Koinfektion verschlimmert Leberschäden

Hepatitis B-Patienten häufig auch mit Hepatitis E-Virus infiziert

 

Tübingen (16. November 2015) – Forscher des Instituts für Tropenmedizin am Universitätsklinikum Tübingen und des Robert Koch Instituts haben in Kooperation mit wissenschaftlichen Partnern eine Studie über die Infektion von Hepatitis B Patienten mit dem Hepatitis E Virus (HEV) im Journal EBioMedicine veröffentlicht. Das Team entdeckte, dass Hepatitis B Patienten überproportional häufig mit HEV infiziert sind, und dass diese Koinfektion die Leberschäden, die durch Hepatitis B (HBV) entstehen können, wesentlich verschlimmert.



Das Hepatitis E Virus (HEV) ist der Erreger der Hepatitis E sowohl in Entwicklungs- als auch in Industrieländern. HEV ist endemisch in Zentral- und Südostasien, Indien, Afrika, und Südamerika. Entsprechend Informationen der World Health Organization (WHO) lebt mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung in HEV-Hochrisikogebieten. Weltweit werden jährlich mehr als 20 Millionen Fälle einer HEV-Infektion registriert, was vor allem in tropischen Ländern zu mehr als drei Millionen akuten Fällen von Hepatitis E und über 55.000 Toten führt. Eine Infektion mit HEV kann einen Ausfall der Leberfunktion in unterschiedlichen Risikogruppen nach sich ziehen, unter anderem in Schwangeren, Kindern, Organtransplantationspatienten und HIV-Infizierten.

Die Forschungsarbeiten wurden von Dr. Thirumalaisamy P. Velavan vom Institut für Tropenmedizin Tübingen, sowie Professor C.-Thomas Bock vom Robert Koch Institut Berlin geleitet. Auf vietnamesischer Seite unterstützen sie Professor Le Huu Song, Vizedirektor des 108. Militärhospitals in Hanoi und Professor Nguyen Linh Toan, Leiter der molekularen Pathophysiologie der „Vietnam Medical Military University“. Beide sind Alumni der Universität Tübingen und haben in der Vergangenheit schon oft auf dem Gebiet der Hepatitisforschung mit Tübingen kooperiert.

Für die Studie untersuchten Dr. Nghiem Xuan Hoan vom 108. Militärhospital Hanoi und Dr. Hoang van Tong vom Institut für Tropenmedizin Tübingen 1318 klinische Proben von HBV Patienten und verglichen sie mit 340 Proben gesunder Freiwilliger bezüglich der Präsenz von HEV. Circa 45 Prozent der HBV Patienten und 30 Prozent der gesunden Freiwilligen wiesen HEV auf. Daraus lässt sich extrapolieren, dass circa 12 Prozent aller HBV Patienten in Vietnam gleichzeitig mit HEV infiziert sein sollten, und nur circa 5 Prozent der faktisch gesunden Bevölkerung. Ferner fanden sie heraus, dass der prozentuale Anteil von HEV-Infizierten unter den Patienten mit Leberzirrhose auch signifikant erhöht war. Zudem wiesen Hepatitis B Patienten mit einer zusätzlichen HEV Infektion im Vergleich zu Hepatitis B Patienten ohne HEV abnormale Leberwerte auf. Laut Dr. Velavan zeigen diese Entdeckungen, dass in Hepatitis B Patienten eine signifikante Assoziation zwischen einer HEV Infektion und der Entstehung einer Leberzirrhose besteht. Daraus ließe sich schließen, dass eine HEV Infektion die Entstehung von Lebererkrankungen unterstützt.

Professor Bock merkte an: „In Industrienationen wie Deutschland findet sich HEV nur sporadisch. Kürzlich erschienene Studien haben jedoch gezeigt, dass es eine steigende Zahl einheimischer Fälle von HEV des Genotyps 3 gibt. Diese Ansteckung könnte durch Tierkontakt und die Aufnahme von rohem oder zu wenig gekochtem Schweinefleisch entstanden sein. Zudem haben vor kurzem veröffentlichte Ergebnisse darauf hingewiesen, dass es vermehrt zur Übertragung von HEV durch Bluttransfusionen kommen könnte. Von 2004 bis 2015 gab es einen dramatischen Anstieg der gemeldeten HEV Fälle um mehr als das Dreißigfache in Deutschland, 1345 dieser Fälle waren akut.“


Dr. Velavan, auch Koordinator des DAAD-PAGEL Projekts, in dessen Rahmen die Zusammenarbeit zwischen Tübingen und Vietnam weiter vorangetrieben wird, merkte außerdem an: „In Vietnam ist die Infektion mit HBV eines der Hauptprobleme im Gesundheitswesen. Mehr als 15 Prozent der Population hat chronische Hepatitis B und es ist klar geworden, dass HBV Patienten eine Risikogruppe für die Infektion mit HEV über die oral-fäkale Route darstellen.“

Laut Professor Peter G. Kremsner, Direktor des Tübinger Instituts für Tropenmedizin, eröffnet diese Studie neue Forschungsaspekte beim Thema HEV Infektion in diversen Risikogruppen, zu welchen unter anderem Schwangere, Kinder und immunkompromitierte Patienten gehören. Künftige Studien werden uns helfen zu verstehen, wie genau HEV die Pathogenese während sogenannter „Superinfektionen“ unterstützt.


Publikation

 

  • Hoan NX, Tong HV, Hecht N, Sy BT, Marcinek P, Meyer CG, Song LH, Toan NL, Kurreck J, Kremsner PG, Bock CT, Velavan TP (2015). Hepatitis E virus superinfection and clinical progression in hepatitis B patients. EBioMedicine (2015). http://dx.doi.org/10.1016/j.ebiom.2015.11.020

 

 


Quelle: Universitätsklinikum Tübingen, 16.11.2015 (tB).

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