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Hypertonietherapie – wo stehen wir im Jahre 2010?

 

Professor Dr. med. Jürgen E. Scholze

 

Wiesbaden (11. April 2010) – Epidemiologische Studien beweisen auch für Deutschland, dass die Hypertonieprävalenz mit steigendem Lebensalter dramatisch zunimmt und etwa ab dem 50. Lebensjahr die 50 %-Schwelle übersteigt. Dabei sind in nahezu jeder Altersstufe zwei Drittel aller Hypertoniker mit einem metabolischen Syndrom belastet. Die kardiovaskuläre Ereignisrate vervierfacht sich nahezu mit dem additiven Auftreten der Einzelkomponenten des metabolischen Syndroms. Zunehmend rücken neben den medizinischen Problemen auch die Kosten in den Vordergrund der Betrachtungen. So werden beispielsweise bei einem Hypertoniker mit Typ2-Diabetes mellitus 63 % aller auftretenden Kosten dem Diabetes zugeschrieben und 23 % kardiovaskulären Komplikationen. Das heißt, dass lediglich 14 % aller finanziellen Aufwendungen auf die antihypertensive Medikation und die Honorierung der Ärzte entfallen.

 

Der zweite Aspekt, der in der täglichen Praxis berücksichtigt werden sollte, ist die Tatsache, dass jenseits des 60. Lebensjahres bereits die Hälfte aller Hochdruckpatienten eine isolierte systolische Hypertonie (ISH) aufweisen. Mit zunehmendem Lebensalter steigt dies auf bis zu 90 % aller Hypertoniefälle an. Die ISH beruht auf einer zunehmenden Gefäßalterung mit Versteifung der Leitungsarterien und der arteriolären Gefäßperipherie, was sich in einer Pulswellenbeschleunigung, einer verstärkten Pulswellenreflexion und letztendlich eines zunehmenden „pulse pressure“ manifestiert. Eine erfolgreiche antihypertensive Therapie wird sich zukünftig stärker auf die Beeinflussung der vaskulären Alterungsprozesse und an der Regression atherosklerotischer Komplikationen orientieren müssen.

 

In den aktuellen Leitlinien der ESH von 2009 wird dezidiert und kritisch zu den Blutdruckzielwerten Stellung genommen und festgestellt, dass für über 80jährige Patienten klare Evidenzen für eine Prognoseverbesserung bei systolischen Blutdruckzielwerten von 150 mmHg bestehen (HYVET). Darüber hinaus wird festgehalten, dass die bisherigen Zielwerte für Diabetiker unter 130/80 mmHg mit keinerlei Studien-Evidenzen belegt sind. Die neuesten Daten aus der ACCORD-Studie belegen in dieser prospektiv doppelt-verblindeten Studie, dass eine Drucksenkung unter 130 mmHg systolisch keinerlei Vorteile in Bezug auf die kardiovaskuläre und Gesamtmortalität ergeben, was auch durch die posthoc-Analyse der INVEST-Studiendaten bei Diabetikern mit KHK unterstrichen wird.

 

Im Vordergrund einer modernen antihypertensiven Pharmakotherapie sollte die Prognoseverbesserung auf der Basis einer rechtzeitigen Unterbrechung der einzelnen Stufen des kardiovaskulär-metabolischen Kontinuums stehen. Neben einer Blutdrucknormalisierung beinhaltet eine Verbesserung des Inflammationsstatus, des strukturell-vaskulären remodelings und der Regression von atherosklerotischen Plaques. Dabei weisen ARB`s und hier besonders Olmesartan in den Studien EUTOPIA, VIOS, MORE und neuestens OLIVUS im Bereich der Coronarien auf all diesen Entwicklungsstadien eine Protektion auf, die stets einer Beta-Blockade bzw. anderen Antihypertensiva überlegen war.

 

Die ESH hat in ihrem Leitlinien-„reappraisal 2009“ nochmals dezidiert auf die Notwendigkeit einer frühzeitigen antihypertensiven Kombinationstherapie hingewiesen. Dabei wurde betont, dass besonders bei stoffwechselgestörten Hypertonikern (Adipositas, Diabetes) die Kombination aus einem RAS-Blocker plus Kalzium-Antagonisten den höchsten kardiovaskulären Schutz verspricht, was evidenzbasiert mit der ACCOMPLISH-Studie unterlegt ist. Mit den auf dem Markt befindlichen Fix-Kombinationen (z. B. Olmesartan plus Amlodipin = Vocado®) ist darüberhinaus bei hoher Patientenakzeptanz-und compliance eine Blutdrucknormalisierungsrate von über 80 % möglich und realistisch.

 

 

Autor

 

Professor Dr. med. Jürgen E. Scholze

Direktor der Medizinischen Poliklinik

Ambulante Spezialmedizin

Charité-Universitätsmedizin Berlin

 


 

Quelle: Satellitensymposium der Firma Berlin-Chemie zum Thema „Hypertonietherapie 2010 – auf dem Weg in ein neues Jahrzehnt“ am 11.04.2010 in Wiesbaden (Fleishman Hillard) (tB).

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