Depression und kognitive Defizite

Risikofaktoren im Vorfeld eines epileptischen Anfalls

Stuttgart (12. Mai 2010) – Gerade noch malte die 7-jährige Lisa ein Geburtstagsbild für ihre Mutter. Nun aber bricht sie ihre Aktivität ab, ganz spontan. Sie schaut ratlos, wirkt orientierungslos und tut für einige Sekunden nichts – ehe sie weitermalt. Von außen betrachtet, wirkt dieses Geschehen harmlos. Doch in Wirklichkeit wurde Lisa von einer kurzzeitigen Bewusstseinsstörung befallen, einer sogenannten „Absence-Epilepsie“. Diese Form der Epilepsie kommt insbesondere bei Kindern und Jugendlichen vor. „Absencen können mehrere Male am Tag auftreten. Für Außenstehende sind sie manchmal kaum zu erkennen“, sagt der Neurologe Dr. med. Dr. phil. Johannes Rösche von der Universität Rostock.

Wie Rösche in einem in der Fachzeitschrift „Fortschritte der Neurologie Psychiatrie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) veröffentlichten Übersichtsartikel darlegt, lassen sich im Vorfeld eines epileptischen Anfalls mehrere klinische Auffälligkeiten beobachten – wenn auch nur bei einer Minderheit der betroffenen Personen. Nach Sichtung zahlreicher Forschungsarbeiten kommt Rösche zu dem Schluss: Einem epileptischen Anfall gehen in einigen Fällen depressive Verstimmungen, verschlechterte Gedächtnisleistungen und Aufmerksamkeitsprobleme voraus. Dieser Zusammenhang ist nicht dem Zufall geschuldet, sondern statistisch signifikant. Auch gibt es Hinweise, so Rösche, dass jene Menschen mit Epilepsie besonders schlecht therapierbar sind, bei denen sich ein Defizit im verbalen Gedächtnis bereits in einer frühen Phasen der Erkrankung nachweisen lässt.

„Kognitive Defizite am Beginn einer Epilepsie im Erwachsenenalter sind insbesondere im Bereich des verzögerten Abrufs im Verbalgedächtnis sowie für die selektive Aufmerksamkeit und die psychomotorische Geschwindigkeit wiederholt beschrieben“, resümiert Rösche. Wie aus Studien hervorgeht, treten im Vorfeld eines ersten epileptischen Anfalls auch vermehrt Depressionen und Suizidversuche auf. „Depressive Störungen scheinen das Auftreten epileptischer Anfälle zu begünstigen“, vermutet Rösche.

Bei Epilepsien im Kindesalter sind „Verhaltensauffälligkeiten“ beobachtbar, etwa Hyperaktivitätsstörungen. So fanden Forscher bereits im Jahr 2007 heraus, dass etwa 30 Prozent der Kinder mit neu entdeckter Epilepsie unter einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) litten, welches in der Mehrzahl der Fälle bereits vor der Epilepsie-Erkrankung bestand und mit Schulschwierigkeiten einherging.

Eine Möglichkeit, so Rösche, weshalb sich eine Epilepsie-Erkrankung bei einigen Menschen frühzeitig negativ auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirkt, könnten Schlafstörungen sein. Bereits drei Monate nach dem ersten Anfall leiden die betroffenen Kinder unter Schlafstörungen in Form von Bettzeitproblemen, Einschlafschwierigkeiten und Tagesmüdigkeit. Dadurch sinken die Konzentrationsfähigkeit und die Leistungsbereitschaft.

J. Rösche et al.:
Kognitive Defizite und psychiatrische Störungen in Frühstadien epileptischer Erkrankungen.
Fortschritte der Neurologie Psychiatrie, 2010; 78 (1): S. 18-26


Quelle: Thieme Presseservice, 18.05.2010 (tB).

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