016  (tB).

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