Schlaganfallvorbeugung bei Patienten mit Vorhofflimmern

Acetylsalicylsäure spielt in Zukunft keine Rolle mehr

 

Berlin (10. Februar 2011) – Weit mehr als die Hälfte der Patienten in Deutschland mit Vorhofflimmern nehmen Acetylsalicylsäure zur Vorbeugung eines Schlaganfalls. Das wird sich bald deutlich ändern: In der großen AVERROES-Studie mit rund 5.600 Patienten erwies sich der neue Blutgerinnungshemmer Apixaban im Vergleich zur etablierten Acetylsalicylsäure (Aspirin®) als deutlich überlegen. Mit Apixaban behandelte Patienten haben demnach ein um 55 Prozent vermindertes Risiko einen Schlaganfall zu erleiden. „Dieses Ergebnis ist ein Durchbruch in der modernen Schlaganfallprävention und wird die Weichen in der Behandlung völlig neu stellen“, so Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Essen und Leiter des Adjudizierungskomitees der Studie. Die AVERROES-Studie hat Prof. Diener heute auf einer Pressekonferenz der American Heart Association in Los Angeles vorgestellt. Zeitgleich wird sie im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht.

 

 

Fünffach erhöhtes Schlaganfallrisiko

 

Vorhofflimmern ist eine bei älteren Menschen häufig vorkommende Herzrhythmusstörung. Betroffen sind in Deutschland rund 300.000 Menschen. Neben der Tatsache, dass Vorhofflimmern für die Patienten sehr unangenehm ist, kann es durch den unregelmäßigen Herzschlag zur Bildung von Blutgerinnseln im Herz kommen, die abreißen, ins Gehirn gelangen und dort Blutgefäße verstopfen können. Daraus resultiert ein fünffach höheres Schlaganfallrisiko als bei Menschen ohne Vorhofflimmern.

 

Vor mehr als 50 Jahren wurde entdeckt, dass eine weitgehende Ausschaltung des Gerinnungssystems durch sog. Vitamin K-Antagonisten (in Deutschland vorwiegend Phenprocouman, besser bekannt unter dem Handelsnamen Marcumar®) das Schlaganfallrisiko bei Patienten mit Vorhofflimmern um etwa 70 – 80 Prozent senken kann. Allerdings lehnt fast die Hälfte aller Patienten, denen eine orale Antikoagulation mit Vitamin K-Antagonisten empfohlen wird, diese ab oder es bestehen Gegenanzeigen wie beispielsweise Schwierigkeiten, regelmäßige Kontrollen der Blutgerinnung durchzuführen.

 

In den letzten Jahren wurde eine ganze Reihe von neuen Substanzen entwickelt, welche ebenfalls zu einer Hemmung der Blutgerinnung führen, aber die meisten Nachteile, die Vitamin K-Antagonisten haben, nicht aufweisen. Diese Substanzen können in einer festen Dosis unabhängig von Größe, Gewicht, Alter und Geschlecht gegeben werden und führen zu einer zuverlässigen Hemmung der Blutgerinnung, ohne dass Gerinnungskontrollen im Labor notwendig sind. Ein solcher Wirkstoff ist Apixaban.

 

 

55 Prozent weniger Schlaganfälle mit Apixaban

 

In der AVERROES-Studie wurden 5.599 Patienten mit Vorhofflimmern eingeschlossen, die entweder Marcumar® nicht einnehmen wollten oder bei denen nach Ansicht des behandelnden Arztes Gegenanzeigen gegen Marcumar® bestanden. Diese Patienten wurden zur einen Hälfte mit dem neuen Gerinnungshemmer Apixaban 5 mg zweimal täglich oder mit Aspirin® in Tagesdosen zwischen 81 und 344 mg am Tag behandelt. Das Studienziel war, Schlaganfälle zu verhindern.

 

Da sich eine hoch signifikante Verminderung von Schlaganfällen in der Patientengruppe ergab, die mit Apixaban behandelt wurde, brachen die Forscher die Studie im August 2010 zum Wohl der mit Aspirin® behandelten Patienten vorzeitig ab. Die relative Risikominderung betrug 55 Prozent. Die Zahl von Blutungskomplikationen war für beide Behandlungen gleich.

 

Prof. Hans-Christoph Diener von der Neurologischen Universitätsklinik in Essen war an der Studie maßgeblich beteiligt. Er leitete das Adjudizierungskomitee. Adjudizierung bedeutet, dass in einer verblindeten Studie, in der Ärzte und Patienten nicht wissen, welches der beiden Medikamente sie einnehmen, Ereignisse wie Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Todesfälle von einem unabhängigen Komitee aus Experten begutachtet werden und endgültige Diagnosen gestellt werden.

 

Die Studie wurde auf der Pressekonferenz der American Heart Association am Donnerstag, 10. Februar 2011, in Los Angeles von Prof. Diener vorgestellt und zeitgleich online im New England Journal of Medicine, der bedeutendsten medizinischen Fachzeitschrift, publiziert. Die Ergebnisse dieser Studie stellen laut Diener einen Durchbruch in der modernen Schlaganfallprävention dar.

 

 

Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft begrüßt diese Entwicklung

 

„Wir hoffen nun, dass Apixaban und weitere Vertreter dieser neuen Generation von Blutgerinnungshemmern schnell in Europa für Patienten mit Vorhofflimmern zugelassen werden“, betont Prof. Dr. med. Martin Grond (Siegen) von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft.

 

 

Quelle

 

  • Apixaban in patients with atrial fibrillation unsuitable for Vitamin K antagonist, NEJM, February 10, 2011 (10.1056/NEJMoa1007432)
    Stuart J. Connolly (1), John Eikelboom (1), Campbell Joyner (2), Hans-Christoph Diener (3), Robert Hart (4), Sergey Golitsyn (5), Greg Flaker (6), Alvaro Avezum (7), Stefan Hohnloser (8), Raphael Diaz (9), Mario Talajic (10), Zhu Jun (11), Prem Pias (12), Andrzej Budaj (13), Alexander Parkhomenko (14), Petr Jansky (15), Patrick Commerford (16), RS Tan (17), Kui-Hian Sim (18) Basil Lewis (19), Walter Van Meighem (20) Gregory YH Lip (21) Jae Hyung Kim (22), Fernando Lanas-Zanetti (23), Antonio Gonzalez-Hermosillo (24), Martin O’Donnell (25), John Lawrence (26), Gayle Lewis (1), Rizwan Afzal (1), Salim Yusuf (1), on behalf of the AVERROES Steering Committee and Investigators.
    1. McMaster University, Hamilton, ON 2. University of Toronto, Toronto ON 3. University Duisburg-Essen, Essen, DEU 4. University of Texas, San Antonio, TX 5. Russian Cardiology Research and Production Center, Moscow, RU 6. University of Missouri, Columbia, MO 7. Instituto Dante Pazzanese de Cardiologia, Sao Paulo, BRA 8. Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Frankfurt, DEU 9. ECLA, Rosario, Santa Fe, AR 10. Montreal Heart Institute, Montreal, QC 11. FuWai Hospital, CAMS & PUMC, Beijing, CHN 12. St. John’s Research Institute, Bangalore, IND 13. Grochowski Hospital, Warsaw, POL 14. Institute Of Cardiology, Kyiv, UA 15. Mainmed, S.R.O., Prague 5, CZE 16. The Cardiac Clinic, Cape Town, ZA 17. National Heart Center, Singapore, SGP 18. Clinical Research Centre, Sarawak, MYS 19. Lady Davis Carmel Medical Centre, Haifa, ISR 20. Ziekenhuis Oost-Limburg Campus St.-Jan, Genk, BEL 21. City Hospital, Birmingham, UK 22. St. Paul’s Hospital, Catholic University of Korea, Seoul, KOR 23. Universidad de La Frontera, Temuco, CHL 24. Instituto N de Cardiologia Ignacio Chavez, Mexico, MX 25. HRB Clinical Research Facility, Ireland, UK 26. Bristol-Myers Squibb, Princeton, NJ

 


 

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), 10.02.2011 (tB).

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung