Post-ASCO 2009: Aktuelle Ergebnisse zum Prostatakarzinom

 

Von Prof. Dr. med. Kurt Miller

 

Berlin (17. Juni 2009) – Über 58.000 Männer erkranken jedes Jahr in Deutschland an Prostatakrebs, über 10.000 sterben jährlich daran [1]. Es ist der häufigste Krebs bei Männern, wobei die altersspezifische Inzidenz ab dem 50. Lebensjahr stark zunimmt. Bei der Therapie kommen Operation, Strahlen- und eine Hormontherapie zum Einsatz. Männliche Geschlechtshormone (Androgene), vor allem das Testosteron, fördern das Tumorwachstum, so dass ein „Androgenentzug“ oder eine Androgenblockade meist tumorwachstumshemmend wirkt. Auf dem diesjährigen ASCO wurden folgende wegweisende Studien zur Therapie des Prostatakarzinoms vorgestellt.

 

Hormontherapie bringt nur Patienten mit schneller PSA-Verdopplungszeit einen Lebensvorteil

 

Eine Hormontherapie im Sinne einer sogenannten Salvage-Therapie, kam bisher bei Prostatakarzinom-Patienten, die trotz radikaler Prostatektomie (RP) im Verlauf von 2 Jahren einen Anstieg des PSA (prostataspezifisches Antigen) aufwiesen, zum Einsatz.

 

Ob eine hormonelle Salvage-Therapie das Überleben verlängert, wurde nun erstmals in einer Langzeit-Kohortenstudie retrospektiv überprüft, auch Subgruppen, die besonderen Nutzen haben, sollten identifiziert werden [2]. 488 Patienten mit (n=102) und ohne (n=386) hormoneller Salvage-Therapie nach RP (1982–2004) mit PSA-Verdoppelung wurden analysiert. Nach Adjustierung der PSA-Verdopplungszeit (PSA-doubling time/ PSADT) und weiterer Faktoren zeigte sich kein Gesamtnutzen für die Hormontherapie. Auch in der Subgruppenanalyse hatten Patienten langsamer PSADT keinen Überlebensvorteil.

 

Dagegen wiesen jedoch Patienten mit schnellem PSA-Anstieg (PSADT in weniger als 6 Monaten), einen signifikanten Überlebensvorteil durch die Hormontherapie auf [p=0,00095]. Da ein frühzeitiger und rascher PSA-Wiederanstieg meist ein Hinweis für eine Metastasierung ist und langsame Anstiege eher mit einem Lokalrezidiv korrelieren, scheint es so, als würden insbesondere Patienten mit bis dato schlechterer Prognose (also mit Metastasen) von der Hormontherapie profitieren.

 

Kombinationstherapie verlängert Überleben bei kastrationsresistenten Prostatakarzinom

 

Es gibt Prostatakarzinome, die auf eine antiandrogene Wachstumsblockade nicht ansprechen. Der Grund für die Unwirksamkeit der Antiandrogene ist, dass diese Tumoren selbst Androgene produzieren und so ihr eigenes Wachstum fördern. Sie sind somit „kastrationsresistent“ (früher: hormonresistent /refraktär) gegenüber den bisherigen Medikamenten. Auch für diese Situation erhofft man sich durch neue Therapien Fortschritte und bessere Prognosen.

 

So konnte eine randomisierte Phase-II Studie [3] zeigen, dass bei vergleichbarer PSA-Senkung die Kombinationstherapie zweier Medikamente, Docetaxel (DOC) und dem Antisense-Oligonukleotid der zweiten Generation OGX-11 das Überleben verlängert: Die mit Docetaxel (DOC) plus Prednison behandelte Patientengruppe zeigte ein medianes Überleben von 16,9 Monaten. Die Gruppe, die zusätzlich OGX erhielt, überlebte im Median 27,5 Monate.

 

Eine andere Studie [4] untersuchte das Präparat MDV3100 bei fortgeschrittenem kastrationsresistenten Prostatakarzinom. Die Substanz wurde ebenfalls gut vertragen und brachte ermutigende Ergebnisse hinsichtlich der Antitumor-Aktivität. Gemessen wurden PSA-Abfall, Bildgebung und andere Parameter.

 

Fortgeschrittenes kastrationsresistentes Prostatakarzinom: Verbessertes Überleben durch Impfung

 

Der subkutan applizierbare Impfstoff PROSTVAC-VF, der prostataspezifisches Antigen (PSA) und drei co-stimulierende Moleküle enthält, wurde bereits in Phase I erfolgreich getestet. In der multizentrischen, randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase II-Studie [5] wurden 122 Patienten mit metastasierendem kastrationsresistenten Prostatakarzinom (mCRPC: steigendes PSA trotz supprimierter Testosteron-Spiegel) eingeschlossen. Die Patienten erhielten entweder den Impfstoff (n=82) oder Placebo (Kochsalzlösung, n=40). Primärer Endpunkt war das progressionsfreie Überleben (PFS/ progression free survival), wobei eine Progression definiert war als zwei neue Läsionen im Knochenscan bzw. gemäß den RECIST-Leitlinien. Bei Progressionsnachweis wurde die Impfserie abgebrochen. Drei Jahre nach Studienbeginn zeigten die geimpften Patienten ein signifikant besseres Überleben als die Patienten des Placebo-Studienarms: In der Verum-Gruppe lebten von 82 Patienten noch 25 (30%), in der Placebo-Gruppe von 40 noch 7 (17%). Das mediane Überleben in der Verum-Gruppe betrug 24,5 versus 16 Monate.

 

Dieses hoffnungsvolle Ergebnis muss nun in Phase-III-Studien weiter bestätigt werden.

 

 

Literatur

 

  1. Epidemiologie/Zahlen-Quellen: Robert Koch-Instituts und Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e. V. 2008
  2. Trock B, Han M, Humphreys EB et al. Survival following early hormone therapy for men with rapid PSA doubling time within 2 years following radical prostatectomy. 45th Annual Meeting of the American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2009. J Clin Oncol 27:15s, 2009 (suppl; abstr 5065)
  3. Chi KN, Hotte SJ, Yu E et al. Mature results of a randomized phase II study of OGX-011 in combination with docetaxel/prednisone versus docetaxel/prednisone in patients with metastatic castration-resistant prostate cancer. 45th Annual Meeting of the American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2009. J Clin Oncol 27:15s, 2009 (suppl; abstr 5012)
  4. Scher HI; Beer T; Higano C et al. Antitumor activity of MDV3100 in a phase I/II study of castration-resistant prostate cancer (CRPC). 45th Annual Meeting of the American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2009. J Clin Oncol 27:15s, 2009 (suppl; abstr 5011)
  5. Kantoff PW; Schuetz T, Blumenstein BA et al. Overall survival (OS) analysis of a phase II randomized controlled trial (RCT) of a poxviral-based PSA targeted immunotherapy in metastatic castrationresistant prostate cancer (mCRPC). 45th Annual Meeting of the American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2009. J Clin Oncol 27:15s, 2009 (suppl; abstr 5013)


 


 

Quelle: Post-ASCO Pressegespräch in Berlin zum Thema „Highlights der Onkologischen Forschung: Berichte vom 45. Kongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) Orlando, 29.05-02.06.2009 (albersconcept).

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