Zentraler Bestandteil der Behandlung akuter Psychosen

Neuroleptika: Großer Nutzen, kalkulierbare Risiken

München (30. Mai 2017) – Wie hoch das Gefahrenpotenzial von Neuroleptika gegen Psychosen ist, darüber wurde zuletzt intensiv diskutiert. Unter anderem waren auch Psychiater der LMU-Medizin beteiligt und mahnen eine sachliche und differenzierte Diskussion an und haben den wissenschaftlichen Stand zum Thema mit einem internationalen Expertenteam jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „American Journal of Psychiatry“ zusammengefasst. Die Publikation ist unter dem Titel „Contrary to Popular Belief, Antipsychotics Don’t Cause Long-Term Damage“ erschienen.

„Neuroleptika sind ein zentraler Bestandteil der Behandlung akuter Psychosen“, erklärt Prof. Dr. Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Klinik am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Die Vorteile dieser Medikamente sind sehr gut belegt und wiegen die potenziellen Nebenwirkungen auf“, sagt der Psychiater weiter. Auch sein Forschungspartner von der Medizinischen Universität in Innsbruck und Co-Autor der Studie, Prof. Dr. W. Wolfgang Fleischhacker, pflichtet ihm bei: „Nach genauer Prüfung der Fakten kommt die internationale Expertengruppe zur Ansicht, dass für die meisten Patienten der Nutzen der Verschreibung von Antipsychotika das Risiko überwiegt.“

Neuroleptika nehmen allein in Deutschland geschätzt 400.000 Patienten mit Psychosen ein. Zu den Psychosen zählt beispielsweise die Schizophrenie. Diese Erkrankungen sind geprägt von Denk- und Wahrnehmungsstörungen, zum Beispiel Wahnvorstellungen. Unbehandelt können Psychosen zu „einen großen psychosozialen Schaden führen“, wie Falkai es ausdrückt. Sprich: Diese Menschen haben meist krankheitsbedingt Schwierigkeiten, Arbeit zu finden und langfristig soziale Beziehungen zu halten. Ärzte verordnen Neuroleptika auch gegen Schlafstörungen oder Unruhezuständen bei Demenzerkrankungen und bei schweren Depressionen gegen Wahnsymptome.

In den vergangenen Jahren tauchen in der medizinischen Fachliteratur allerdings Hinweise auf, dass Neuroleptika zu Gehirnveränderungen wie einer Volumenminderung führen können. Dafür gibt es auch „eine gewisse Evidenz“, betont Falkai. Im Klartext: Das Gehirnvolumen unter Neuroleptika schrumpft im Mittel um ein bis zwei Prozent. Dieser auch in den Medien diskutierte Befund hat viele Patienten verunsichert. „Überoptimistische Berichte über positive Krankheitsverläufe ohne Medikamente beruhen primär auf einigen wenigen wissenschaftlich mangelhaften Studien“, ergänzt Prof. Fleischhacker, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik an der Medizinischen Universität Innsbruck.

Zwei Drittel dieser Veränderungen seien aber eher auf die Krankheit und den Lebensstil (zum Beispiel Rauchen, Alkoholgenuss) an sich zurückzuführen. Bei einer psychischen Erkrankung, erklärt der Psychiater, „ist außerdem die Informationsverarbeitung im Gehirn häufig beeinträchtigt.“ Das führt zu einer „funktionellen Atrophie“, die in einer Hirnvolumenreduktion mündet. „Übrigens sind Fluktuationen im Hirnvolumen gar nicht so ungewöhnlich“, sagt Falkai – zum Beispiel in längeren Stressphasen oder durch Schlaflosigkeit.

Dem Experten zufolge profitieren die meisten Patienten mit einer akuten Psychose von der Behandlung mit Neuroleptika, „da diese Menschen so die Möglichkeit haben, ihr Leben erfolgreicher zu bewältigen.“ Nach einer sorgfältigen Diagnose sollten Ärzte ihre Patienten über diese Medikamente aufklären und sie in der kleinstnötigen Dosis verschreiben. Nach Erstauftreten einer Psychose dauert die Behandlung zunächst ein Jahr. Kehrt die Erkrankung regelmäßig wieder, sei gegebenenfalls eine jahrelange Therapie mit Neuroleptika nötig, „wozu es leider im Augenblick keine Alternative gibt.“

Originalpublikation

  • The Long-Term Effects of Antipsychotic Medication on Clinical Course in Schizophrenia: Donald C., Goff, M.D., Peter Falkai, M.D., Ph.D., W. Wolfgang Fleischhacker, M.D., Ragy R. Girgis, M.D., Rene M. Kahn, M.D., Ph.D., Hiroyuki Uchida, M.D., Ph.D., Jingping Zhao, M.D., Ph.D., Jeffrey A. Lieberman, M.D.
    DOI: 10.1176/appi.ajp.2017.16091016


Weitere Informationen


Quelle: Klinikum der Universität München , 30.05.2017 (tB).

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