Auftaktveranstaltung „Woche des Hörens 2007“

Die Evolution des Hörens und ihre Analogie in Hörsystemen

 

Von Dipl.-Ing. Horst Warncke, Vereinigung der Hörgeräte-Industrie (VHI)

 

Erfolgsmodelle im Tierreich

Adler können aus großer Höhe eine kleine Maus entdecken, und Störche finden nach tausenden Flugkilometern punktgenau ihr Nest wieder. Diese Beispiele machen deutlich: Im Laufe der Entwicklungsgeschichte haben sich erstaunliche Fähigkeiten entwickelt. Besonders der Hörsinn ist von großer Bedeutung: So nutzen Fledermäuse den Ultraschall, um sich selbst in absoluter Dunkelheit sicher zu bewegen. Die hohen Frequenzen, die das Tier noch hören kann, erzeugen ein Echo, sodass es sogar im Schwarm von hunderten Tieren auf engstem Raum zu keiner Kollision kommt.


 

Die Evolution: Ohren nur im Doppelpack

Analog zum Tierreich ist beim Menschen die Hörfähigkeit auf seine Sprache abgestimmt. Sie wird selbst dann noch verstanden, wenn die Stimme wesentlich leiser ist als die Hintergrundgeräusche. Dabei hilft uns die Fähigkeit, sich auf einen einzelnen Sprecher zu konzentrieren – das sogenannte „selektive Gehör“. Diese Fähigkeit nutzt jeder instinktiv, um in einer lauten Umgebung Sprache herauszufiltern und zu verstehen. Eine Grundvoraussetzung dafür ist allerdings das „räumliche Hören“. Das menschliche Gehör arbeitet mit zwei Signalempfängern, die nie exakt dasselbe hören, da die Töne aus unterschiedlichen Richtungen mit unterschiedlichen Abständen auf das linke und das rechte Ohr treffen. Die Verarbeitung des Gehörten findet zentral im Gehirn statt. So ist es möglich, Klang-, Lautstärke- und Zeit-Unterschiede der Signale zu erkennen. Die Richtung und Entfernung eines Geräusches können genau geortet werden; das selektive Hören wird möglich. Die große Bedeutung des beidseitigen Hörens ist auch daran erkennbar, dass es im Laufe der Evolution immer eine Entwicklung paariger Kommunikationsorgane gegeben hat.

 

Verlust des selektiven Hörens

Wie wichtig selektives Hören ist, zeigt sich ganz deutlich bei Menschen mit Hörverlust. Sie haben oft das Gefühl, dass sie eigentlich noch alles hören, aber nichts mehr verstehen – vor allem in lauter Umgebung. Der Grund dafür ist zum einen der Verlust der Fähigkeit, bestimmte, leise Töne zu hören, aber auch die verminderte Fähigkeit der „Schallortung“. Der Sprecher, dem man zuhören möchte, kann akustisch nicht mehr angepeilt werden, das selektive Hören ist verloren gegangen.

 

Wandel der Hörsysteme

Um einer Hörminderung entgegenzuwirken, wurden Hörgeräte entwickelt. Doch die erste Generation der Geräte waren einfache Verstärker, die, ohne zu selektieren, alles lauter wiedergegeben haben – Sprache und Lärm. In ruhiger Umgebung war damit eine Verbesserung des Hörens möglich, in lauter Umgebung wurde das Verstehen oft sogar schlechter. Mit nur einem Hörgerät, das war früher die Standard-Versorgung, ist schon rein physikalisch kein räumliches und somit kein selektives Hören möglich. Damals ein Grund für viele Menschen, ihre Geräte auszuschalten.

 

Moderne Hörsysteme verfügen über viele ausgereifte Fähigkeiten, die besseres Hören und Verstehen ermöglichen. Sie können Sprache von Störgeräuschen unterscheiden, auch um letztere abzusenken. Inzwischen ist die Versorgung mit zwei Hörsystemen nahezu Standard. Vieles ist bereits erreicht, aber es gibt immer wieder Herausforderungen, die zu weiteren Forschungen Anlass geben.

 

Die Evolution der Hörsysteme – binaurales Hören

Das akustische Raumgefühl gehört zu diesen Forschungsthemen. Hörsysteme haben bisher untereinander keinen Datenaustausch, sodass ein akustisches Raumgefühl fehlt. Jedes Gerät regelt autonom die Lautstärke, Lärmunterdrückung, Spracherkennung und andere Funktionen, ganz automatisch. So wird für jedes Ohr separat eine scheinbar optimale Einstellung erreicht. Doch die akustischen Unterschiede zwischen den Ohren, die wir intuitiv nutzen, um räumlich hören zu können, werden dadurch ausgeglichen oder verändert – und sind nicht mehr wahrnehmbar. Deshalb wird in der Forschung schon seit geraumer Zeit an Hörsystemen gearbeitet, die das räumliche Hören rekonstruieren können. Diese werden als „binaurale Systeme“ bezeichnet, weil hier zwei Geräte gemeinsam das Gehörte verarbeiten. Modernste drahtlose Technik macht es möglich, die natürlichen Klangunterschiede zum Trommelfell zu leiten. Räumliches und damit selektives Hören findet wieder statt.

 

Es gibt also erste Konzepte für bezahlbare binaurale Hörsysteme und es ist davon auszugehen, dass in naher Zukunft von allen Herstellern solche Techniken angeboten werden. Der Nutzer wird erleben, dass er Geräusche viel besser orten kann, was speziell beim Sprachverstehen in lauter Umgebung eine große Hilfe ist.


Quelle: Auftaktveranstaltung zur „Woche des Hörens 2007“ am 14.09.2007 in Hamburg.

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