Die Rolle des Nephrologen in der medizinischen Versorgung

 

Prof. Dr. Reinhard Brunkhorst, Hannover

 

Göttingen (28. September 2009) – Als eine häufige Folgeerkrankung der Volkskrankheiten Diabetes und Bluthochdruck wächst die Zahl der Menschen, die unter einer chronischen Nierenerkrankung leiden kontinuierlich. Pro Jahr sind derzeit in Deutschland etwa 16.000 Menschen [1] neu von einer terminalen Nierenerkrankung betroffen. Im Jahr 1999 lag die Inzidenz noch bei nur ca. 12.000 [2] Neuerkrankungen – die Anzahl neuer Dialysepatienten pro Jahr ist also in den letzen zehn Jahren um 30 % gestiegen. Insgesamt werden in Deutschland nun rund 67.000 Menschen dialysiert, zusätzlich sind etwa 24.000 nierentransplantiert.[3] Ein weiterer Anstieg der Inzidenz und Prävalenz ist absehbar, was die Rolle des Nephrologen in der medizinischen Versorgung maßgeblich verändert – auch unter gesundheitsökonomischen Gesichtspunkten. Insgesamt sind alle Nierenersatzverfahren relativ teure Therapien, in Deutschland werden pro Jahr für die Versorgung von Dialysepatienten und transplantierten Patienten 2,5 – 3 Mrd. € ausgegeben [4].


 

 

Neue Anforderungen an den Nephrologen: „Disease Manager“ statt „Trouble Shooter“

 

Bislang sahen Nephrologen nur die Spitze des Eisbergs – die Patienten, die einer Nierenersatztherapie bedürfen oder kurz davor stehen. Bei diesen Patienten bleibt kaum noch eine andere Interventionsmöglichkeit, als eine Nierenersatztherapie einzuleiten, was bildlich gesprochen ein nephrologisches „trouble shooting“ darstellt. Eine bestmögliche nephrologische Versorgung beginnt bereits in den Frühstadien, mit der die Dialysepflichtigkeit lange hinausgezögert, manchmal sogar ganz umgangen werden kann, findet nur in den wenigsten Fällen statt. Zum einen, weil die Dunkelziffer der chronischen Nierenerkrankung sehr hoch ist – Schätzungen [5] zufolge sind in der westlichen Welt 6-10 % der Bevölkerung von einer chronischen Nierenerkrankung (CKD) im Frühstadium betroffen – zum anderen, weil häufig die Überweisung zum Nephrologen unterbleibt. Nur bei rechtzeitiger Einbindung des Nephrologen ist ein kompetentes „Disease Management“ zum Wohle des Patienten möglich, denn die späte Überweisung führt Studien zufolge zu einer signifikanten Erhöhung der Mortalität [6] und Morbidität [7] und sollte daher der Vergangenheit angehören.

 

 

Ganzheitliche, fachübergreifende Versorgung der CKD-Patienten erforderlich

 

Die Patienten mit CKD werden immer älter und leiden oft an weiteren Erkrankungen, z.B. des Herz-Kreislaufsystems, die dem Nephrologen vorgestellt werden. Das macht zunehmend eine sektorenübergreifende und strukturierte „ganzheitliche“ Versorgung der Dialysepatienten notwendig. Hausärzte, Kardiologen, Nephrologen aber auch Geriater müssen eng kooperieren.

 

 

Essentielle Hypertonie – eine Indikation für den Nephrologen!

 

Die essentielle Hypertonie ist eine Erkrankung, die ursächlich von den Nieren ausgeht, da die Steuerung des Blutdrucks und des Flüssigkeitshaushaltes durch die Hormon- und

Urinproduktion der Niere erfolgt; so führt eine Niereninsuffizienz unter anderem auch zur Flüssigkeits- und Drucküberlastung im Blutkreislauf.

 

Nephrologen sind daher von Hause aus „Bluthochdruck-Experten“, schon allein, weil bei 50-90 % [8] aller Nierenkranken eine arterielle Hypertonie vorliegt – und die Senkung des hohen Blutdrucks eine der wichtigsten Therapieziele in der Behandlung der CKD-Patienten und in der Vermeidung der Dialysepflicht aller Stadien darstellt. Bei Patienten mit einer schwer einstellbaren oder gar therapierefraktären Hypertonie (auch wenn keine Nierenerkrankung vorliegt) lohnt die Überweisung zum Hochdruckspezialisten – zum Nephrologen.

 

Es gibt hervorragende Blutdruckmedikamente: Bei mehr als 95 % der Patienten ist bei angemessener Therapie der Blutdruck einstellbar, d.h. der Zielwert (z.B. 130/80 mmHg) erreichbar.

 

 

Erweiterung des Aufgabenfeldes: Nephrologen sind Spezialisten für Immunadsorption und Plasmapherese

 

Ein weiteres Aufgabenfeld des Nephrologen ist die Durchführung von Immunadsorption und Plasmapherese – letztere auch bei Erkrankungen aus nicht-nephrologischen Bereichen wie Kardiologie, Gastroenterologie, Dermatologie, Rheumatologie oder Neurologie. Hier wird der Nephrologe zukünftig gefordert sein, da er der Spezialist für extrakorporale Therapieverfahren ist.

 

Die Rolle des Nephrologen in der medizinischen Versorgung wird also komplexer. Zum einen nimmt die Inzidenz der Kernindikation (Dialyse) zu, zum anderen werden zunehmend neue Aufgabenfelder erschlossen. Die Nephrologie wird daher zukünftig einen breiteren Raum als bisher im medizinischen Gesamtgefüge einnehmen.

 

 

Literatur

 

  1. Gemäß des Quasi-Niere-Berichts 1999
  2. Nebel M. „Kosten der Nierenersatztherapie“. In: Hörl WH et al. Dialyseverfahren in Klinik und Praxis. Tübingen 2003. 619 -629
  3. Coresh J et al. Am J Kidney Dis 2003; 41: 1-12
  4. Ellis PA et al. QJM 1998; 91 (11): 727-732
  5. Shin SJ et al. Nephron Clin Pract 2007;107:c139-c146
  6. Ridao N et al. Prevalence of Hypertension in Renal Disease. NDT 2001; 16 (Suppl 1): 70 –73

 


 

Quelle: Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie in Göttingen am 28.09.2009 (albersconcept) (tB).

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