Glutamat verbessert das Gedächtnis: Neurowissenschaftler rütteln an einem alten Dogma

Neurodegenration kann kognitive Funktionen verbessern

 

Bochum (19. Dezember 2008) – Der Nervenzellen-Botenstoff Glutamat spielt eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Gedächtnisfunktionen, führt in zu hohen Konzentrationen aber auch zum Untergang von Nervenzellen. Beim Morbus Huntington, einer neurologischen Erbkrankheit, die mit motorischen und kognitiven Beeinträchtigungen einhergeht, kommt es wahrscheinlich dadurch zum Zelltod. Neurowissenschaftler der Ruhr-Universität und des Leibniz Research Centers in Dortmund konnten nun zeigen, dass sich bei Patienten aufgrund der erhöhten Ausschüttung von Glutamat die kognitiven Leistungen teilweise deutlich verbessern – ein scharfer Gegensatz zur allgemeinen Meinung über die Veränderung kognitiver Funktionen bei neurodegenerativen Erkrankungen. Die Forscher berichten im Journal of Neuroscience.

Glutamat und das sensorische Gedächtnis

Glutamat ist ein Botenstoff, durch den Nervenzellen untereinander kommunizieren. Das Glutamat ist insbesondere für das sensorische Gedächtnis relevant und scheint es spezifisch zu beeinflussen. Das sensorische Gedächtnis kann man als eine Art Zwischenspeicher verstehen, der zwischen die allgemeine sensorische Analyse einkommender Informationen und das Kurzzeitgedächtnis geschaltet ist. Aufgrund des spezifischen Einflusses von Glutamat auf sensorische Gedächtnisleistungen, könnten speziell diese Funktionen bei einer erhöhten Aktivität des Glutamatsystems verbessert sein.

Glutamat als Krankheitsauslöser Morbus Huntington

Die erhöhte Freisetzung von Glutamat wird als ein möglicher krankheitsauslösender Mechanismus bei Morbus Huntington diskutiert. Die Krankheit ist eine vererbte, neurologische Erkrankung, die durch unkontrollierte Überbewegungen und einen Verfall kognitiver Funktionen bis hin zur Demenz gekennzeichnet ist. Erste Symptome treten meist zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr auf. Insbesondere Lang- und Kurzzeitgedächtnis, sowie auch die Aufmerksamkeit sind betroffen.

Huntingtonpatienten waren schneller und machten weniger Fehler

Um die Funktion des sensorischen Gedächtnisses zu prüfen, stellten die Forscher Patienten mit Morbus Huntington, die schon Krankheitssymptome zeigten, Menschen, die das entsprechende Gen tragen, aber noch keine Symptome hatten, und eine gesunde Kontrollgruppe vor dieselbe Aufgabe. Sie spielten den Probanden jeweils Töne in drei verschiedenen Höhen und von zwei verschiedenen Längen vor. Die Testpersonen sollten mittels Daumendruck links bestätigen, wenn der Ton lang war, mittels Daumendruck rechts, wenn er kurz war, unabhängig von der Tonhöhe. Die Tonhöhe wurde ebenfalls variiert, was dazu führt, dass selten auftretende, abweichende Töne Prozesse des sensorischen Gedächtnisses auslösen. Es zeigte sich, dass die Huntington-Patienten, die schon Symptome der Krankheit aufwiesen, schneller reagierten und weniger Fehler machten als die beiden anderen Gruppen. Neurophysiologische Aktivitäten, die Prozesse des sensorischen Gedächtnisses widerspiegeln, waren ebenfalls verstärkt. Im Gegensatz zu allen anderen kognitiven Funktionen waren also die Funktionen des sensorischen Gedächtnisses bei symptomatischem Morbus Huntington verbessert.

Dogma muss überdacht werden

"Das Dogma: Neurodegeneration gleich schlechtere kognitive Leistung muss also überdacht werden", meint Christian Beste. In Abhängigkeit des neuronalen Systems, welches eine kognitive Funktion vermittelt, kann es zu Verschlechterungen, aber auch zu Verbesserungen kognitiver Funktionen kommen.

Titelaufnahme
Christian Beste, Carsten Saft, Onur Güntürkün, Michael Falkenstein: Increased Cognitive Functioning in Symptomatic Huntington’s Disease As Revealed by Behavioral and Event-Related Potential Indices of Auditory Sensory Memory and Attention.
In: The Journal of Neuroscience, November 5, 2008, 28(45):11695-11702; doi:10.1523/JNEUROSCI.2659-08.2008, http://www.jneurosci.org/cgi/content/full/28/45/11695



 

Quelle: Pressemitteilung der Ruhr-Universität Bochum vom 19.12.2008.

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung