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Wochenbettdepression

Mehr als nur Melancholie

 

Neurowissenschaftler untersuchen, wie Wochenbettdepressionen entstehen und wie sie verhindert werden können

 

München (16. Juni 2010) – Innerhalb der ersten Woche nach der Geburt ihres Kindes leiden bis zu 70 Prozent der Mütter unter Wochenbettmelancholie. Während sich die meisten Frauen bald davon erholen, klingen bei etwa 13 Prozent die Symptome nicht wieder ab, sondern manifestieren sich innerhalb der ersten drei Monate nach der Geburt zu einer Wochenbettdepression. Eine maßgebliche Rolle bei diesem Stimmungsabfall spielt, wie bei anderen Depressionen auch, eine zu geringe Konzentration von Neurotransmittern im Gehirn. Julia Sacher vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und ihr Kollege Jeffrey H. Meyer vom Centre for Addiction and Mental Health in Toronto, Kanada, konnten in einer aktuellen Studie zeigen, dass ein Anstieg des Enzyms MAO-A ein ausschlaggebender Faktor bei der Entstehung der Wochenbettmelancholie ist (Arch Gen Psychiatry, 26. Mai 2010).

 

Die Geburt ihres Kindes ist für die meisten Frauen einer der anstrengendsten, aber auch glücklichsten Tage in ihrem Leben. Umso unverständlicher erscheint es, dass fast drei Viertel aller Mütter kurz nach der Geburt in tiefer Melancholie versinken. Neben extremer Traurigkeit leiden sie auch unter Stimmungsschwankungen, Angstzuständen, Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie Reizbarkeit. Die Gründe dafür waren lange Zeit unklar.

Inzwischen weiß man, dass der Östrogen-Spiegel innerhalb der ersten drei bis vier Tage nach der Geburt um das 100- bis 1000-Fache abfällt. Genau umgedreht proportional steigt dagegen der Anteil des Enzyms Monoamin-Oxidase A, kurz MAO-A genannt. Man findet das Enzym mit deutlich erhöhter Konzentration in Gliazellen und Neuronen. Dort baut es die Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Noradrenalin ab. Diese Neurotransmitter sind neben der Signalweiterleitung zwischen Nervenzellen auch für unsere allgemeine Stimmung verantwortlich. Fehlen sie, werden wir erst traurig, später vielleicht depressiv.

Mithilfe der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) – einem bildgebenden Verfahren, das durch die Aufzeigung der Verteilung einer schwach radioaktiv markierten Substanz im Organismus Bilder erzeugt – maßen die Forscher die Verteilung eines radioaktiv markierten Liganden im Gehirn, der sehr spezifisch und mit hoher Affinität an das Enzym Monoamin-Oxidase A bindet. Somit fanden sie heraus, dass der Anteil an MAO-A im Gehirn von Frauen, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hatten, durchschnittlich 43 Prozent höher lag als bei der Kontrollgruppe, die aus Frauen bestand, die entweder vor sehr langer Zeit oder noch gar keine Kinder geboren hatten. Alle Gehirnregionen waren von erhöhten MAO-A Konzentrationen betroffen und die höchsten Werte wurden am fünften Tag nach der Geburt gemessen. Dieser Befund geht mit der Tatsache einher, dass auch die Stimmung der Mütter an diesem Tag oft ihren Tiefpunkt erreicht.

Ernsthafte Wochenbettsmelancholie ist oft die Vorstufe einer Depression. Um diese zu verhindern, bieten sich verschiedene Therapieansätze an. Zum einen kann man versuchen, mit selektiven Hemmstoffen die starke Aktivität von MAO-A zu erniedrigen, zum anderen könnte eine Erhöhung der Konzentration an Neurotransmittern die Stimmung wieder aufhellen. Beide Möglichkeiten haben das Ziel, den Spiegel an Neurotransmittern im Gehirn nach der Geburt hoch zu halten. Da die Behandlungsansätze mit der Tatsache vereinbar sein müssen, dass die meisten Mütter ihre Säuglinge stillen, muss ausgeschlossen werden, dass etwaige Medikamente die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen könnten. Deshalb soll in künftigen Studien untersucht werden, ob die Verabreichung der natürlichen Aminosäuren Tryptophan und Tyrosin, die erst vom Körper in die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin umgewandelt werden, bereits einen positiven Effekt hat. "Unsere Ergebnisse besitzen aufregendes Potential, um in Zukunft Stimmungsschwankungen von Müttern kurz nach der Geburt zu verhindern und Depressionen vorzubeugen" meint Julia Sacher, Erstautorin der Studie.

 

 

Originalveröffentlichung

 

J. Sacher, A. A. Wilson, S. Houle, P. Rusjan, S. Hassan, P. M. Bloomfield, D. E. Stewart, J. H. Meyer
Elevated Brain Monoamine Oxidase A Binding in the Early Postpartum
Period Arch Gen Psychiatry 67(5):468-474 (2010)

 

 


Quelle: Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., 16.06.2010 (tB).

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