Erstmals europaweit Hirnschrittmacher gegen Epilepsie implantiert

Neue Behandlungsmöglichkeit für Patienten

 

Tübingen (26. November 2010) – „Ich bin ins Büro gekommen, habe mir einen Kaffee geholt – und dann kann ich mich an nichts mehr erinnern, bis mich die Kollegen ansprachen“, das berichtet ein Epilepsiepatient auf der Seite einer Selbsthilfegruppe. Plötzlich verschwindet die Welt, Krampfanfälle schütteln den Betroffenen, der sich später an nichts mehr erinnern kann. Experten schätzen, dass in Deutschland 400.000 bis 800.000 Menschen an Epilepsie leiden. Rund ein Drittel der Betroffenen spricht nicht auf eine medikamentöse Behandlung an. „Die Tiefe Hirnstimulation bei Epilepsie ist eine neue Möglichkeit für Patienten, denen andere Therapien nicht helfen“, sagt Prof. Dr. Alireza Gharabaghi von der Neurochirurgischen Universitätsklinik Tübingen. Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist seit August in Europa für die Behandlung zugelassen.

 

 

Dünner Draht im Hirn

 

Eine umfassende, aktuelle US-Studie (SANTE) hat jetzt gezeigt, dass die Patienten durch THS seltener epileptische Anfälle erleiden und die noch auftretenden Anfälle weniger schwerwiegend sind. „Die Tiefe Hirnstimulation ist bereits bei Bewegungsstörungen wie Parkinson, Dystonie oder Tremor eine etablierte Behandlungsmethode, wenn Medikamente versagen. Für die Epilepsie stellt sie eine neue Möglichkeit für Patienten dar, denen andere Therapien nicht helfen“, erläutert Prof. Dr. Alireza Gharabaghi, Leiter der Funktionellen Neurochirurgie der Neurochirurgischen Universitätsklinik in Tübingen, der mit seinem Team die erste Operation durchführte. Während der Operation werden zwei hauchdünne Drähte in eine bestimmte Gehirnregion eingebracht: den anterioren Thalamus, eine zentrale Verschaltungsstelle in der Mitte des Gehirns. Diese Elektroden werden dann an den Stimulator unterhalb des Schlüsselbeins des Patienten angeschlossen. „Grundsätzlich kommen für die THS Patienten mit verschiedenen Epilepsie-Formen in Frage; auch die, bei denen andere chirurgische Eingriffe bisher erfolglos waren“, sagt Frau Dr. Sabine Rona, Leiterin der Prächirurgischen Epilepsiediagnostik der Neurochirurgischen Universitätsklinik in Tübingen. Das Implantat kann jederzeit wieder entfernt werden und die Elektroden im Gehirn beschädigen das Gewebe nicht. „Die Behandlungsmethode bietet gegenüber bisherigen Verfahren eine weitere Chance therapieresistenten Epilepsiepatienten auf eine völlig neue Art zu helfen“, so Prof. Dr. Holger Lerche, Direktor der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Epileptologie in Tübingen. Die Stimulation selbst erfolgt in einem festen Rhythmus: eine Minute Stimulation, fünf Minuten Pause, eine Minute Stimulation. Bemerken die Implantat-Träger an dem Auftreten einer Aura, dass ein Anfall bevorsteht, können sie einen „Notfall“-Knopf betätigen. Er dient zur sofortigen Stimulation, falls der Stimulator sich gerade dann in der fünfminütigen Pausen-Phase befindet. „Diese Therapiemöglichkeit gibt auch den Patienten Hoffnung, die auf herkömmliche Medikamente nicht ansprechen“, sagt Privatdozentin Dr. Yvonne Weber, Oberärztin der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Epileptologie.

 

 

Über das Klinikum

 

Das Tübinger Universitätsklinikum gehört international zu den innovativsten Zentren für Hirnstimulation. Diese Methode kommt bei Erkrankungen wie Parkinson, Dystonie, Tremor oder bei chronischen Schmerzen sowie bei Lähmungen nach Schlaganfällen oder Hirnblutungen und nun auch bei Epilepsie zum Einsatz. Tübingen verfügt durch die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen der Neurochirurgischen Klinik, dem Zentrum für Neurologie, dem Hertie-Institut für klinische Hirnforschung und dem Werner Reichardt Zentrum für Integrative Neurowissenschaften über eine hervorragende Expertise und ist damit ausgewiesenes Zentrum auf dem Gebiet der Neuromodulation und Neuroprothetik.

 

 

Hintergrund: Nicht nur eine Kinderkrankheit

 

Epilepsie tritt etwa bei der Hälfte der Erkrankten vor dem 10. Lebensjahr auf und bei einem Drittel der Betroffenen jenseits des 60. Lebensjahres. Der Grund sind inadäquate rhytmische elektrische Entladungen von Nervenzellen. Insgesamt sind in Deutschland ein Drittel der an Epilepsie erkrankten Personen nicht mit Medikamenten therapierbar. Die tiefe Hirnstimulation wird in spezialisierten Zentren durch Neurochirurgen und Epileptologen eingesetzt.

 

 

Die SANTE-Studie

 

110 Patienten mit therapierefraktärer Epilepsie wurden in einer Placebo- kontrollierten Studie mit THS des anterioren Thalamuskerns behandelt, die Daten wurden über zwei Jahre lang aufgezeichnet.

 

  • 40 Prozent der Studienteilnehmer hatten nach 13 Monaten 50 Prozent weniger epileptische Anfälle
  • Durchschnittlich reduziert sich die Anzahl der Anfälle auf 38 Prozent.
  • Jeder zehnte Patient war mindestens 6 Monate lang anfallsfrei, jeder fünfte hatte nur noch 10 Prozent der epileptischen Anfälle

 

 

Ansprechpartner für Patienten

 

 

  • Terminvereinbarung zur Beratung
    Tel. 07071/29-8 66 79 (Prächirurgische Epilepsiediagnostik) Tel. 07071/29-8 20 57 (Neurologie mit Schwerpunkt Epileptologie)

 

 


Quelle: Universitätsklinikum Tübingen, 26.11.2010 (tB).

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