„Es war immer ein Ohr da“

Psychische Probleme bei Herzkranken müssen schnell behandelt werden

 

Berlin (3. September 2011) – Doppelten Grund zum Feiern gab es für das Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZB): Das im vorigen Jahr aus der Taufe gehobene Transfer-Institut „Medical Psychology“ der Steinbeis-Hochschule in Kooperation mit dem DHZB hat nunmehr für das Wintersemester die ersten Studenten in den zweijährigen Master-Studiengang „Medical Psychology“ aufgenommen. Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Albert wurde die Professur „Medical Psychology“ durch den Präsidenten der Steinbeis-Hochschule Prof. Dr. Dr. h. c. Johann Löhn verliehen.

Die Rahmenstudienordnung für den erstmals in Deutschland angebotenen, hierzulande anders als in den USA noch sehr unbekannten Studiengang, wurde im November 2010 vom Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung genehmigt. Der Unterricht erfolgt in den Räumen der Akademie für Kardiotechnik des DHZB. Direktor des Transfer-Instituts ist der Arzt und Diplom-Psychologe Prof. Dr. Wolfgang Albert. Er leitet seit 1987 die Abteilung Psychosomatische Medizin und seit seiner Gründung (April 2005) das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) am Herzzentrum.

In seiner Antrittsvorlesung „Zum Stellenwert der psychosomatischen Medizin in der Herzchirurgie“ schlug Albert eine weite Brücke vom Begriff der Seele „als Walten des göttlichen Prinzips“ über „die Seele ist ein leeres Wort“ bis zur modernen Definition der Psychosomatik, in der man „keine Krankheiten, sondern kranke Menschen“ behandelt. Albert betonte, zu allen Zeiten wurden Seele und Herz im Kontext gesehen. Das Herz galt und gilt als Wohnort der Seele und der Liebe, und ist der Lebensmotor. Der Narzissmus jedes Menschen macht sich am Herz fest, das schon das Ungeborene im Mutterleib hört und beim Säugen an der Brust der Mutter lustbesetzt erfährt. Woidera meinte daher „das Herz ist das verinnerlichte Mutterprinzip“. Die moderne Psychosomatik in der Chirurgie befasst sich ebenfalls ausgiebig mit dem Herz, besser mit dem operierten, verlorenen alten und als Spende empfangenen neuen Herz oder unterstützend „zugeschalteten“ Kunstherz. Transplantationen oder Implantationen, aber auch eingreifende Herzoperationen bzw. Kathetereingriffe stellen für den schwer herzkranken Menschen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch eine hochgradige Ausnahmesituation dar, die es umfassend zu verarbeiten gilt. In rund 30 % der Fälle kommt es zu Ängsten (oft Verlustängsten), Schuldgefühlen, Depressionen, Konzentrationsstörungen, regressiver Abwehr, Ich-Schwäche, die – so Albert – sofortiger psychosomatischer Hilfe bedürfen, um nicht in eine chronisch-dauerhafte Störung einzumünden. Auch Partner, Eltern oder Geschwister sind häufig seelisch stark mitbetroffen und bedürfen psychologischer Hilfe.

Aus Studien am DHZB an 91 Transplantierten, von denen rund 40 % seit über 15 Jahren mit einem neuen Herz leben, empfanden zwei Drittel der Patienten, die zeitweise psychosomatische Hilfsangebote wahrgenommen haben, ihre Lebensqualität als „gut bis sehr gut“, nur 6 % sagten, sie sei „schlecht“. Interessanterweise äußerten die mehr als 20 Jahre Überlebenden eine bessere Einschätzung als die Referenzgruppe aus der nicht-kranken Bevölkerung. Grenzwertig wird das in einer Notfalloperation implantierte Kunstherz empfunden. Der psychosoziale Schock über das Leben mit einem Kunstherz und der meist damit einhergehende Zusammenbruch sämtlicher Lebenskonzepte in beruflicher wie privater Hinsicht bedarf im Einzelfall eingehender psychosomatischer, medikamentengestützter Gesprächstherapie.

In einer der Antrittsvorlesungen vorangegangenen Pressekonferenz, an der als Referenten Professor Hetzer, Professor Löhn, Professor Berger und Professor Albert teilnahmen, gab es Gelegenheit, die in dem neuen Studiengang von Professor Löhn als ideal angesehene Praxisorientiertheit des Theorie und Klinikalltag integrierenden Studiums zu verstehen. Drei Patienten nach Herztransplantation bzw. Kunstherzimplantation sprachen sehr offen über ihre zeitweise psychosomatische Begleitung, die sie als sehr wichtig und sogar lebensrettend bezeichneten. Ein 30-jähriger Patient, der nur noch eine zehnprozentige Herzfunktion aufwies, wollte nach der Assist-Implantation „einfach nur weglaufen“ und seinen „normalen Alltag zurück haben“. Erst in vielen Gesprächen „es war immer ein Ohr für mich da“ nahm er seine Situation an und befindet sich jetzt komplikationslos in der Rehabilitations-Klinik. Ein 30-jähriger herztransplantierter Patient zeigte Panikattacken, Angst, Depression und Realitätsverlust, „ich wollte noch schnell mal verreisen“. Jetzt hat er nach kurzzeitiger psychosomatischer Therapie die Ausbildung zum Kfz-Meister als Jahrgangsbester abgeschlossen und wird von seinem Dienstherrn in Vollzeit beschäftigt. Auch ein 59-jähriger Unternehmer, der mit dem weltweit einzig verfügbaren Totalen Künstlichen Herz CardioWest mit seinem sehr lauten Antrieb ausgestattet wurde, berichtete eindrucksvoll, wie er sich mit Unbeherrschtheit, Angst vor der eigenen Zukunft, aber auch der seiner Angehörigen und „vielen negativen Gedanken“ erst mittels zahlreicher therapeutischer Gespräche mit der schwierigen neuen Lebenssituation abfand und mit mehr Mut wieder in die Zukunft blicken kann, „weil ich Hilfe habe“.

Professor Berger (Klinik für Angeborene Herzfehler/Kinderkardiologie) erläuterte, dass in seiner Abteilung typischerweise die kleinen Patienten fast mühelos mit problematischen Situationen umgehen, nicht aber die sämtliche Hintergründe und Zukunftsaspekte verstehenden Eltern. Eine zweite Gruppe stellen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern dar, die vielfach psychosomatischer Hilfe bedürfen. Hier kommt es öfter zu Abwehrhandlungen, Ausbruchsversuchen aus dem Krankenleben, mit Wut und Verzweiflung in der Pubertät. Es sei geplant, in seiner Abteilung dauerhaft einen Psychosomatiker für diese jungen Menschen zu beschäftigen.

 


Quelle: Deutsches Herzzentrum Berlin, 03.09.2011 (tB).

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