Aktuelle Kongressdaten zum metastasierten Mammakarzinom und kolorektalen Karzinom sowie Neues zur onkologischen Komplementärmedizin

München (13. Juni 2022) — Das Mamma- und das kolorektale Karzinom standen bei einem virtuellen Fachpresseworkshop im Fokus der Zusammenfassung der Highlights von zwei großen onkologischen Kongressen – dem Jahreskongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO 2022) und dem diesjährigen Brustkrebskongress der European Society for Medical Oncology (ESMO Breast). Ergänzt wurden die Kongressdaten durch Neuigkeiten zur onkologischen Komplementärmedizin.

 

State-oft-the-Art-Therapie bei HR-positivem metastasiertem Mammakarzinom 

Therapie der ersten Wahl für Patientinnen mit metastasiertem Hormonrezeptor (HR)-positivem, HER2-negativem Mammakarzinom ist heute die endokrine Kombinationstherapie mit einem CDK4/6-Inhibitor, erklärte Prof. Dr. Bahriye Aktas, Leipzig. Dabei werden die Inhibitoren der Cyclin-abhängigen Kinasen 4 und 6 zusammen mit einem Aromatase-Inhibitor oder Fulvestrant eingesetzt, bei prämenopausalen Patientinnen zusätzlich mit einem GnRH-Analogon. Die endokrin-basierten Kombinationstherapien mit einem CDK4/6-Inhibitor haben ihre Überlegenheit gegenüber endokrinen Monotherapien in einer Vielzahl von Studien unter Beweis gestellt, dabei konnte Ribociclib (Kisquali®) in den Studien MONALEESA-2, MONALEESA-3 und MONALEESA-7 auch hinsichtlich des Gesamtüberlebens (OS) einen signifikanten Vorteil demonstrieren (2-5).

 

Gesamtüberlebensvorteil mit Ribociclib in der Erstlinientherapie

In der MONALEESA-3-Studie waren postmenopausale Patientinnen mit fortgeschrittenem HR+/HER2-negativem Mammakarzinom, die im fortgeschrittenen Krankheitsstadium maximal eine endokrine Vortherapie erhalten haben durften, entweder mit Ribociclib in Kombination mit Fulvestrant oder mit Fulvestrant plus Placebo behandelt worden. Nun wurde auf dem ESMO Breast 2022 eine Subgruppenauswertung der explorativen OS-Analyse der Studie mit einer weiter verlängerten Nachbeobachtungszeit vorgestellt, die nur die in der Erstlinie behandelten Patientinnen dieser Phase-III-Studie einschloss. Die aktuelle Auswertung basiert auf einer medianen Nachbeobachtungszeit von 70,8 Monaten und zeigt bei den Patientinnen, die eine Erstlinientherapie mit Ribociclib und Fulvestrant (n=237) erhalten hatten, ein medianes OS von 67,6 Monaten im Vergleich zu 51,8 Monaten bei Patientinnen unter Fulvestrant plus Placebo (n=128; HR 0,673; 95 %-KI: 0,504-0,899) (1). Das entspricht einem absoluten OS-Vorteil von median 15,8 Monaten und einer relativen Reduktion des Sterberisikos um 33 % zugunsten der Kombinationstherapie mit Ribociclib. Auch beim medianen progressionsfreien Überleben (PFS) 2 (50,7 vs. 34,6 Monate; HR 0,64) sowie der medianen Zeit bis zur ersten Chemotherapie (49,2 vs. 29,0 Monate, HR 0,62) ließen sich klare Vorteile zugunsten der Erstlinienkombination mit Ribociclib beobachten. Dies zeige den „Carry-Over-Effekt“ der Erstlinientherapie mit Ribociclib und Fulvestrant, so Aktas; der Vorteil dieser Kombination bleibe im Krankheitsverlauf auch während der auf über fünf Jahre verlängerten Nachbeobachtungszeit erhalten. „Dass Ribociclib in allen drei zulassungsrelevanten Phase-III-Studien des MONALEESA-Studienprogramms einen signifikanten und klinisch relevanten Vorteil im Gesamtüberleben zeigen konnte, ist wirklich beachtlich“, bilanzierte Aktas.

Im Unterschied zu diesen positiven OS-Daten zeigte eine andere, auf dem ASCO 2022 präsentierte Phase-III-Studie mit einer endokrin-basierten Erstlinientherapie bei postmenopausalen Patientinnen mit HR-positivem, HER2-negativem Mammakarzinom keine statistisch signifikante Verlängerung des OS. Obwohl die Kombination von Palbociclib und Letrozol in der PALOMA-2-Studie zunächst zu einer statistisch signifikanten Verlängerung des PFS geführt hatte, wurde mit einem medianen OS von 53,9 Monaten unter Palbociclib und Letrozol versus 51,2 Monaten unter Placebo plus Letrozol zwar ein numerischer OS-Vorteil für zusätzliches Palbociclib beobachtet, der aber die statistische Signifikanz in der Intention-To-Treat-Population verfehlte (HR 0,956; p = 0,3378). Allerdings zeigte sich eine deutliche Verlängerung der Zeit bis zur ersten Chemotherapie durch Palbociclib plus Letrozol (HR 0,730). Zu beachten ist, dass in der Studie knapp 22 % der Patientinnen nach der adjuvanten Therapie ein therapiefreies Intervall (TFI) ≤ 12 Monaten hatten. Die Patientinnen mit einem TFI > 12 Monaten profitierten hinsichtlich des OS deutlich von der Kombinationstherapie. Aktas‘ Fazit: „In der PALOMA-2-Studie fehlten bei dieser Auswertung außergewöhnlich viele Überlebensdaten aus dem Kontrollarm, was die Interpretation der Studienergebnisse schwierig macht. Trotzdem bleibt festzustellen, dass wir hinsichtlich des Gesamtüberlebens negative Studiendaten haben.“

 

Ribociclib-basierte Kombination nach Progress unter CDK4/6-Inhibitor

Daten für das Konzept, nach einem Progress unter CDK4/6-Inhibitor-basierter Therapie erneut einen CDK4/6-Inhibitor einzusetzen, lieferte beim ASCO 2022 die MAINTAIN-Studie (6). In der Phase-II-Studie erhielten Patient:innen mit einem Krankheitsprogress unter endokriner Therapie in Kombination mit einem CDK4/6-Inhibitor, die im metastasierten Stadium maximal eine Chemotherapie erhalten hatten, entweder Ribociclib plus eine andere antihormonelle Therapie als vorher („Switch ET“) oder eine geänderte endokrine Therapie plus Placebo. Es zeigte sich sowohl nach 6 als auch nach 12 Monaten eine signifikante Verbesserung des PFS durch Ribociclib in Kombination mit der neuen endokrinen Therapie, wie Aktas berichtete. „Damit haben wir die ersten Daten, die nach Progress unter CDK4/6-Inhibitor plus endokriner Therapie einen Vorteil für Ribociclib in Kombination mit einer geänderten endokrinen Therapie zeigen.“

Ebenfalls positive Daten zur Therapie des metastasierten HR-positiven Mammakarzinoms lieferte die TROPiCS-02 Studie (7). Erste Ergebnisse der Phase-III-Studie, die das gegen TROP2-gerichtete und derzeit nur beim metastasierten triple-negativen Mammakarzinom zugelassene Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (ADC) Sacituzumab Govitecan (SG) bei 543 Patient:innen mit metastasiertem oder lokal fortgeschrittenem, inoperablem HR-positivem, HER2negativem Mammakarzinom mit einer Chemotherapie nach Wahl des Prüfarztes verglich. Die Patient:innen waren intensiv vorbehandelt: im Median hatten sie bereits drei Chemotherapielinien im metastasierten Stadium erhalten. 95 % hatten bei Studieneinschluss viszerale Metastasen. SG verbesserte das PFS signifikant (HR 0,66; p = 0,0003), der Vorteil wurde in allen Subgruppen beobachtet.

 

Metastasiertes HER2-positives Mammakarzinom – T-DXd bei HER2-low Tumoren hochwirksam

Als „das Highlight des ASCO-Jahreskongresses“ bezeichnete Aktas die Ergebnisse der DESTINY-Breast04-Studie, die das ADC Trastuzumab-Deruxtecan (T-DXd) bei 557 Patient:innen mit nicht-resezierbarem und/oder metastasiertem Mammakarzinom untersuchte, deren Tumoren niedrige Level an HER2 (IHC 1+, IHC 2+/ISH-) exprimierten (HER2-low Tumoren) (8, 9). Gegenüber einer Standard-Chemotherapie führte T-DXd nach einem medianen Follow-Up von 18,4 Monaten zu einer statistisch signifikanten und klinisch relevanten Verlängerung des PFS und des OS. Der Vorteil wurde sowohl bei Patient:innen mit HR+ HER2-low Mammakarzinomen als auch bei HR- HER2-low Tumoren sowie in der Gesamtgruppe beobachtet. Bisher zeigten zielgerichtete Anti-HER2-Therapien bei HER2-low Tumoren keine Wirksamkeit, entsprechend hoch ist die klinische Bedeutung der Studienergebnisse. „Diese Daten werden die Therapielandschaft verändern“, kommentierte Aktas. Die bekannten Nebenwirkungen des ADC bestätigten sich; besonders wichtig ist laut Aktas ein engmaschiges Monitoring auf den Beginn einer interstitiellen Lungenerkrankung (interstitial lung disease, ILD), die frühzeitig mit Kortison behandelt werden müsse. In der Studie kam es zu drei Todesfällen aufgrund einer ILD. Außerdem wurden auf dem ASCO aktualisierte Sicherheitsdaten zu T-DXd aus der DESTINY-Breast03-Studie nach einer längeren Therapiedauer vorgestellt, die weitere Evidenz für das günstige Risiko-Nutzen-Profil von T-DXd lieferten (10). In dem Safety-Update der Studie wurden keine weiteren Fälle einer Grad-3-ILD beobachtet, Fälle einer ILD von Grad 4 oder 5 traten nicht auf.

 

Überlegene Wirksamkeit von Tucatinib bei Hirnmetastasen in der Zweitlinientherapie des metastasierten HER2-positven Mammakarzinoms

Die duale HER2-Blockade mit Trastuzumab und Pertuzumab in Kombination mit einem Taxan stellt beim fortgeschrittenen HER2-positiven Mammakarzinom die derzeitige Standardtherapie in der ersten Therapielinie dar. Für die Zweitlinientherapie ist neben T-DXd auch Tucatinib (Tukysa®) eine empfohlene Therapieoption. Von der Kommission Mamma der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) wird Tucatinib in Kombination mit Trastuzumab und Capecitabin mit ++ als Zweitlinientherapie nach T-DM1-Vortherapie empfohlen (11). Die Ergänzung von Trastuzumab und Capecitabin durch Tucatinib hat in der HER2CLIMB-Studie bei mit Trastuzumab, Pertuzumab und T-DM1 vorbehandelten Patientinnen zusätzlich sehr gute Wirksamkeit bei stabilen, aber auch bei aktiven Hirnmetastasen gezeigt (12). „Die Wirksamkeitsdaten der HER2-Climb-Studie waren überwältigend. Besonders relevant an der Studie war, dass Patientinnen mit aktiven Hirnmetastasen eingeschlossen werden konnten“, erkläre Aktas. Die Inzidenz von Hirnmetastasen nimmt bei Patient:innen mit metastasiertem Mammakarzinom in den letzten Jahren deutlich zu, insbesondere beim HER2-positiven und triple-negativen Subtyp. In einer beim San Antonio Breast Cancer Symposium 2021 präsentierten aktualisierten OS-Analyse der Subgruppe der Patientinnen mit Hirnmetastasen lag das mediane OS der mit Tucatinib + Capecitabin + Trastuzumab behandelten Patient:innen bei 21,6 Monaten gegenüber 12,5 Monaten unter Capecitabin + Trastuzumab (13). Die finale OSAnalyse der HER2CLIMB-Studie ergab, dass zusätzliches Tucatinib das OS in der Gesamtpopulation gegenüber Capecitabin, Trastuzumab, und Placebo signifikant verbesserte (HR 0,73; p = 0,004) (14). Häufigste Nebenwirkung der Therapie mit Tucatinib, Capecitabin und Trastuzumab sind Diarrhoen. „Die Prophylaxe mit Antidiarrhoika ist nicht obligatorisch, aber unproblematisch“, sagte Aktas.

 

Weitere laufende Studien mit Tucatinib

Die laufende HER2CLIMB-05 Studie untersucht nun den Einsatz von Tucatinib bereits in der Erstlinientherapie des metastasierten HER2-positiven Mammakarzinoms (15). Nach einer Induktionsphase mit der Standarderstlinientherapie mit Trastuzumab, Pertuzumab und einem Taxan über 4-8 Zyklen erfolgt eine Erhaltungsphase, in der die vertikale HER2-Blockade in 1:1 Randomisierung entweder mit Tucatinib oder mit Placebo ergänzt wird. Die Gabe des jeweiligen Erhaltungsregimes erfolgt alle 21 Tage (NCT05132582). Die ebenfalls beim diesjährigen ASCO als Trial in Progress präsentierte HER2CLIMB-04 Studie untersucht die Kombination von Tucatinib und T-DXd bei Patient:innen mit metastasiertem oder lokal fortgeschrittenem HER2-positivem Mammakarzinom mit oder ohne Hirnmetastasen (16). Auch Patient:innen mit aktiven Hirnmetastasen sind in der unverblindeten, einarmigen Phase-II-Studie erlaubt. Bisher zeigte die Kombination von Tucatinib und T-DXd in der seit Ende 2020 laufenden US-amerikanischen Studie ein handhabbares Sicherheitsprofil, sodass insgesamt 60 Patient:innen eingeschlossen werden sollen (NCT04539938).

 

Wissenschaftlich fundierte Komplementärmedizin zur Unterstützung der Schulmedizin

Komplementärmedizinische Maßnahmen werden ergänzend und nicht alternativ zur onkologischen Standardtherapieeingesetzt. Diese Art der Therapie wird als integrativ bezeichnet und ist an der Frauenklinik der TU München fester Bestandteil einer onkologischen Therapie, erklärte PD Dr. Daniela Paepke, München. Paepke: „Wir bieten keine Alternativmedizin an.“ Der Bedarf an komplementären Therapien in Deutschland sei hoch, berichtete sie weiter. Als Bestandteil der integrativen Onkologie sind die komplementärmedizinischen Maßnahmen evidenzbasiert und werden mit verschiedenen Zielen eingesetzt. So lindern sie Nebenwirkungen der onkologischen Systemtherapie und verbessern die Lebensqualität der Patient:innen. Dadurch erhöhen sie auch die Therapieadhärenz. Außerdem gebe es auch Daten zur Verbesserung der Prognose, so Paepke.

 

Häufig und belastend – Fatigue

Ein sehr häufiges Symptom bei Tumorpatient:innen ist Fatigue. Während oder kurz nach einer Krebstherapie leiden bis zu 90 % unter Fatiguebeschwerden, nach der Akuttherapie leiden 20–50 % der Betroffenen an einer chronischen Fatigue, wie Paepke darstellte. Die Beeinträchtigung der Lebensqualität durch die anhaltende körperliche und geistige Erschöpfung ist enorm. Zur Behandlung der chronischen Müdigkeit sowie Kraft- und Antriebslosigkeit wird in der S3-Leitlinie Komplementärmedizin (17) in der Behandlung von Onkologischen PatientInnen und der Kommission Mamma der AGO (18) vor allem körperliches Training und Sport (Soll-Empfehlung) empfohlen. „Hier müssen wir aber darauf achten, dass die Betroffenen die empfohlene Bewegung, meist eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining, in ihrem Alltag auch schaffen können“, forderte Paepke. Eine neue Metaanalyse von 2022 zeigt, dass die Tumor-assoziierte Fatigue auch unter einer Misteltherapie signifikant reduziert werden kann (19). Die Effektstärke ist in der gleichen Größenordnung wie therapeutische Sportprogramme. Damit kann die Misteltherapie z.B. besonders relevant für Menschen sein, die sich aufgrund ihres Krankheits- oder Therapiestadiums nicht körperlich betätigen können.

Zur Behandlung der Fatigue könne neben der Misteltherapie auch Ginseng erwogen werden, so Paepke. Die Ergebnisse der randomisierten klinischen Studien seien bei Ginseng allerdings nicht einheitlich, das Evidenzlevel der Kann-Empfehlung für Ginseng sei deshalb niedriger als bei der Misteltherapie. Zu beachten seien die Art und Dosierung des Ginsengs sowie seine potentielle Wirkung als Phytoöstrogen, weshalb die Verwendung bei hormonabhängigen Tumoren unterbleiben sollte. Die AGO empfiehlt Ginseng aufgrund möglicher Wechselwirkungen bei Mammakarzinom-Patientinnen ausdrücklich nicht. Bei Mistelgesamtextrakten hingegen sei die Lage anders, sowohl hinsichtlich des Evidenzlevels, mit zwei aktuellen Metaanalysen, als auch bezüglich der Wechselwirkungen.

 

Aktuelle Evidenz zur Verbesserung von Lebensqualität und Fatigue durch Misteltherapie

Die subkutane Gabe von Mistelgesamtextrakten (Viscum album L.) wie ISCADOR® erhält in der S3-Leitlinie Komplementärmedizin eine Kann-Empfehlung mit Evidenzlevel 1a zur Verbesserung der Lebensqualität bei Patient:innen mit soliden Tumoren. Die Kommission Mamma der AGO vergibt in ihren Therapieempfehlungen eine +/- Empfehlung mit Evidenzlevel 1a für Mistellektine zur Verbesserung therapieassoziierter Nebenwirkungen.

Zwei aktuelle Reviews und Metaanalysen untermauern diese Empfehlung. Eine 2022 publizierte Metaanalyse von 12 randomisierten klinischen Studien (RCT) und 7 nichtrandomisierten Interventionsstudien (NRSI) untersuchte den Effekt von Mistelextrakten auf die Fatigue von Tumorpatienten (19). Die Metaanalyse der RCTs ergab eine durchschnittliche Fatigue-lindernde Wirkung der Mistelextrakte (durchschnittlicher standardisierter Unterschied, SMD) von –0,48 (95% KI –0,82 bis –0,14; p = 0,006). Dies sei ein moderater Effekt und entspreche in etwa dem, was durch körperliches Training zu erzielen sei, erklärte Paepke. Eine weitere Metaanalyse von 26 Publikationen zur Lebensqualität von mit Mistelextrakt behandelten Tumorpatient:innen zeigte gegenüber der Kontrollgruppe eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität an, wobei der Effekt bei jüngeren Patient:innen mit einer längeren Behandlungsdauer stärker ausgeprägt war (20).

Auch wenn die in beiden Metaanalysen eingeschlossenen Studien sehr heterogen waren und die Zahl der untersuchten Studien insgesamt gering war, so sei die in der RCT-Analyse nachgewiesene Effektstärke trotzdem repräsentativ, sagte Paepke. Die Metaanalyse von 2022 entspreche allen Qualitätsanforderungen von Cochrane und PRISMA (Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses) und wurde im International Prospective Register of Systematic Reviews (PROSPERO) registriert. Aus ihrem klinischen Alltag fügte Paepke abschließend hinzu: „Meiner Erfahrung nach haben Sport und Mistel bei Fatigue einen additiven Effekt.“ Außerdem verwies sie darauf, dass in vitro-Daten keine Interaktionen zwischen dem Tamoxifen-Metaboliten (E/Z)-Endoxifen und CYP3A4/5 sowie CYP2D6 gezeigt hatten (21), was auf die Kombinierbarkeit von Tamoxifen und Mistelextrakten hindeute.

 

Highlights vom ASCO 2022 zum kolorektalen Karzinom

Beim metastasierten kolorektalen Karzinom (mCRC) hat der Erfolg der Erstlinientherapie nachhaltigen Einfluss auf die weitere Prognose der Betroffenen, das heißt die Wahl der Erstlinientherapie schafft die Voraussetzungen für spätere therapeutische Möglichkeiten im „Continuum of Care“. Ob Patient:innen mit mCRC in der Erstlinie eine Chemotherapie-Doublette in Kombination mit einem monoklonalen EGFR-Antikörper wie Panitumumab (Vectibix®) oder einem VEGF-Antikörper erhalten, bestimmen Tumorlokalisation und Mutationsstatus der Betroffenen. „Auch wenn EGFR-Inhibitoren bei Patienten mit mCRC und RAS-Wildtyp (RASwt) zugelassen sind, werden sie in der Praxis nur bei linksseitigen Tumoren eingesetzt“, konstatierte Prof. Dr. Dominik Paul Modest, Berlin. Auch die Leitlinien empfehlen bei Vorliegen eines RASwt die Chemotherapie-Doublette mit einem EGFR-Inhibitor zu kombinieren (22).

 

Prospektive Phase-III-Studie bestätigt: Panitumumab ist Bevacizumab als Chemotherapiepartner bei linksseitigen Tumoren überlegen

Auf dem ASCO 2022 wurde nun mit der Phase-III-Studie PARADIGM die erste Studie vorgestellt, die prospektiv die Überlegenheit des EGFR-Antikörpers Panitumumab gegenüber dem VEGF-Antikörper Bevacizumab jeweils in Kombination mit Chemotherapie bei Patient:innen mit linksseitigem RASwt mCRC testete (23). Kombiniert wurden beide Antikörper mit mFOLFOX6. Die Studie mit einem rein asiatischen Kollektiv war groß, 826 Patient:innen wurden randomisiert, 811 wurden behandelt. Knapp ein Viertel der Studienteilnehmer:innen hatte einen rechtsseitigen Tumor, so dass die Effektivität – primärer Endpunkt war das Gesamtüberleben – in der Gesamtpopulation und bei den Betroffenen mit linksseitigen Tumoren ausgewertet wurde. Erwartungsgemäß war die Kombinationstherapie mit Panitumumab der mit Bevacizumab überlegen: Das mediane Gesamtüberleben war in der Subgruppe mit linksseitigen Tumoren mit 37,9 vs. 34,3 Monaten signifikant verlängert; das Risiko zu versterben wurde um 18 % reduziert (HR 0,82; 95,798%-KI: 0,68-0,99; p = 0,031). In der Gesamtpopulation betrug das mediane OS 36,2 Monate unter Panitumumab vs. 31,3 Monate im Bevacizumab-Arm (HR 0,84; 95%-KI: 0,72-0,98; p=0,030). „Auch wenn der Vorteil in dieser asiatischen Studie nicht so groß war wie erwartet, sehen wir mit der PARADIGM-Studie einen klaren, prospektiv evaluierten Unterschied“, kommentierte Modest. Auch die Ansprech- und die R0-Resektionsraten waren im Panitumumab-Arm höher, so dass die Autoren der Studie Panitumumab + mFOLFOX als Erstlinien-Kombinationsschema für Patient:innen mit linksseitigem RASwt mCRC etabliert sehen.

 

Chemotherapie-Triplette bringt keinen Vorteil, intermittierende Therapie ist möglich

Die ebenfalls beim ASCO präsentierte TRIPLETE-Studie zeigte, dass eine ChemotherapieTriplette (FOLFOXIRI) plus Panitumumab der Doublette FOLFOX plus Panitumumab nicht überlegen war (24). „Ansprech- und R0-Resektionsraten waren bei Verwendung einer Chemotherapie-Triplette sogar schlechter“, konkretisierte Modest und resümierte: „Damit bleibt es dabei: die Chemotherapie-Doublette plus EGFR-Antikörper ist beim linksseitigen RASwt mCRC der Therapiestandard.“

Dass die Kombinationstherapie mit Panitumumab nicht kontinuierlich durchgeführt werden muss, zeigte die IMPROVE-Studie, bei der FOLFIRI plus Panitumumab auch mit therapiefreiem Intervall („Stop and go“) eingesetzt wurde und gegenüber kontinuierlichem FOLFIRI plus Panitumumab hinsichtlich des PFS unter Therapie nach 1 Jahr leicht überlegen war (25).

 

Erste Studiendaten liefern Hinweise auf extreme Sensitivität von MSI-H-Rektumkarzinomen gegenüber Immuntherapie 

Bei Tumoren mit hoher Mikrosatelliteninstabilität (MSI-H) bzw. Mismatch-Reparatur-Defizienz (dMMR) funktioniert die Korrektur von Basen, die bei der Replikation falsch in DNA-Stränge eingebaut wurden („Mismatch“) durch bestimmte Reparaturproteine nicht. Aufgrund von Mutationen in den MMR-Genen ist die DNA-Reparatur bei diesen Tumoren deutlich reduziert, was die Therapie mit Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI) bei den Betroffenen vielversprechend macht. Auf dem ASCO wurde eine Phase-II-Studie vorgestellt, die eine PD-1-Blockade als kurativ intendierte Therapie bei Patient:innen mit lokal fortgeschrittenem, dMMR Rektumkarzinom untersuchte (26). Präsentiert wurden die Ergebnisse von 12 der zur Rekrutierung angestrebten 30 Patient:innen. Die sechsmonatige Monotherapie mit Dostarlimab führte in allen Fällen zu einem kompletten Ansprechen (ORR 100 %). Die Aktivität der Anti-PD1-Therapie sei beeindruckend, sagte Modest, verwies aber auch auf die noch sehr kurze Nachbeobachtungszeit (medianes Follow-Up 6,8 Monate). MSI-H Rektumkarzinom seien ausgesprochen selten, so Modest, eine randomisierte Studie mit einem ICI werde es wohl nicht geben.

Mascha Pömmerl, Feldkirchen-Westerham

 

Literatur

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  9. Modi S et al. N Engl J Med 2022; doi: 10.1056/NEJMoa2203690. Online ahead of print.
  10. Hamilton EP et al. ASCO Annual Meeting 2022; Abstract 1000.
  11. AGO e.V. in der DGGG e.V. sowie in der DKG e.V. Guidelines Breast Version 2022.1D. Chemotherapie mit oder ohne zielgerichtete Substanzen beim metastasierten Mammakarzinom. https://www.ago-online.de/fileadmin/agoonline/downloads/_leitlinien/kommission_mamma/2022/Einzeldateien/AGO_2022D_1 9_Chemotherapie_beim_met._MaCa.pdf.
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  18. AGO e. V. in der DGGG e.V. sowie in der DKG e.V. Guidelines Breast Version 2022.1D. Komplementäre Therapie. Survivorship. https://www.agoonline.de/fileadmin/agoonline/downloads/_leitlinien/kommission_mamma/2022/Einzeldateien/AGO_2022D_2 3_Komplementaermedizin.pdf.
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  25. Avallone A et al. ASCO Annual Meeting 2022; Abstract 3503.
  26. Cercek A et al. ASCO Annual Meeting 2022; Abstract LBA5.

 

Autorin: Mascha  Poemmerl, Feldkirchen-Westerham

 

 


Quelle: Virtueller Fachpresse-Workshop „News von aktuellen Kongressen: ASCO und mehr“ der 21up GmbH am 13. Juni 2022. Gemeinsame Sponsoren: Amgen GmbH, Iscador AG, Novartis Pharma GmbH, Seagen GmbH. (tB)

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