Lysosomale Speicherkrankheiten:

Eine Einführung

 

Von Prof. Dr. med. S. vom Dahl, Köln

 

Wiesbaden (16. April 2007) – Die etwa fünfzig bisher bekannten lysosomalen Speicherkrankheiten sind genetisch bedingte Stoffwechsel-Störungen. Zugrunde liegt in der Regel ein Enzymdefekt beim Abbau eines Sphingolipids oder Glykogen, der zur lysosomalen Speicherung des entsprechenden Lipids bzw. von Glykogen führt. Die lysosomalen Speicher-Krankheiten gehören zwar zu den seltenen Erkrankungen („orphan diseases"), sind aber unter den seltenen Stoffwechselkrankheiten mit einer Frequenz von 1 ‑ 3 pro 100.000 Einwohner recht häufig. Sie werden in der Regel autosomal‑rezessiv vererbt. Abortive Formen dieser Erkrankungen werden oft zu spät oder gar nicht diagnostiziert. Zwischen den ersten Symptomen und der Diagnose vergehen meist 5‑10 Jahre, u. a. auch, weil immer noch nicht allgemein bekannt ist, dass einige der lysosomalen Speicherkrankheiten inzwischen gut behandelbar sind. Hierzu gehören die Sphingolipidosen (u.a. M. Gaucher und M. Fabry), die Mukopolysaccharidosen (Typ I ‑ M. Hurler, Typ II ‑ M. Hunter sowie Typ VI M. Maroteaux‑Lamy) sowie die Glykogenose Typ II (M. Pompe). Pathophysiologisches Prinzip der derzeit verfügbaren etablierten medikamentösen Behandlungsformen dieser Erkrankungen ist entweder die Verhinderung der weiteren Akkumulation der jeweiligen Substanz (Substratregulationstherapie) oder die Förderung des Abbaus der jeweiligen Speichersubstanz (Enzymersatztherapie).

 

Beim adulten M. Gaucher liegen neben Panzytopenie und Hepatosplenomegalie schwere invalidisierende Knochenveränderungen vor. Diese Symptome können mit der intravenösen Enzymersatztherapie mit Imiglucerase behandelt werden. Innerhalb von mehreren Jahren kommt es zu einer Verbesserung oder Normalisierung der Organgröße und der Panzytopenie sowie zur Verbesserung des Knochenbefalls. Bei Kindern mit Gedeihstörungen führt die Enzymersatztherapie in der Regel zu einem Wachstumsschub. Die Prognose ist bei rechtzeitiger Behandlung gut. Die neurologischen Manifestationen der Erkrankung lassen sich mit der Enzymersatztherapie allerdings nicht behandeln.

 

Der M. Fabry manifestiert sich oft mit massiven Extremitätenschmerzen, ist in nicht seltenen Fällen der Grund für ein chronisches Nierenversagen, eine KHK oder einen Schlaganfall in jungen Jahren und kann ebenfalls mittels Enzymersatztherapie behandelt werden. Neben einer symptomatischen Besserung kann die renale Progression dieser Erkrankung oft aufgehalten werden.

 

Für die Mukopolysaccharidose Typ I ist eine rekombinante intravenöse Enzymersatztherapie zugelassen. Lungenfunktion, Hepatomegalie und Gelenkbeweglichkeit der kleinen Patienten werden hierdurch verbessert, die intellektuellen Defizite lassen sich jedoch nicht beeinflussen.

 

Gute Erfolge hat eine Enzymersatztherapie auch beim M. Pompe, der Glykogenose Typ II. Früh eingesetzt, können schwere Muskelhypotonie („floppy infant") und respiratorisches Versagen vermieden werden.

 

Die Substratregulationstherapie mit Miglustat, d.h. die Verhinderung der weiteren Akkumulation des bei M. Gaucher, aber z.B. auch bei M. NiemannPick Typ C gespeicherten Glykosphingolipids, stellt inzwischen eine Behandlungsalternative für Patienten mit M. Gaucher dar und befindet sich für die Indikation M. Niemann‑Pick Typ C in der klinischen Prüfung (Zulassungsantrag wurde bereits eingereicht). Da Miglustat ein so genanntes „kleines Molekül" ist, passiert es die Blut‑Hirn‑Schranke. Möglicherweise könnten damit auch neurologische Symptome, die sich mit der Enzymersatztherapie nicht behandeln lassen, in Zukunft therapiert werden. Bei Patienten mit M. Gaucher scheint die Substratregulationstherapie vor allem Vorteile hinsichtlich der Therapie von Knochensymptomen und Knochenschmerzen zu bieten.

 

Die Erfassung von Daten zur Wirksamkeit und/oder Sicherheit von „orphan drugs" in krankheitsspezifischen Registern ist in manchen Ländern obligat, z.B. auch im Rahmen von Zulassungsauflagen für neue Substanzen. Diese Register sind eine große Hilfe bei der Gewinnung neuer Erkenntnisse über seltene Erkrankungen und ihre Therapie auch im Langzeitverlauf.

 

 

Keyslides des Vortrages:

 

Dahl_1.jpg

 

Abb. 1: Glukozerebrosidstoffwechsel.

 

 

Dahl_2.jpg

 

Abb. 2: EU Orphan Drug Act 2000.

 

 

Dahl_3.jpg

 

Abb. 3: Erste Erfahrungen mit Miglustat in Deutschland.

 

Dahl_4.jpg

 

Abb. 4: Erfahrungen mit Miglustat nach 3 Monaten.

 


Quelle: Satelliten-Symposium der Firma Actelion Pharmaceuticals Deutschland zum Thema “Lyosomale Speicherkrankheiten im Fokus – viele Gesichter einer Gruppe seltener Erkrankungen“ anlässlich des 113. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DEGIM) am 16.04.2007 in Wiesbaden (CGC – Cramer-Gesundheits-Consulting).

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung