12. European AIDS Conference

Management von Patienten mit einer HIV-Infektion – Zeit zum Umdenken?

 

Köln (13. November 2009) – HIV-Infizierte haben heute dank optimierter Therapieregime eine sehr gute Lebenserwartung. Die Infektion scheint aber auch mit einem vorzeitigen Alterungsprozess assoziiert zu sein. Die dadurch bedingten zahlreichen Komorbiditäten erfordern einen multidisziplinären Therapieansatz – ähnlich einer Diabetestherapie. Dies betonten die Experten auf einem Satelliten-Symposium im Rahmen der 12. European AIDS Conference (EACS) in Köln, das unter dem Vorsitz von Professor Dr. Jürgen Rockstroh, Bonn, stattfand.

 

War zu Beginn der ART-Ära nur eine kurzfristige Verlängerung des Über­lebens der Betroffenen zu erreichen, vermag die hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) die Vermehrung des HI-Virus heute langfristig zu unter­drücken. Die Lebenserwartung HIV-Infizierter entspricht bei einem Menschen, der sich heute infiziert, bei Leitlinien-gerechter Therapie im Grunde fast der eines HIV-negativen Menschen. Das Alter der Betroffenen wird daher weiter ansteigen, betonte Rockstroh: So wird im Jahre 2015 die Hälfte aller HIV-Infizierten in den USA älter als fünfzig Jahre alt sein.1

 

 

Altern HIV-Patienten schneller?

 

Doch trotz aller therapeutischen Fortschritte liegt die Lebenserwartung vieler HIV-Infizierter – vor allem abhängig davon, wann die HAART begonnen wurde – immer noch unter der nicht-infizierter Personen.2 Dr. Peter Reiss, Amsterdam, Niederlande, präsentierte Daten, die zeigen, dass HIV-Infizierte ein doppelt so hohes Herzinfarkt-Risiko3, eine höhere Osteoporose-bedingte Frakturrate4 sowie vermehrt neurokognitive Störungen aufweisen. Darüber hinaus treten Symptome der Gebrechlichkeit im Alter (z. B. geringere physische Aktivität, nachlassende Griffstärke, unbeabsichtigter Gewichtsverlust) bei HIV-Infizierten früher auf als bei Nicht-Infizierten:

 

55-jährige Männer, die seit etwa vier Jahren HIV-infiziert sind, entsprechen in Bezug auf ihre altersbedingte Gebrechlichkeit Männern im Alter von 65 Jahren, die nicht mit HIV infiziert sind.5 Als mögliche Gründe für diese vorzeitige Alterung nannte Reiss virale Faktoren, anhaltende Immundefizienz und Aktivierung des Immunsystems, eine chronische systemische Entzündung sowie therapiebedingte Faktoren. Der therapeutische Ansatz bei einer HIV-Behand­lung muss also künftig weit über die reine Virusunterdrückung hinaus gehen, so Reiss.

 

 

Multidisziplinäres Management von Diabetes – ein Modell für HIV?

 

Professor Dr. Bernhard Ludvik, Wien/Österreich, verglich dementsprechend eine HIV-Infektion mit einem Diabetes mellitus, einer ebenfalls komplexen Erkrankung, die durch Störungen des Kohlenhydrat-, Fett- und Proteinstoffwechsels gekennzeichnet ist, und ebenfalls ein komplexes Management erfordert.

 

Auch Dr. Martin Fisher, Brighton/Großbritannien, ging auf die Gemeinsamkeiten zwischen HIV-Infektion und Diabetes ein: So ist bei beiden Erkrankungen eine Langzeittherapie mit zum Teil komplizierten Behandlungsregimen nötig, um ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Darüber hinaus treten bei beiden Erkrankungen zahlreiche Komorbiditäten auf. Fisher betonte aber auch die Unterschiede zwischen HIV und Diabetes: So sind die Behandlungsziele bei einer HIV-Infektion weniger flexibel und die Nebenwirkungen einzelner Substanzen können eine erhebliche Adhärenzbarriere darstellen. Bei der Behandlung der Komorbiditäten einer HIV-Infektion ist außerdem besonders auf die umfangreichen Interaktionen mit der antiretroviralen Therapie zu achten. Reiss und Ludvik warfen deshalb die Frage auf, inwieweit HIV-Spezialis­ten bereit sind, die Begleiterkrankungen ihrer HIV-Patienten allein zu behandeln oder ob – in Anbetracht der Komplexität der Erkrankung – interdiszi­plinären Ansätzen der Vorzug zu geben ist.

 

 

Einfache und verträgliche Behandlungsregime gefordert

 

Beim anschließenden Pressegespräch fasste Dr. Birger Kuhlmann, Hannover, die Ergebnisse zusammen und machte noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, die Viruslast dauerhaft unter der Nachweisgrenze zu halten. „Dazu ist ein hohes Maß an Therapietreue vom Patienten erforderlich. Einfache Therapieregime und die Auswahl von Substanzen mit günstigem Nebenwirkungsprofil können hier zu einer wesentlichen Verbesserung beitragen“, so Kuhlmann. Eine besondere Erleichterung der Therapie stellt seit zwei Jahren eine fixe Dreifachkombination dar, die mit Tenofovirdisoproxilfumarat, Emtricitabin und Efavirenz (ATRIPLA®) ein vollständiges HAART-Regime enthält und von der nur eine einzige Tablette pro Tag eingenommen werden muss.

 

 

Quellen

 

Internationales Satelliten-Symposium „Evolving HIV patient care – Is I Time to Think Differently?“ im Rahmen der 12th European AIDS Conference (EACS), Köln, 13. November 2009. Veranstalter: Bristol-Myers Squibb und Gilead Sciences

 

1) Centers for Disease Control and Prevention. Cases of HIV and AIDS in the United States and Dependent Areas. HIV/AIDS Surveillance Report 2005. Available at
www.cdc.gov/ hiv/topics/surveillance/resources/reports/2005report/pdf/2005SurveillanceReport.pdf

2) ART-Cohort Collaboration; Lancet 2008

3) Triant VA et al. J Clin Endocrinol Metab 2007;92:2506–2512

4) Triant VA et al. J Clin Endocrinol Metab 2008;93:3499–3504

5) Desquilbet L et al. J Gerontol 2007;62A:1279–128

6) Lundgren J et al. CROI 2009, #43LB

 

 


Quelle: Internationales Satelliten-Symposium der Firmen Bristol-Myers Squibb und Gilead Sciences zum Thema „Management von Patienten mit einer HIV-Infektion – Zeit zum Umdenken?“ am 13.11.2009 in Köln (3K-Agentur für Kommunikation) (tB).

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