Kongress für Nephrologie 2012

Nierenexperten sind Blutdruckexperten: Neues zur renalen Denervation

 

  • Prof. Dr. Jan Galle, Lüdenscheid, Pressesprecher der DGfN

 

Hamburg (8. Oktober 2012) – Bluthochdruck (Hypertonie) ist eine Volkskrankheit: Schätzungen zufolge haben 30-35 Millionen Menschen in Deutschland einen zu hohen Blutdruck. Laut „Gesundheitsberichterstattung des Bundes“ (Heft 43/Hypertonie [1]) leiden in der Altersgruppe der  50-59-Jährigen 59,3 % der Frauen und 68,5 % der Männer an Bluthochdruck. Jeder Zweite über 50 ist also betroffen.

 

Ein Problem stellt noch immer die hohe Dunkelziffer dar, nur etwa die Hälfte der Betroffenen weiß um das eigene Gesundheitsproblem und nur etwa ein Viertel wird adäquat behandelt [2]. Unbehandelt kann Bluthochdruck viele Gesundheitsschäden – von Sehstörungen über Nierenversagen bis hin zu Schlaganfall oder Herzinfarkt – nach sich ziehen. Das deutlich erhöhte kardiovaskuläre Risiko in Folge der Hypertonie ist seit langem bekannt und es gilt als erwiesen, dass eine Blutdrucksenkung dieses Risiko reduziert. Bereits eine Senkung des diastolischen Wertes um 5 mm Hg führt innerhalb von zehn Jahren zu einer Verringerung des Schlaganfallrisikos um 34% und des Herzinfarktes um 21% [3]. Eine Bluthochdrucktherapie sollte daher immer erfolgen. In den meisten Fällen werden die Patienten kompetent vom Hausarzt behandelt, es gibt aber auch „Problemfälle“: Manche Patienten benötigen eine kombinierte Therapie aus drei oder mehr Medikamenten, um den Blutdruck in den Zielbereich von unter 140/90 mm Hg zu senken, und bei einigen Patienten schlägt die medikamentöse Therapie nicht ausreichend an.

 

Diese schwer einstellbaren Patienten sollten immer einem Nephrologen (Nierenspezialisten) vorgestellt werden, denn die Nieren regeln den Blutdruck maßgeblich: Sowohl nervale als auch hormonelle Regelkreise, die den Blutdruck beeinflussen, werden über die Nieren gesteuert. Blutdruck und Nierenfunktion hängen eng zusammen: In einigen Fällen kann eine Nierenschädigung eine Hypertonie auslösen und umgekehrt schadet ein hoher Blutdruck den Nieren. Daher sind Nierenexperten auch immer Blutdruckexperten, wenngleich erhöhter Blutdruck auch andere Organgebiete negativ beeinflusst, so dass häufig ein multidisziplinärer Behandlungsansatz nötig ist.

 

Ein gutes Beispiel für den multidisziplinären Behandlungsansatz der Hypertonie stellt die sogenannte renale Denervation (Nierennervenverödung) dar, ein innovatives, minimal-invasives Therapieverfahren, bei der Nephrologen eng mit Radiologen und/oder Kardiologen zusammenarbeiten. Seit geraumer Zeit wird es bei Patienten, die nicht ausreichend auf die medikamentöse Therapie ansprechen, erfolgreich eingesetzt. Dabei werden mittels Hochfrequenzstromenergie (via speziellen Katheter) sympathische Nervenfasern der Niere durchtrennt, wodurch zeitversetzt nach einigen Monaten eine nachhaltige Blutdrucksenkung von bis zu 30 mm Hg erzielt werden kann. Auch im Rahmen der 4. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie werden neue Forschungsarbeiten zur renalen Denervation vorgestellt:

 

Gao, Stegbauer, Pothoff et al. von der Universität Düsseldorf zeigten in ihrer Arbeit, dass die renale Denervation auch positiv Einfluss auf das Inflammationsgeschehen nimmt. Die Senkung der Inflammation könnte den zeitversetzten Effekt der Therapie erklären.(Abstractband zur 4. Jahrestagung der DGfN, P301)

 

Eine Arbeitsgruppe aus Bern und Lausanne zeigte, dass die einseitige renale Denervation zu hormonellen Veränderungen in beiden Nieren führt. Reninunabhängige Mechanismen wie beispielsweise eine reduzierte neuronale Ausschüttung von Angiotensin könnten dabei eine Rolle spielen. (Abstractband zur 4. Jahrestagung der DGfN, P307)

 

Ott, Janka, Schmid et al. von der Universität Erlangen-Nürnberg untersuchten mögliche hämodynamische Effekte der renalen Denervation und kamen zu folgenden Ergebnissen: Die innovative Therapie senkt den Blutdruck signifikant, begünstigt den Umbau der Gefäßwände (vaskuläres Remodelling), was die kardiovaskuläre Prognose verbessern könnte, und hat keinerlei kurz- oder langfristige Effekte auf die Wasser- und Elektrolytausscheidung (renale Hämodynamik) der Nieren (Abstractband zur 4. Jahrestagung der DGfN, P308)

 

Weiß, Scheurig, Tölle et al. von der Charité Berlin fassten ihre Langzeiterfahrungen mit dem Verfahren zusammen und hoben hervor, dass die Gefäßversorgung der Nieren als ein wichtiger Indikator für den Behandlungserfolg zu sehen ist. Die Nierengefäßanatomie des Patienten ist somit ein entscheidender Faktor für die Effektivität der Therapie. (Abstractband zur 4. Jahrestagung der DGfN, P311)

 

Die renale Denervation stellt somit ein Verfahren dar, das therapieresistenten Bluthochdruckpatienten helfen kann. Bei diesen Patienten kann es nach fachkundiger Beratung durch und unter Anleitung eines Nephrologen eine sinnvolle Therapieoption darstellen.

 

 

Literatur 

  1. Hense HW et al. Dt. Wochenschrift 2002; 125 (46): 1397
  2. MacMahon S et al. Lancet 1990; 335: 765 – 774


 

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), 08.10.2012 (tB).

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