26. Arbeitstagung für Neurologische Intensiv- und Notfallmedizin

ECASS 3-Studie: Thrombolyse mit Alteplase auch nach drei Stunden noch wirksam und sicher

 

Nach einem ischämischen Schlaganfall gibt es im Gehirn zwei geschädigte Hirnareale, den Schlaganfall-Kern und die Penumbra. Die Behandlung eines Schlaganfalls zielt auf die Rettung der Penumbra ab. Je früher die Behandlung erfolgt, desto mehr Hirngebewebe kann gerettet werden. Graphik: Boehringer Ingelheim Leipzig (23. Januar 2009) – In der Behandlung des akuten ischämischen Schlaganfalls zeigte sich die Thrombolyse mit Alteplase (Actilyse®) auch nach Ablauf des zugelassenen Drei-Stunden-Zeitfensters als wirksam und sicher. Die Studie ECASS 3 (European Cooperative Acute Stroke Study)(1), die nun erstmalig in Deutschland vorgestellt wurde, konnte zeigen, dass Patienten bis zu 4,5 Stunden nach Einsetzen der ersten Symptome eines Schlaganfalls von Alteplase profitieren können.

„Dieses Ergebnis wird mehr Ärzte in Deutschland dazu ermutigen, Patienten mit akutem ischämischen Schlaganfall zu lysieren“, betonte Prof. Dr. Werner Hacke, Neurologische Universitätsklinik Heidelberg und internationaler Studienleiter von ECASS 3. „Das Therapieprinzip wurde in vollem Umfang bestätigt und wird das Vertrauen in die Lyse stärken“, bekräftigte auch Prof. Dr. Martin Grond vom Kreiskrankenhaus Siegen, ein führender Experte für die klinische Umsetzung der Thrombolyse. „Die Ergebnisse stimmen mit unseren Beobachtungen aus dem klinischen Alltag überein.“

 

Die deutsche Gesellschaft für Neurologie bezeichnet ECASS 3 als größten Durchbruch in der Schlaganfall-Forschung der vergangenen zwölf Jahre.(2) Sie ist von herausragender Bedeutung auch über diesen Forschungsbereich hinaus. Von der internationalen medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ wurde sie zum „Paper of the year 2008 (editors’ choice)“ gewählt (3).

 

Zulassungserweiterung angestrebt

„Nach wie vor gilt für die Thrombolyse bei akutem ischämischen Schlaganfall ein zugelassenes Zeitfenster von maximal drei Stunden nach Auftreten der ersten Symptome“, stellte Prof. Hacke klar. Die Studie ECASS 3, an der 821 Patienten in 15 europäischen Ländern teilgenommen haben, habe erstmals nachgewiesen, dass Alteplase auch bei einer Anwendung im Zeitraum zwischen drei und 4,5 Stunden nach Symptombeginn einen Nutzen für den Patienten bringe. Das Sicherheitsprofil von Actilyse® habe sich dabei als konsistent mit dem in vorangegangenen Studien erwiesen. Die Komplikationsrate im späten Zeitfenster der ECASS 3-Studie war nicht höher als in den Studien und Arbeiten, die den Einsatz des Wirkstoffes im derzeit zugelassenen Zeitfenster von 0 bis drei Stunden untersucht hatten.(4-7) Das forschende Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim strebt daher eine entsprechende Zulassungserweiterung für Actilyse® an.

 

Die randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie zeigte für die mit Alteplase behandelten Patienten eine um 34 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für ein günstiges Ergebnis als für Patienten aus der Placebogruppe. Das entspricht einer absoluten Verbesserung um 7,2 Prozent (p=0.04), gemessen mit der Modified Ranking Scale (mRS 0-1). Somit konnte die Studie belegen, dass die Behandlung mit Alteplase auch nach Überschreiten des Drei-Stunden-Zeitfensters um bis zu 1,5 Stunden die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Patienten mit einem Schlaganfall lediglich minimale oder gar keine Behinderungen davon tragen.

 

Das Ziel: Mehr Patienten lysieren

„Wir bewegen uns – dank Alteplase – in der Schlaganfall-Therapie heute auf einem hohen Niveau“, führte Professor Hacke aus. So sei ein Schlaganfall heute besser behandelbar als viele andere Akuterkrankungen. Allerdings gebe es noch viele Herausforderungen und offene Fragen: „In Deutschland erhalten heute lediglich drei bis vier Prozent aller Patienten mit ischämischem Insult eine Lysetherapie“, stellte Professor Grond fest. Ein Grund für die geringe Lyserate ist nach Ansicht des Experten die zögerliche Haltung vieler Anwender gegenüber der Thrombolyse. „Durch ECASS 3 sollten sich diese Zweifel erübrigt haben“, betonte Prof. Grond. Ein weiterer Grund für eine geringe Lyserate sei, dass viele der Betroffenen eine spezialisierte Klinik nicht innerhalb des Zeitfensters von drei Stunden erreichten. „Hier spielen neben regionalen Unterschieden auch notfallorganisatorische Gründe eine Rolle“, erläuterte der Experte. So erreiche etwa ein Drittel der Schlaganfall-Patienten die Klinik über den Vertragsarzt anstatt direkt über den Rettungsdienst, was oft zu kritischem Zeitverlust führe. Daten des Qualitätssicherungsprojektes Nordwestdeutschland zeigen, dass nur etwa 30 Prozent der Schlaganfall-Patienten innerhalb der ersten drei Stunden nach Auftreten der Symptome eingeliefert werden.(8) Von den Ergebnissen von ECASS 3 könnten künftig viele tausende Patienten jährlich profitieren, die für das bisherige Zeitfenster nicht schnell genug ein Krankenhaus erreichen. Trotzdem sei in der Behandlung des akuten ischämischen Schlaganfalls weiterhin Eile geboten. Nach wie vor sollten Patienten so schnell wie möglich in eine Stroke Unit gebracht und behandelt werden. „Jede Minute zählt, je früher behandelt werden kann, desto höher sind die Erfolgsaussichten“, betonte der Experte. Eine der wichtigsten Herausforderungen der kommenden Jahre ist aus Sicht der Fachmediziner eine weitere Verbesserung der Behandlung der Patienten. „Unser Ziel ist es, lysefähige Patienten zuverlässiger zu erkennen“, erklärte Professor Hacke. Als zukünftigen Forschungsschwerpunkt erwartet er deshalb die Optimierung bildgebender Verfahren, die den Therapeuten in die Lage versetzen, mehr lysefähige Schlaganfall-Patienten zu identifizieren. „Von den vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten könnten in Deutschland viel mehr Patienten profitieren. Wir hoffen, dass uns die aktuellen Studienergebnisse einen weiteren Schritt in diese Richtung bringen“.

 

Nach einem ischämischen Schlaganfall gibt es im Gehirn zwei geschädigte Hirnareale, den Schlaganfall-Kern und die Penumbra. Die Behandlung eines Schlaganfalls zielt auf die Rettung der Penumbra ab. Je früher die Behandlung erfolgt, desto mehr Hirngebewebe kann gerettet werden. Graphik: Boehringer Ingelheim

 

Abb.: Nach einem ischämischen Schlaganfall gibt es im Gehirn zwei geschädigte Hirnareale, den Schlaganfall-Kern und die Penumbra. Die Behandlung eines Schlaganfalls zielt auf die Rettung der Penumbra ab. Je früher die Behandlung erfolgt, desto mehr Hirngebewebe kann gerettet werden. Graphik: Boehringer Ingelheim  

 

 

Literatur

  1. Hacke W et al for the ECASS investigators. Thrombolysis with alteplase 3 to 4.5 h after acute ischemic stroke. N Engl J Med; 2008; 359: 1303-09
  2. Summerskill W: Paper of the year 2008: results. The Lancet; 2009; 373: 283-4
  3. The National Institute of Neurological Disorders and Stroke rt-PA Stroke Study Group. N Engl J Med 1995; 333: 1581–7
  4. Hacke W et al. Association of outcome with early stroke treatment: pooled analysis of ATLANTIS, ECASS, and NINDS rt-PA stroke trials. The Lancet 2004; 363: 768–74
  5. Wahlgren N, et al. Thrombolysis with alteplase for acute ischaemic stroke in the Safe Implementation of Thrombolysis in Stroke-Monitoring Study (SITS-MOST): an observational study. The Lancet 2007; 369: 275–82
  6. Actilyse® Summary of Product Characteristics 2007. Verfügbar unter: http://emc.medicines.org.uk/emc/assets/c/html/DisplayDoc.asp?DocumentID=308
  7. Qualitätssicherung in der Schlaganfallbehandlung Nordwestdeutschland. Data on file

 

 

Downloads zur weiteren Information

 

 

Folien zum Referat Prof. Dr. Werner Hacke.pdf Prof. Dr. Werner Hacke.pdf (508.67 KB)

 

Folien zum Referat Prof. Dr. Martin Grond.pdf Prof. Dr. Martin Grond.pdf (355.91 KB)

 

 

Hintergrund_Schlaganfall.pdf Hintergrund_Schlaganfall.pdf (499.44 KB)

 

Hintergrund_Actilyse.pdf Hintergrund_Actilyse.pdf (111.21 KB)

 

 


 

Quelle: Satellitensymposium der Firma Boehringer Ingelheim zum Thema „Neue Schlaganfall-Studien: Lektionen für die Praxis“ und Presselunch „Neue Chancen in der Schlaganfall-Akuttherapie“, 26. Arbeitstagung für Neurologische Intensiv- und Notfallmedizin (ANIM), Leipzig, 23.01.2009  (HealthCom) (tB).

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