Virtueller Münchener Fachpresse-Workshop

Neues zur onkologischen Supportiv- und Misteltherapie und aktuelle Kongress-Highlights zum Ovarialkarzinom

 

München (22. Juli 2020) — Seit 1. Mai 2020 läuft das Konsortialprojekt OnCoPaTh zur Verbesserung der Versorgung von nicht heilbaren Krebspatienten. Einer der Initiatoren, Dr. Manfred Welslau, Aschaffenburg, stellte das Projekt am FPWS vor. Mit zu OncoCoaches ausgebildeten Pflegekräften soll eine Steigerung der Patientenkompetenz, die Verbesserung von Lebensqualität und Selbstbestimmung der Patienten, eine verbesserte interdisziplinäre Zusammenarbeit und die frühe Integration einer palliativen Begleitung erreicht werden. Die Misteltherapie und vor allem ihr möglicher Einfluss auf das Überleben werden in der Fachwelt kontrovers diskutiert, ein häufig geäußerter Kritikpunkt ist die mangelnde Qualität der Studiendaten. Eine Meta-Analyse auf breiter und qualitativ hochwertiger Datenbasis zum Einfluss des fermentierten Mistelextrakts Iscador hat Prof. Thomas Ostermann, Witten/Herdecke, durchgeführt, der die Methoden und positiven Ergebnisse der soeben publizierten Analyse vorstellte. Zwar wegen der Covid-19 Pandemie virtuell, aber nicht weniger aktuell, brachten die Jahreskongresse der Society of Gynecologic Oncology (SGO) und der American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2020 einige relevante Neuigkeiten zur Therapie des Ovarialkarzinoms, die PD Dr. Beyhan Ataseven, Essen, zusammenfasste. Neben neuen Erkenntnissen zu Voraussetzungen und Stellenwert der Rezidivoperation wurden auch einige neue Aspekte zur Therapie mit PARP-Inhibitoren wie Niraparib (Zejula®) präsentiert – sowohl in der Rezidiv- als auch der Primärtherapie. Prof. Petra Feyer, Berlin, widmete sich der Supportivtherapie, jenem nicht zu vernachlässigenden Bestandteil der Onkologie, der viele onkologische Therapien erst durchführbar macht. Prominentestes Beispiel ist die Antiemese. Eine bequeme und im klinischen Alltag wirksame Prophylaxe von Übelkeit und Erbrechen unter Chemotherapie ermöglicht die Fixkombination aus dem NK1-Rezeptorantagonistren (RA) Netupitant und dem 5-HT3-RA Palonosetron NEPA (Akynzeo®) wie eine beim ASCO20 Virtual präsentierte prospektive Beobachtungsstudie demonstrierte.

Aufgrund der demographischen Entwicklung in Deutschland steigt die Zahl der Menschen mit einer Krebserkrankung, wobei bei vielen Tumorerkrankungen eine Chronifizierung zu beobachten ist, sodass immer mehr Patienten deutlich länger mit ihrer Erkrankung leben. Mit dem Ziel einer personalisierten Tumortherapie werden auch Diagnostik und Therapie immer komplexer und aufwendiger. „Allerdings nehmen die Fachärzte nicht in dem Maße zu wie die Patientenzahlen, dazu kommt der Pflegekräftemangel“, schilderte Dr. Manfred Welslau, Aschaffenburg, das Dilemma. Die Tumorpatienten auf der anderen Seite fühlen sich durch ihren Onkologen nicht ausreichend aufgeklärt, die Qualität der Gespräche ist häufig mangelhaft. „Dabei sind die Gespräche nicht zu kurz, sondern zu unprofessionell. Sie überfordern den Patienten mit der Faktenfülle, vernachlässigen deren Stresssituation – die relevanten Informationen kommen beim Patienten nicht an“, so Welslau. Außerdem wünschten sich Patienten ausführlichere Informationen zu Therapiealternativen und ganzheitlichen Konzepten.

 

OncoCoaching – Besondere Bedeutung der Pflegekräfte

Der Verein Arbeitskreis klinische Studien e. V. (AKS) in Frankfurt am Main bietet daher regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen für Pflegende zum sogenannten OncoCoach an. Die Fortbildungen sind von der Landesärztekammer Hessen zertifiziert. „Beim Onco-Coaching“-Konzept haben wir ein innovatives Betreuungsmodell, das auf der Delegation nicht-ärztlicher Leistungen an eine geschulte Pflegekraft – den OncoCoach – beruht“, erklärte Welslau. Dieser begleitet die Patienten in Ergänzung zum therapieführenden Arzt in strukturierten und bedarfsorientierten Gesprächen durch die Therapie. Der OncoCoach stellt so sicher, dass der Patient die Diagnose, die Therapiemaßnahmen und mögliche Nebenwirkungen ausreichend verstanden hat und kein weiterer Klärungsbedarf besteht. „Dieses ambulante professionelle Betreuungssystem stärkt die individuelle Kompetenz und Entscheidungsfähigkeit der Patienten“, erläuterte Welslau.

Das Coaching-Konzept baut auf den Ergebnissen der PACOCT-Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (WINHO) auf, die gezeigt hatte, dass Tumorpatienten in ambulanter Behandlung von einem Edukationsprogramm durch speziell geschulte Oncology Nurses profitierten (Welslau M et al. J Clin Oncol 2016; 34: no. 15_suppl: 6517-6517). Die Patienten hatten ein höheres therapiebezogenes Wissen und bessere Selbstwirksamkeitswerte. Diese seien besonders wichtig für Patienten mit einer Krebserkrankung, um nicht das Gefühl zu haben, der Situation hilflos ausgeliefert zu sein, so Welslau. Die Studie erzielte durch die strukturierte Schulung von onkologischen Patienten auch positive Einflüsse auf Beschwerden und Therapieunterbrechungen im Vergleich zu nicht geschulten Patienten.

 

Neue Wege für hohe Versorgungsqualität: OnCoPaTh

Um das Projekt OncoCoaching auf wissenschaftliche Beine zu stellen, entschlossen sich die Initiatoren des Projekts, Prof. Hans Tesch, Frankfurt, und Dr. Welslau im März 2018 einen Antrag zur Förderung für den innovativen Ansatz des OncoCoachings beim Innovationsfond einzureichen, wobei der AKS als Konsortialführer fungierte. Projektkoordination und Antragsstellung übernahm die DMMP Vertrieb und Dienstleistungen im Gesundheitswesen GmbH & Co. KG. „So entstand das Projekt OnCoPaTh – OncoCoaching und frühe Palliative Begleitung als patientenzentrierte Versorgungselemente in der Therapie nicht heilbarer Krebserkrankungen, das am 1. Mai 2020 planmäßig mit der Projektarbeit startete“, berichtete Welslau.

Mit OnCoPaTh soll gezeigt werden, inwieweit die Begleitung der Patienten durch OncoCoaches und die frühe Einbindung von spezialisierten Palliativpflegefachkräften die Patientenkompetenz steigern, die Lebensqualität verbessern und auch Notfallsituationen mit Krankenhauseinweisungen von Patienten mit neu diagnostizierten Fernmetastasen verringern kann. 30 Studienzentren aus Hessen und angrenzenden Regionen sollen sich beteiligen und insgesamt 1.800 Patienten einschließen. Hierzu werden rund 60 onkologische FachassistentInnen zu OncoCoaches weitergebildet. Darüber hinaus soll eine gesundheitsökonomische Auswertung zeigen, dass diese neue Versorgungsform kosteneffizient ist. So sei ein wichtiges Ziel des Projektes, dass die Leistungen von OncoCoaches und Palliativpflegefachkräften zukünftig als Regelleistung abrechenbar werden, erklärte Welslau. Schließlich seien diese das Kernelement der neuen Versorgungsform in der ambulanten onkologischen Versorgung.

 

Metaanalyse zur Misteltherapie in der Onkologie – ein Update

Seit über 100 Jahren kommt in der Krebsbehandlung die Misteltherapie zum Einsatz. Sie soll konventionelle Therapien ergänzen und als supportive Maßnahme die Überlebenszeit von PatientInnen erhöhen und dabei helfen, die klassischen Therapien besser zu tolerieren, wie Prof. Thomas Ostermann, Witten/Herdecke, erläuterte. Allerdings unterscheiden sich die Mistelpräparate verschiedener Produzenten u.a. im Herstellungsprozess. „Die Mistelbestandteile und ihre Konzentration ist in verschiedenen Präparaten vollkommen unterschiedlich, deshalb ist es sinnvoll sich bei einer Metaanalyse zu Wirkung auf ein Präparat zu beschränken, sonst vergleicht man die berühmten Äpfel und Birnen“, erklärte Ostermann.

 

Beschränkung auf Analyse von Studien zu fermentiertem Mistel-Extrakt

Iscador ist das einzige Mistelpräparat, das fermentiert wird, um die pharmakologisch relevanten Inhaltsstoffe zu extrahieren. Ostermanns aktualisierte Metaanalyse von klinischen Studien zur Misteltherapie beschränkt sich auf Studien mit diesem fermentierten Mistel-Extrakt. Bereits 2009 (Ostermann T, Raak C, Büssing A. BMC Cancer 2009;9:451) und 2012 (Ostermann T, Büssing A. Explore (NY) 2012;8:277-81) hatte Ostermann eine erste Metaanalyse durchgeführt, die sich auf das Überleben von Krebspatienten konzentrierte, die mit dem fermentiertem Mistelextrakt (Iscador) behandelt wurden und einen positiven Effekt nachweisen konnte. 2019 kam ein Review zu dem Schluss, dass sich in den meisten Studien kein Effekt von Mistelpräparaten auf das Überleben nachweisen lasse, vor allem nicht in hoch-qualitativen Studien. (Freuding M et al. J Cancer Res Clin Oncol 2019;145:695-707).

 

Breite Datenbasis 

Aus diesem Grund führte Ostermann erneut eine Metaanalyse durch, die die klinischen Belege für die Wirkung von fermentiertem Mistelextrakt auf die Überlebenszeit auf den aktuellen Stand bringen sollte (Ostermann T et al. Complement Med Res 2020; 1-12. Online ahead of print, DOI:10.1159/000505202). Studien aus der früheren Metaanalyse wurden aufgrund identischer Suchbegriffe ebenfalls einbezogen. Die Studienqualität und das Verzerrungsrisiko wurden gemäß der Cochrane-Leitlinien und der Newcastle-Ottawa-Skala beurteilt. 82 kontrollierte Studien erfüllten die Einschlusskriterien, von denen 32 aus dem Zeitraum von 1963 bis 2014 mit 55 Strata Daten für die Ermittlung der Hazard Ratio (HR) und der Konfidenzintervalle (KI) lieferten. Ausgeschlossen wurden Studien ohne Kontrollgruppe, Fallberichte, Übersetzungen bereits veröffentlichter Manuskripte, Abstracts, bei denen eine Veröffentlichung in voller Länge durchgeführt wurde, doppelte Veröffentlichungen derselben Daten (ausgenommen Veröffentlichungen, die über weitere Daten berichteten), Veröffentlichungen, die über Zwischenanalysen berichteten, als die Gesamtergebnisse in einer anderen Veröffentlichung veröffentlicht wurden, interne und unveröffentlichte Berichte sowie Studien, bei denen die Kontrollgruppe auch die Iscador-Behandlung erhielt.

 

Meta-Analyse bestätigt positiven Einfluss auf breiter und qualitativ hochwertiger Datenbasis

Die ausgewählten 32 Studien umfassten insgesamt 13.745 Patienten. Insgesamt betrug die HR 0,59 (95 %-KI: 0,53-0,65; p < 0,0001) zugunsten der Iscador-Behandlung. Die Heterogenität der Studienergebnisse war moderat (Heterogenitätsindex I2 = 50,9 %; p < 0,0001; τ2 = 0,053). Die Meta-Regression zeigte keinen signifikanten Einfluss des Stichprobenumfangs oder des Studiendesigns. Zwischen den Krebsarten wurden signifikante Unterschiede (p < 0,01) festgestellt, mit den stärksten positiven Effekten bei Gebärmutterhalskrebs (HR = 0,43) und schwächeren positiven Effekten bei Lungenkrebs (HR = 0,84). Informationen zur Verblindung von TeilnehmerInnen und Personal war nahezu nicht vorhanden, was ein hohes Risiko für Verzerrungen darstelle, ergänzte Ostermann, der auch auf das grundsätzliche Problem der Verblindung der Prüfärzte in Bezug auf die Intervention bei der Misteltherapie hinwies, da Lokalreaktionen an der Einstichstelle unvermeidbar seien.

Insgesamt unterstrichen die durch die aktualisierte Metaanalyse erhobenen Daten, dass eine adjuvante Therapie mit dem Mistelextrakt Iscador mit einem besseren Überleben verbunden sein kann, so Ostermann, wobei diese bei verschiedenen Tumorentitäten eine unterschiedliche Wirksamkeit hinsichtlich einer Beeinflussung des Überlebens aufweisen könne. „Die Forschung zur Mistel muss auf Basis der evidenzbasierten Medizin weitergeführt werden“, so Ostermann abschließend.

 

Update Ovarialkarzinom vom SGO-Kongress 2020 – Subgruppenanalysen aus Firstline-Studien

Relevante Neuigkeiten zur Therapie des Ovarialkarzinoms von den virtuell abgehaltenen Jahreskongressen der SGO und der ASCO (ASCO20 Virtual) fasste PD Dr. Beyhan Ataseven, Essen, zusammen. Auf dem SGO 2020 wurden verschiedene Subgruppenanalysen aus den bereits publizierten Studien zur Erstlinien-Erhaltungstherapie mit PARP-Inhibitoren – der PRIMA-, PAOLA- und der VELIA-Studie – gezeigt. Eine Analyse der PRIMA-Studie nach BRCA-Mutations- und HRD-Status zeigte auf, dass BRCA2Mutationsträgerinnen per se einen etwas besseren Krankheitsverlauf haben als Patientinnen mit einer BRCA1-Mutation. In beiden Subgruppen war die Erhaltungstherapie mit Niraparib (Zejula®) in der Primärtherapie jedoch ähnlich wirksam und reduzierte das Risiko für Krankheitsprogression oder Tod um 61 % (BRCA1-mut) bzw. 65 % (BRCA2-mut). Außerdem profitierten alle untersuchten Subgruppen (BRCA-mutiert, BRCA-Wildtyp, mit Defekt der homologen Rekombination (HRD-positiv) und HR-kompetente Patientinnen (HRD-negativ)) von der Erhaltungstherapie mit Niraparib (Monk BJ et al. SGO Annual Meeting 2020, Webinar #2 und Abstract 31).

Eine Analyse der PAOLA-Studie nach OP-Zeitpunkt und Tumorrest nach der Operation zeigte, dass die Erhaltungstherapie mit Olaparib plus Bevacizumab unabhängig von der Art der Operation (Primär- oder Intervall-OP) und dem Tumorrest den Outcome verbesserten, wobei Patientinnen ohne Tumorrest nach Primär-OP am meisten von der dualen Erhaltung profitieren (Grimm C et al. SGO Annual Meeting 2020, Abstract 34). Ein populationsadjustierter indirekter Vergleich der SOLO1- und der PAOLA-Studie kam zu dem Ergebnis, dass Patientinnen mit BRCA-Mutation am stärksten von einer Erhaltungstherapie mit Olaparib und Bevacizumab profitieren, wobei für diese Kombination in Europa keine Zulassung besteht, wie Ataseven betonte (Vergote I et al. SGO Annual Meeting 2020, Abstract 35). Während Olaparib für die Erhaltungstherapie in der Primärtherapie des Ovarialkarzinoms auf Basis der SOLO1-Daten (Moore K et al. N Engl J Med 2018;379:2495-2505) nur bei Patientinnen mit BRCA-Mutation zugelassen ist, erfolgte die FDA-Zulassung von Niraparib in den USA für die Erhaltungstherapie nach Ansprechen auf die platinhaltige Chemotherapie in der Erstlinie ohne jede Einschränkung hinsichtlich molekularer Marker, berichtete Ataseven. Eine EMA-Zulassung von Niraparib für die Erhaltungstherapie in der Erstlinie steht noch aus.

 

Patientinnen können von Rezidivoperation profitieren

Im Rahmen des ASCO20 Virtual wurden Ende Mai eine Reihe von interessanten Daten zur Rezidivtherapie des Ovarialkarzinoms präsentiert. „Praxisrelevant sind sicherlich die finalen Ergebnisse zum Gesamtüberleben der AGO Desktop III/ENGOT-ov20-Studie, denn sie definieren den Stellenwert einer sekundären zytoreduktiven Operation beim ersten Rezidiv neu“, kommentierte Ataseven. Bei Patientinnen mit positivem AGO-Score und einem mindestens 6-monatigen platinfreien Intervall konnte eine signifikante Verlängerung des Gesamtüberlebens (OS) durch die Rezidivoperation gezeigt werden, wobei der OS-Vorteil durch die erneute OP nur bei den Patientinnen mit einer Komplettresektion beobachtet wurde. (Du Bois A et al. J Clin Oncol 2020; 38: (suppl; abstr 6000)) „Wichtig ist also die Patientinnenselektion und die Wahl eines spezialisierten Zentrums für die Rezidivoperation“, fasste Ataseven zusammen. Gestützt werden die Ergebnisse von der ebenfalls auf dem ASCO gezeigten SOC-1-Studie (Zang R et al. J Clin Oncol 2020; 38: (suppl; abstr 6001). Eine zusätzliche hypertherme intraperitoneale Chemotherapie (HIPEC) während der Rezidivoperation kann die Prognose der Patientinnen nicht weiter verbessern, dies zeigte eine diesbezügliche Phase-II-Studie (Zivanovic O et al. J Clin Oncol 2020; 38: (suppl; abstr 6016)).

 

PARP-Erhaltungstherapien

Außerdem wurden zum ASCO20 Virtual zum ersten Mal Daten zum OS von Frauen mit rezidiviertem Ovarialkarzinom unter einer Erhaltungstherapie mit einem PARP-Inhibitor vorgestellt. Nach einem medianen Follow-Up von 5,5 Jahren zeigte sich in der SOLO2/ENGOT-ov21-Studie eine deutliche Verlängerung des medianen OS durch die Erhaltungstherapie mit Olaparib mit 51,7 Monaten gegenüber 38,8 Monaten unter Placebo, das statistische Signifikanzniveau wurde mit p=0,0537 knapp verfehlt. „Die Studie war nicht für einen Overall Survival-Benefit gepowert, aber solche Analysen mit langer Behandlungsdauer sind wichtig, denn sie liefern Hinweise, ob der anfängliche Therapieeffekt auch nach längerer Nachbeobachtung anhält“, so Ataseven. Die Verträglichkeit der Erhaltungstherapie mit Olaparib war insgesamt gut, neue Sicherheitssignale wurden nicht beobachtetet. Allerdings war die Rate an Patientinnen, die ein MDS/eine AML entwickelten, mit 8 % unter Olaparib deutlich höher als bei den Frauen, die Placebo bekommen hatten (4 %). „Das müssen wir im Auge behalten und bei hämatologischen Nebenwirkungen früh prüfen“, kommentierte Ataseven. Wichtig: In die SOLO2-Studie waren ausschließlich Patientinnen mit einem platinsensiblen Ovarialkarzinomrezidiv und einer BRCAMutation eingeschlossen (Poveda A et al. J Clin Oncol 2020; 38: (suppl; abstr 6002)).

Eher enttäuschend waren dagegen die Daten der Phase-III-Studie NRG Oncology GY004, die in der rezidivierten Situation bei Patientinnen mit platinsensitivem Ovarialkarzinomrezidiv die platinhaltige Standard-Chemotherapie mit einer Olaparib-Monotherapie und mit Olaparib in Kombination mit dem antiangiogenen Multikinase-Inhibitor Cediranib als tumoraktive Therapie verglichen hatte. Ansprechraten, progressionsfreies Überleben (PFS) und OS waren im Gesamtkollektiv allenfalls gleichwertig, nur bei der Subgruppe der BRCA-mutierten Patientinnen verbessert (Liu JFet al. J Clin Oncol 2020; 38: (suppl; abstr 6003)). Ataseven: „Die Hoffnung auf eine chemotherapiefreie Therapie wurden in der Studie enttäuscht.“

 

Enttäuschende Daten zur Immuntherapie

Im Rahmen des virtuellen SGO-Kongresses wurden enttäuschende Ergebnisse der Phase-III-Studie JAVELIN 100, die den PD-L1-Inhibitor Avelumab in Kombination mit Chemotherapie mit einer alleinigen Chemotherapie als Erstlinien-Therapie des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms verglichen hatte. Der Immuncheckpoint-Inhibitor konnte das PFS nicht verlängern, die Studie wurde vorzeitig abgebrochen und war damit eine weitere Enttäuschung für die Immuntherapie in der Behandlung des Ovarialkarzinoms (Ledermann JA et al. SGO Annual Meeting 2020, LBA 25). Auch die im Rahmen des ASCO20 Virtual präsentierten Daten zum Gesamtüberleben unter einer Monotherapie mit dem PD-1-Inhibitor Pembrolizumab in der Keynote-100-Studie zeigten nur eine moderate Wirksamkeit der Immuncheckpoint-Inhibition in der Rezidivtherapie (Matulonis UA et al. J Clin Oncol 2020; 38: (suppl; abstr 6005)). „Auch die Patienten mit einem CPS-Score über 10 haben nur etwas deutlicher profitiert – hier fehlt uns also ein Biomarker, der uns die Effektivität einer Immuntherapie anzeigt“, so Ataseven abschließend.

 

Supportivtherapie beim ASCO 2020 – wo stehen wir heute?

Ihren Anfang nahm die onkologische Supportivtherapie in der Forschung zur Prävention einer extrem belastenden Nebenwirkung zahlreicher Chemotherapieregime – der Chemotherapie-induzierten Übelkeit und Erbrechen (CINV). Mit den aktuell in nationalen und internationalen Leitlinien empfohlenen Prophylaxe-Regimen könnten selbst bei hoch emetogenen Chemotherapien (HEC) bei 75 % der Patienten Erbrechen erfolgreich vermieden werden, wie Prof. Petra Feyer, Berlin, erklärte. Die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie (AGSMO) wies darauf hin, dass im Leitlinienprogramm Onkologie neben der S3-Querschnittsleitline Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen seit 2019 auch die erweiterte S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung mit weiteren relevanten Themen zur Verfügung steht.

Aus den neuen, beim ASCO20 Virtual gezeigten Studien zur Supportivtherapie präsentierte Feyer einen Ausschnitt zu Nebenwirkungen, die die Lebensqualität der Patienten direkt und massiv beeinträchtigen können, nämlich zur Chemotherapie -induzierten peripheren Neuropathie (CIPN), zu Übelkeit und Erbrechen und zu Schluckstörungen. „Wir haben noch keine Möglichkeit der medikamentösen Prophylaxe der CIPN. Zur medikamentösen systemischen Therapie steht uns Duloxetin zur Verfügung, zur lokalen Behandlung die Kombination Baclofen, Amitriptylin und Ketamin (BAK), Mentholcreme sowie Capsaicin“, berichtete Feyer. Zur Prophylaxe von peripheren Neuropathien habe sich die Bewegungstherapie bereits gut bewährt, die Evidenz für sensomotorisches Training als Therapie nehme zu. Die Datenlage zur Prophylaxe durch Kryo- und Kompressionstherapie sei noch widersprüchlich. Der Stellenwert der Akupunktur bei Prophylaxe und Therapie sei noch nicht klar genug definiert, auch in der kommenden ESMO-Leitlinie werde es trotz positiver Signale aus Studien aufgrund methodischer Mängel in den Studien keine Empfehlung für die Behandlung der CINP geben, berichtete Feyer. Die auf dem ASCO20 Virtual präsentierte randomisierte Phase-II-Studie ACUFOCIN zeigte bei 108 Tumorpatienten (mehrheitlich mit Mammakarzinom) eine Verbesserung der CIPN-Symptome nach 10-wöchiger Akupunktur. Allerdings war die Studie unverblindet und es handelte sich um eine subjektive Bewertung durch die Patienten, kritisierte Feyer. Eine Überprüfung der Ergebnisse in einer Phase-III-Studie wäre sinnvoll (Wardley A et al. J Clin Oncol 2020; 38: (suppl; abstr 12003)).

 

CINV – leitliniengerechte Prophylaxe ist essentiell

Im Bereich der Antiemese zeigte eine Untersuchung, die die Ergebnisse einer leitliniengerechten CINV-Prophylaxe mit einer nicht-leitliniengerechten bei Patienten unter verschiedenen moderat emetogenen Chemotherapien (MEC) und HEC verglich, einen deutlichen Optimierungsbedarf bei der Leitlinientreue auf. Gemäß der von Prof. Matti Aapro vorgestellten prospektiven Beobachtungsstudie erhielten 77 % der Patienten nicht die von den Leitlinien empfohlene Antiemese (bei HEC: Dreifachprophylaxe aus NK1-Rezeptorantagonist (RA), 5-HT3-RA und Dexamethason, bei MEC: 5-HT3-RA und Dexamethason). Bei diesen Patienten war das komplette Ansprechen (kein Erbrechen, keine Notfall-Mmedikation, CR) auf die Antiemese mit 52,6 % deutlich geringer als bei den Patienten, die eine leitliniengerechte Prophylaxe erhalten hatten (62,2 %; p < 0,05). „Unser Ziel muss sein, diese Message zu verbreiten: mehr Edukation und mehr Leitlinientreue sind notwendig!“, appellierte Feyer. Bei therapierefraktärer CINV zeigte eine auf dem ASCO 20 präsentierte Studie positive Signale für eine Ergänzung der Antiemese mit Cannabidiol/THC (Grimison PS et al. J Clin Oncol 2020; 38: (suppl; abstr 12008)).

 

CINV-Prophylaxe mit NEPA im klinischen Alltag wirksam

Bei Gynäko-Onkologen seien Antiemese-Leitlinien und die Relevanz einer adäquaten Antiemese meist sehr gut bekannt und umgesetzt, so Feyer weiter. Wie gut eine solche leitliniengerechte Antiemese mit der Fix-Kombination aus dem NK1-RA Netupitant und dem 5-HT3-RA Palonosetron (NEPA, Akynzeo®) im klinischen Alltag funktionieren kann, verdeutlichte die auf dem ASCO20 Virtual präsentierte deutsche Beobachtungsstudie AKYPRO. Die nicht-interventionelle Studie mit knapp 2500 Patienten untersuchte die Wirksamkeit von NEPA und den Einfluss der CINV-Prophylaxe mit NEPA bei HEC und MEC auf die Lebensqualität über drei aufeinanderfolgende Chemotherapiezyklen (Schilling J et al. J Clin Oncol 2020; 38: (suppl; abstr 12095)). Die Lebensqualität wurde in FLIE-Fragebögen und Patiententagebüchern, die Wirksamkeit der Antiemese in Patiententagebüchern von den Patienten als Patient Reported Outcomes (PROs) selbst dokumentiert. Das mediane Alter der Studienteilnehmer lag bei 58 Jahren, das am häufigsten verabreichte Chemotherapieregime war eine Kombination aus Anthrazyklin und Cyclophosphamid (AC). „Junge Frauen unter einer hoch emetogenen AC-Chemotherapie – das ist die typische Risikokonstellation für CINV“, erinnerte Feyer. 82 % der Studienteilnehmer gaben an, keinen Einfluss auf ihr tägliches Leben durch Erbrechen gehabt zu haben. Keine Beeinflussung durch Übelkeit gaben je nach Zyklus zwischen 54 % und 65 % der Befragten an. Zwischen 81 % und 84 % der Patienten litten in allen drei Chemotherapiezyklen nicht unter Erbrechen und nahmen keine Notfall-Medikation ein. Zwischen 62 % (HEC) und 75 % (MEC) der Patienten litten nicht unter moderater oder schwerer Übelkeit. Übelkeit sei schwieriger zu kontrollieren, das zeige sich immer wieder, konstatierte Feyer. Die Verträglichkeit der oralen Antiemese mit NEPA war dabei gut, die häufigste NEPA-assoziierte Nebenwirkung war Obstipation bei 2,9 % der Patienten. „Die Antiemese mit NEPA muss dabei nicht mehr notwendigerweise oral als Tablette eingenommen werden, sondern kann nun auch intravenös erfolgen“, ergänzte Feyer. NEPA steht in Kürze auch als Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung zur Verfügung (Fachinformation Akynzeo® 235 mg/0,25 mg Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung. Stand: März 2020).

Für Patienten ausgesprochen belastend sind Schluckstörungen wie sie durch eine Strahlentherapie bei Kopf-Hals-Tumoren häufig sind. Eine randomisierte Phase-III-Studie bei 112 Patienten mit neu diagnostizierten Kopf-Hals-Tumoren konnte durch eine Dysphagie-optimierte, intensitätsmodulierte Strahlentherapie (IMRT), bei der die Strahlendosis an Dysphagie- und Aspiration-beeinflussenden anatomischen Strukturen reduziert ist, deutliche Verbesserungen gegenüber einer Standard-IMRT erzielen (Nutting C et al. J Clin Oncol 2020; 38: (suppl; abstr 6508)). „Die Patienten profitieren deutlich von der reduzierten Strahlendosis in dem Bereich, was natürlich nur möglich ist, wenn nicht gerade dort der Tumor sitzt. Supportivtherapie ist ein Segen zum Erhalt der Lebensqualität.“, resümierte Feyer.

 

Autorin: Mascha Pömmerl, Feldkirchen-Westerham

 

 


Quelle: Virtueller Münchener Fachpresse-Workshop der POMME-med GmbH und DP-Medsystems AG am 24.06.2020. Gemeinsame Sponsoren: DMMP Vertrieb und Dienstleistungen im Gesundheitswesen GmbH & Co. KG, GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG, Iscador AG und RIEMSER Pharma GmbH. (tB)

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