MEDIZIN

DOC-CHECK LOGIN

Geburt war schon bei Neandertalern schwierig

 

Zürich, Schweiz (8. September 2008) – Neandertaler hatten bei der Geburt ein ähnlich grosses Gehirn wie wir Menschen. Nach der Geburt wuchs ihr Gehirn hingegen schneller als beim Homo sapiens und wurde auch grösser. Trotzdem verlief die individuelle Lebensspanne ebenso langsam wie beim modernen Menschen. Diese neuen Einsichten in die menschliche Evolutionsgeschichte präsentieren Forschende der Universität Zürich nächste Woche im Journal "Proceedings of the National Academy of Sciences PNAS".

 

Abb. 1: Computerunterstützte Rekonstruktion der Skelette von Neandertaler-Kindern. Links das Mezmaiskaya.Baby und rechts ein 19-monatiges Kind. Photo: Ch. Zollikofer.

Abb. 1: Computerunterstützte Rekonstruktion der Skelette von Neandertaler-Kindern. Links das Mezmaiskaya.Baby und rechts ein 19-monatiges Kind. Photo: Ch. Zollikofer.

 

 

Dr. Marcia Ponce de León und Prof. Christoph Zollikofer vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich untersuchten die Geburt und die Gehirnentwicklung an einem Neandertaler-Neugeborenen aus der Mezmaiskaya-Höhle in der Krim. Dieses Neandertalerkind, das kurz nach der Geburt starb, war offensichtlich so sorgfältig begraben worden, dass es nach etwa 40.000 Jahren Ruhezeit in den eiszeitlichen Höhlensedimenten wohlbehalten geborgen werden konnte.

 

Der bis heute einzige wirklich gut erhaltene Fund eines neugeborenen fossilen Menschenartigen liefert neue Erkenntnisse, wie sich im Lauf der Evolution die sehr spezielle Art der menschlichen Individualentwicklung herausgebildet hat. Dr. Marcia Ponce de León und Prof. Zollikofer rekonstruierten das Skelett am Computer aus 141 Einzelteilen. Sie stellten fest, dass sein Gehirn bei der Geburt genau so gross war, wie das eines typischen menschlichen Neugeborenen. Es hatte ein Volumen von etwa 400 Kubikzentimetern. Das Skelett war aber bedeutend robuster ausgebildet als das eines modernen menschlichen Neugeborenen.

Um die Frage zu klären, ob der Kopf eines Neandertaler-Babys wie beim Menschen bei der Geburt gerade noch durch den Geburtskanal des mütterlichen Beckens passt, rekonstruierten sie ein weibliches Neandertalerbecken, das bereits in den 1930er Jahren gefunden wurde. So gelang es, den Geburtsprozess zu simulieren. Die Computerrekonstruktion zeigt, dass der Geburtskanal dieser Frau breiter war als der einer Homo sapiens-Mutter, der Kopf des Neandertaler-Neugeborenen aber wegen seines relativ robusten Gesichts etwas länger als der eines menschlichen Neugeborenen. Somit war bei den Neandertalern die Geburt wohl ähnlich schwierig wie bei unserer eigenen Art. "Wahrscheinlich handelt es sich bei der Neugeborenen-Gehirngrösse von 400 Kubikzentimetern um ein evolutionäres Geburtslimit, das bereits beim letzten gemeinsamen Vorfahr von Mensch und Neandertaler erreicht worden war" folgert Zollikofer. "Das würde bedeuten, dass wir bereits seit 500.000 Jahren einen hohen evolutionären Preis in Form von Geburtsproblemen für unser grosses Gehirn zahlen."

Um die Entwicklung nach der Geburt zu studieren, untersuchten die Forschenden zusätzlich zum Mezmaiskaya-Neugeborenen weitere Neandertaler-Kinder bis zu einem Alter von etwa 4 Jahren. Erstaunlich ist, dass das Neandertaler-Gehirn während der Kindheit noch schneller wuchs als dasjenige des Homo sapiens. Bis jetzt ging man davon aus, dass die Folge des schnellen Wachstums eine kürzere Lebensspanne und eine hohe Sterblichkeit war nach dem Motto "live fast – die young". Die neuen Untersuchungen zeigen aber, dass das Neandertaler-Gehirn zwar schneller wuchs als unseres, aber auch im Schnitt ein grösseres Erwachsenenvolumen erreichen musste. Somit ist die Dauer des Hirnwachstums bei beiden Menschenarten gleich.

Abb. 2: Virtuelle Rekonstruktion einer Neandertaler-Geburt, basierend auf den Funden des Mezmaiskaya-Babys und der Tabun-Frau. Photo: Ch. Zollikofer.

Abb. 2: Virtuelle Rekonstruktion einer Neandertaler-Geburt, basierend auf den Funden des Mezmaiskaya-Babys und der Tabun-Frau. Photo: Ch. Zollikofer.

 

Das grosse Gehirn hatte Folgen für die Lebensgeschichte (Schwangerschaft, Geschlechtsreife, Lebenserwartung) der Neandertaler. Damit Kinder rasch ein grosses Gehirn entwickeln, brauchen sie zusätzliche Energie und Nahrung, die die Mütter liefern. Dazu waren nur Mütter in der Lage, die selber die nötige Konstitution entwickelt hatten. Dadurch hatten sie etwas später ihr erstes Kind. Vergleicht man nun die gesamte Lebensgeschichte eines durchschnittlichen Neandertalers mit derjenigen eines modernen Menschen, ergibt sich ein Bild, das erheblich von der Lehrmeinung abweicht: die Entwicklung der Neandertaler war wohl ebenso langsam wie die des modernen Menschen, wenn nicht sogar etwas langsamer.

Trotz bedeutender körperlicher Unterschiede zwischen Mensch und Neandertaler seit der Geburt gehorchen letztlich beide Arten denselben Einschränkungen, die uns die Gesetze der Physiologie, Entwicklung und Evolution auferlegen. "Was Geburt, Hirnentwicklung und Lebensgeschichte angeht, sind wir einander erstaunlich ähnlich", sagt Dr. Ponce de León.

Kontakte
Dr. Marcia S. Ponce de León, Anthropologisches Institut, Universität Zürich,
+41 44 635 54 27
E-Mail: marcia@aim.uzh.ch

Prof. Dr. Christoph Zollikofer, Anthropologisches Institut, Universität Zürich
+41 44 635 54 27?
E-Mail: zolli@aim.uzh.ch


 

Quelle: Pressemitteilung der Universität Zürich vom 08.09.2008 (tB).

MEDICAL NEWS

Perinatal patients, nurses explain how hospital pandemic policies failed them
Johns Hopkins Medicine expert creates comprehensive guide to new diabetes…
An amyloid link between Parkinson’s disease and melanoma
Ultrasensitive, rapid diagnostic detects Ebola earlier than gold standard test
Paranoia therapy app SlowMo helps people ‘slow down’ and manage…

SCHMERZ PAINCARE

Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern
Wenn Schmerzen nach einer OP chronisch werden
Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2021 – ONLINE: Schmerzmediziner, Politiker und…
Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2021 – ONLINE: COVID-19-Pandemie belastet Schmerzpatienten…

DIABETES

„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ meldet…
Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes gehören nicht zur Risikogruppe und…
Neue Studie will Entstehung von Typ-1-Diabetes bei Kindern verhindern
Toujeo®: Ein Beitrag zu mehr Sicherheit für Menschen mit Typ-1-Diabetes
Diabeloops Ziel: Baldige Marktpräsenz mit ​individuellen Lösungen zum Diabetes-Management für​ verschiedene…

ERNÄHRUNG

DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren
Gesundheitliche Auswirkungen des Salzkonsums bleiben unklar: Weder der Nutzen noch…

ONKOLOGIE

Leberkrebs: Bei welchen Patienten wirkt die Immuntherapie?
Konferenzbericht vom virtuellen Münchener Fachpresse-Workshop Supportive Therapie in der Onkologie
Wie neuartige Erreger die Entstehung von Darmkrebs verursachen können
Onkologische Pflegekräfte entwickeln Hörspiel für Kinder: Abenteuer mit Alfons
Krebsüberleben hängt von der Adresse ab

MULTIPLE SKLEROSE

Multiple Sklerose: Salzkonsum reguliert Autoimmunerkrankung
Erste tierexperimentelle Daten zur mRNA-Impfung gegen Multiple Sklerose
Multiple Sklerose: Immuntherapie erhöht nicht das Risiko für schweren COVID-19-Verlauf
Empfehlung zur Corona-Impfung bei Multipler Sklerose (MS)
Fallstudie: Beeinflusst SARS-CoV-2 Infektion die Multiple Sklerose?

PARKINSON

Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung
Neuer Bewegungsratgeber unterstützt Menschen mit M. Parkinson durch Yoga
Covid-19-Prävention: besondere Vorsicht bei Patienten mit der Parkinson-Krankheit
Neue Studie zur tiefen Hirnstimulation bei Parkinson-Erkrankung als Meilenstein der…