Krebs – eine unterschätzte finanzielle Herausforderung

 

Heidelberg (12. Mai 2021) — Krebserkrankungen sind nicht nur die zweithäufigste Todesursache und verantwortlich für einen erheblichen Verlust an Lebensqualität der Patienten. Sie haben für die Betroffenen auch weitreichende sozioökonomische Folgen. Eine neue Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums zeigt jetzt erstmals auf der Basis einer großen repräsentativen Stichprobe, dem Sozio-oekonomischen Panel, dass Krebspatienten mit durchschnittlich 26 bis 28 Prozent Einkommensverlusten schon innerhalb des ersten Jahres nach Diagnose zurechtkommen müssen.

Nach einer Krebsdiagnose stehen den Betroffenen oft langwierige Behandlungen bevor. Die Therapien haben nicht nur in der Summe zum Teil erhebliche Zuzahlungen zur Folge, sondern gehen zugleich damit einher, dass die meisten Patienten über längere Zeiträume nicht im gewohnten Umfang ihrer Arbeit nachgehen können.

Gesundheitsökonomen am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) analysierten nun, wie hoch die Einkommensausfälle nach einer Krebsdiagnose bei deutschen Patienten tatsächlich ausfallen. Dazu nutzen sie die Daten des Sozio-oekonomischen Panels* aus den Jahren 2009 bis 2015. Mit Hilfe ökonometrischer Methoden konnten sie erstmals den Effekt einer Krebserkrankung isoliert von anderen Einflussgrößen wie Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen, Bildungsniveau, Beruf und Rolle im Haushalt bestimmen.

Die DKFZ-Wissenschaftler errechneten, dass Betroffene im Jahr ihrer Krebsdiagnose im Durchschnitt mit einem Rückgang ihrer Gehälter bzw. ihres Einkommens aus selbstständiger Arbeit zwischen 26 und 28 Prozent rechnen müssen. Über einen Zeitraum von vier Jahren hinweg gelang es den Betroffenen nicht, ihr altes Einkommensniveau wieder zu erreichen. Im Jahr der Krebsdiagnose reduzierte sich die Arbeitszeit um durchschnittlich 24 Prozent. Wenn dagegen die Krebserkrankung erst nach Erreichen des Rentenalters diagnostiziert wurde, hatten die Betroffenen keine Einbußen in der Höhe ihrer Altersbezüge.

„Insbesondere für berufstätige Menschen bedeutet eine Krebserkrankung vielfach eine erhebliche finanzielle Herausforderung aufgrund von Einkommensverlusten”, sagt Studienautor Diego Hernandez vom DKFZ. Er gibt darüber hinaus zu bedenken, dass sich für die Betroffenen die Einkommensausfälle und die reduzierte Arbeitszeit auch spürbar auf das Niveau der zukünftigen Renten auswirken.

Studienleiter Michael Schlander vom DKFZ kommentiert: „Hinzu kommen für die Patienten oftmals erhebliche Zuzahlungen beispielsweise für notwendige Medikamente, begleitende Psychotherapien, Krankentransporte und Medizinprodukte, die aus eigener Tasche zu bezahlen sind. Auch wenn in Deutschland mit seiner breiten und umfassenden Krankenversicherung Betroffene seltener als in vielen anderen Teilen der Welt in existenzbedrohende wirtschaftliche Situationen abrutschen, dürfen die mit einer Krebs-erkrankung verknüpften finanziellen Risiken für die Betroffenen und ihre Familien nicht unter-schätzt werden.“

Michael Schlander weiter: „Die Ergebnisse der Studie zeigen einen durchaus dramatischen Effekt, wenn man bedenkt, dass die errechneten Durchschnittszahlen die individuellen Unterschiede in der Betroffenheit verdecken. Wir werden deshalb am DKFZ, zusammen mit anderen Arbeitsgruppen, die Forschung zu besonders vulnerable Patientengruppen mit hoher Priorität weiterführen.“

 

Anmerkung

* Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine der größten und am längsten laufenden multidisziplinären Panelstudien weltweit, für die derzeit jährlich in ganz Deutschland etwa 30.000 Menschen in knapp 15.000 Haushalten befragt werden. Das SOEP-Daten werden am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin so aufbereitet, dass Wissenschaftler auf der ganzen Welt sie nutzen können.

 

 

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können.
Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, interessierte Bürger und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs.
Gemeinsam mit Partnern aus den Universitätskliniken betreibt das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) an den Standorten Heidelberg und Dresden, in Heidelberg außerdem das Hopp-Kindertumorzentrum KiTZ. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums an den NCT- und den DKTK-Standorten ist ein wichtiger Beitrag, um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Krebspatienten zu verbessern.
Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

 

 

Originalpublikation

  • Diego Hernandez und Michael Schlander: Income Loss After a Cancer Diagnosis in Germany: An Analysis Based Upon the Socio-Economic Panel Survey. Cancer Medicine 2021, DOI: 10.1002/cam4.3913

 

 


Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum, 12.05.2021 (tB).

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