Störungen des Körperempfindens

Neue Therapie hilft Schlaganfall-Patienten die linke Körperseite besser wahrzunehmen

 

Saarbrücken (18. März 2013) – Der Schlaganfall ist mittlerweile die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Circa 60 bis 70 Prozent der Überlebenden bleiben langfristig behindert oder pflegebedürftig. Viele davon leiden an Störungen des Körperempfindens. Sie nehmen eine Körperhälfte nur schlecht oder gar nicht mehr wahr und vernachlässigen sie. Eine erfolgsversprechende Therapie gibt es für die Betroffenen bislang nicht. Psychologen der Saar-Uni um Lena Schmidt haben nun zusammen mit Ingenieuren der Hochschule Karlsruhe eine neuartige Therapie entwickelt, die helfen könnte, zum Beispiel wieder ein Gespür für den linken Arm und die linke Hand zu entwickeln.

 

„Störungen des Körperempfindens zählen zu den häufigsten Folgen eines Schlaganfalls. Insbesondere Patienten, deren rechte Gehirnhälfte geschädigt ist, leiden oft darunter, dass sie ihre linke Körperhälfte vernachlässigen“, erklärt Lena Schmidt, Diplom-Psychologin an der Universität des Saarlandes. Dies äußert sich etwa darin, dass sie Berührungen, auch schmerzhafter Art, auf der vernachlässigten Seite nicht beachten, sie nicht genau „wissen“, wo sich ihr gelähmter Arm befindet, oder sie diesen Arm (zu) selten oder gar nicht mehr benutzen, auch wenn er eine gewisse motorische Restfunktion aufweist. „Bei gleichzeitiger Berührung auf beiden Körperhälften bemerken sie oft nur die Berührung auf der ‚guten‘ Seite“, berichtet die Wissenschaftlerin, die bei Professor Georg Kerkhoff in der Klinischen Neuropsychologie forscht. „Obgleich diese Phänomene die Patienten sehr in ihrem Alltag beeinträchtigen, gibt es bislang keine wirksamen Ansätze für ihre Behandlung.“

Schmidt hat zusammen mit Ingenieuren der Hochschule Karlsruhe neue Diagnose- und Therapie-Möglichkeiten für solche Störungen entwickelt und erprobt. Die Forscher haben die so genannte Galvanisch-Vestibuläre Stimulation (GVS) in zwei Studien näher untersucht. Diese Methode stimuliert das Gleichgewichtssystem durch schwache elektrische Ströme hinter den Ohren. Für ihre Versuche haben die Wissenschaftler sowohl Schlaganfall-Patienten (mit und ohne entsprechende Störung) als auch eine vergleichbare Gruppe gesunder Personen untersucht.


In der ersten Studie haben sie zunächst den so genannten Armpositionssinn bei 22 Patienten überprüft. Hierfür haben sie jeweils bei beiden Armen mit einem präzisen, neuentwickelten elektronischen Gerät gemessen, ob die GVS-Methode eine Änderung bewirkt. „Wir haben zusätzlich untersucht, ob die Effekte auch 20 Minuten nach der Stimulation noch gemessen werden können“, ergänzt die Neuropsychologin. „Insgesamt konnten wir zeigen, dass die Störung des Armpositionssinns durch GVS deutlich gemildert wird. Die Patienten haben nach der Stimulation ähnliche Werte wie die Personen der Kontrollgruppe erzielt und konnten die Lage des linken Armes besser einschätzen. Diese Verbesserung blieb auch nach dem Versuch bestehen.“

In einer weiteren Studie hat das Team um Lena Schmidt untersucht, ob GVS die Empfindung an den Händen verbessern kann. Dazu haben sie zunächst bei zwölf Patienten, die bei gleichzeitiger Berührung der linken und rechten Hand, nur die Reize auf der rechten, gesunden Hand wahrnehmen und die auf der linken Hand vernachlässigen, die so genannte Extinktionsrate ermittelt. „Dieser Wert gibt an, wie stark die Vernachlässigung der linken Reize ausgeprägt ist“, erklärt Schmidt den Versuch. „Dafür haben wir beide Handrücken mit unterschiedlichen Materialien, wie Seide oder Sandpapier, stimuliert.“ In der Folge erhielten sechs Patienten GVS, die sechs anderen Probanden nicht. „Auch hier konnten wir eine deutliche Verbesserung feststellen, sogar drei Monate nach der Stimulation waren die Effekte noch messbar“, kommentiert die Forscherin die Ergebnisse. „Für beide Störungen gab es bislang noch keine wirksame Therapie. Unsere Studien belegen, dass GVS Schlaganfall-Patienten künftig helfen könnte, ihr Empfinden für den eigenen Körper zu verbessern. Sie stellt somit eine vielversprechende Methode für die neurologische Rehabilitation dar.“


 

Quelle: Universität des Saarlandes, 18.03.2013 (hB).

MEDICAL NEWS

New guidance to prevent the tragedy of unrecognized esophageal intubation
Overly restrictive salt intake may worsen outcomes for common form…
COVID-19 vaccines are estimated to have prevanented 20 million deaths…
Novel sleep education learning modules developed for nurse practitioners
Scientists discover how salt in tumours could help diagnose and…

SCHMERZ PAINCARE

Aktuelle Versorgungssituation der Opioidtherapie im Fokus
Individuelle Schmerztherapie mit Opioiden: Patienten im Mittelpunkt
Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…

DIABETES

Kaltplasma bei diabetischem Fußsyndrom wirkt via Wachstumsfaktoren
Typ-1-Diabetes: InRange – auf die Zeit im Zielbereich kommt es…
Suliqua®: In komplexem Umfeld – einfach besser eingestellt
Suliqua®: Überlegene HbA1c-Senkung  im Vergleich zu Mischinsulinanalogon
„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ gibt…

ERNÄHRUNG

Gesunde Ernährung: „Nicht das Salz und nicht das Fett verteufeln“
Mangelernährung gefährdet den Behandlungserfolg — DGEM: Ernährungsscreening sollte zur klinischen…
Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?

ONKOLOGIE

Krebspatienten unter Immuntherapie: Kein Hinweis auf erhöhtes Risiko für schwere…
Aktuelle Kongressdaten zum metastasierten Mammakarzinom und kolorektalen Karzinom sowie Neues…
Mehr Lebensqualität für onkologische Patient:innen durch bessere Versorgung: Supportivtherapie, Präzisionsonkologie,…
WHO veröffentlicht erste Klassifikation von Tumoren im Kindesalter
Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver

MULTIPLE SKLEROSE

Multiple Sklerose: Analysen aus Münster erhärten Verdacht gegen das Epstein-Barr-Virus
Aktuelle Daten zu Novartis Ofatumumab und Siponimod bestätigen Vorteil des…
Multiple Sklerose durch das Epstein-Barr-Virus – kommt die MS-Impfung?
Neuer Therapieansatz für Multiple Sklerose und Alzheimer
„Ich messe meine Multiple Sklerose selbst!“ – Digitales Selbstmonitoring der…

PARKINSON

Alexa, bekomme ich Parkinson?
Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…