Post-ASCO 2009: Aktuelle Ergebnisse zum Nierenzellkarzinom

 

Von Prof. Dr. med. Kurt Miller

  

Berlin (17. Juni 2009) – Nierenkrebs gehört zu den eher seltenen Malignomarten. Der prozentuale Anteil einer Nierenlokalisation an allen Malignomen beträgt bei Männern 3,7 % und bei Frauen 2 %. Die Zahl der neuen Nierenkrebs-Patienten in Deutschland beträgt ca. 15.000 pro Jahr und betrifft meist ältere Menschen zwischen (50-)60-70 Jahren [1]. Bei bösartigen Neubildungen der Niere im Erwachsenenalter handelt es sich zu 85 % um Nierenzellkarzinome.

 

Erfolgreiche Tumorwachstumshemmung mit Target-Therapien

 

Target-Therapien greifen im Gegensatz zur konventionellen Chemotherapie gezielt an bestimmten Vorgängen maligner Zellen an. Seit einigen Jahren sind bereits verschiedene solcher Präparate mit verschiedenen molekularen Angriffspunkten zugelassen. Dazu gehören z.B. Antikörper gegen Wachstumsfaktoren (EGF-R, VEGF/ Angiogenese bzw. Gefäßneubildung) oder die zelluläre Signalübertragung (z.B. Thyrosinkinasehemmer). Diese Substanzen sind meist nebenwirkungsärmer als konventionelle Chemotherapien, da sie nicht global-zytotoxisch, sondern gezielt tumorwachstumshemmend wirken.

 

Der Tyrosinkinase Inhibitor Pazopanib hatte sich bereits in früheren Untersuchungen zur Therapie des Nierenzellkarzinoms als vielversprechend erwiesen. In einer randomisierten, doppelblinden Phase-IIIStudie [2] wurde dieser orale „Multikinase-Angiogenese-Inhibitor“ als Monotherapie versus Placebo auf seine klinische Wirksamkeit und Sicherheit bei Patienten mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom geprüft. Im Ergebnis fand sich bei guter Verträglichkeit eine signifikante Verlängerung des progressionsfreien Überlebens von 4,2 auf 9,2 Monate.

 

AVOREN-Studie abgeschlossen mit signifikanter Überlebensverlängerung

 

Zwischenergebnisse der AVOREN-Studie zeigten bereits eine deutliche Verlängerung des progressionsfreien Überlebens (PFS/progression free survival) mit Bevacizumab (BEV)+ Interferon (IFN) gegenüber dem alleinigen Einsatz von Placebo+ bei Patienten mit metastasierendem Nierenzellkarzinom (mRCC, metastatic renal cell carcinom). Aufgrund dieser dramatischen Überlegenheit der Bevacizumab-Kombinationatherapie wurde die Studie unterbrochen und die DSMB (Data and Safety Monitoring Board) empfahl ein Crossover der Patienten von Placebo auf Bevacizumab (n=13).

Die abschließende Analyse [3] an insgesamt 649 Patienten (n= 327 BEV + IFN, n = 322 Placebo +IFN) zeigte für Bevacizumab eine Response-Rate von 31% (vs. 12% für IFN ohne BEV) und ein PFS von 10,4 versus 5,5 Monaten. Weitere Subgruppenanalysen sollen folgen.

 

Neuer Therapieansatz: Kombination von Target-Therapien

 

Die Kombination zweier Target-Therapien, nämlich mTOR-Hemmung und Angiogenese könnte die Effektivität der Tumorwachstumshemmung weiter verbessern. Daher wurde eine Phase I-Studie [4] mit Sorafenib und RAD001 bei Patienten mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom. begonnen (n=15, Alter 51–75 Jahre). Die Therapie erwies sich in diesem Kollektiv als sicher, praktikabel und frei von pharmakokinetischen Interaktionen. Die Wirksamkeit war deutlich, so dass nun eine Phase II-Studie folgen soll.

 

Operative Tumormasse-Reduktion auch bei fortgeschrittenen Fällen sinnvoll

 

Die operative Reduktion von Tumorgewebe („Debulking“) vor der medikamentösen Therapie ist beim fortgeschrittenen, auch metastasierenden Nierenzellkarzinom ein Standard-Vorgehen. Derzeit gibt es jedoch keine Daten, ob und in welchem Umfang dies auch bei nachfolgend geplanter Target-Therapie sinnvoll bzw. noch notwendig ist. Um diese Frage zu klären wurden 57 Patienten von 2005-2008 (Cleveland Clinic Urologic Oncology database) retrospektiv ausgewertet [5], bei denen ein Debulking erfolgt war gefolgt von einer „VEGF-Target-Therapie“ (Angiogenesehemmung mit Sunitinib, Sorafenib, Bevacizumab oder Sunitinib und Bevacizumab). Es zeigte sich, dass das progressionsfreie Überleben (PFS) signifikant von der entfernten Tumormasse abhing. Das FPTV („fractional percentage of tumor volume“) sowie der Zeitraum zwischen Diagnosestellung und Beginn der Target-Therapie waren unabhängige Prädiktoren des PFS.

 

Die Studiengruppe folgerte, dass die Zeit des progressionsfreien Überlebens unter antiangiogenetischer Target-Therapie durch eine vorherige möglichst umfangreiche Debulking-Operation verlängert werden kann.

 

 

Literatur

 

  1. Epidemiologie/Zahlen-Quellen: Robert Koch-Instituts und Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e. V. 2008
  2. Sternberg CN, Szczylik C, Lee E et al. A randomized, double-blind phase III study of pazopanib in treatment-naive and cytokine-pretreated patients with advanced renal cell carcinoma (RCC). 45th Annual Meeting of the American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2009. J Clin Oncol 27:15s, 2009 (suppl; abstr 5021)
  3. Harzstark AL, Rosenberg JE, Weinberg VK et al. A phase I study of sorafenib and RAD001 for metastatic clear cell renal cell carcinoma. 45th Annual Meeting of the American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2009. J Clin Oncol 27:15s, 2009 (suppl; abstr 5104)
  4. Barbastefano J, Garcia JA, Elson P et al. Association of percentage of tumor burden removed with debulking nephrectomy and progression-free survival (PFS) in metastatic renal cell carcinoma (mRCC) patients (Pts) treated with VEGF-targeted therapy. 45th Annual Meeting of the American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2009. J Clin Oncol 27:15s, 2009 (suppl; abstr 5095)
  5. Escudier BJ, Bellmunt J, Negrier S et al. Final results of the phase III, randomized, double-blind AVOREN trial of first-line bevacizumab (BEV) interferon- 2a (IFN) in metastatic renal cell carcinoma (mRCC). Oral Presentation, 45th Annual Meeting of the American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2009. Clin Oncol 27:15s, 2009 (suppl; abstr 5020)

 


 

Quelle: Post-ASCO Pressegespräch in Berlin zum Thema „Highlights der Onkologischen Forschung: Berichte vom 45. Kongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) Orlando, 29.05-02.06.2009 (albersconcept).

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